„Er hat immer gesagt „Die Lichte bei Torgau“ …

von Jens Thöricht
Bunker
Mit diesen Worten beginnt die Löbauer Landtagsabgeordnete Heiderose Gläß ihren Vortrag über einen aus Schlesien stammenden Antifaschisten, der während der faschistischen Diktatur unter anderem im Konzentrationslager Lichtenburg eingesperrt war. Es handelt sich um ihren Vater, Alfred Schneider. Wir sitzen im Seminarraum der KZ-Gedenkstätte Lichtenburg Prettin, die Stimmung ist bedrückend. Heiderose Gläß lässt uns an ihren sehr persönlichen Erinnerungen und Aufzeichnungen ihres Vaters teilhaben.
Wer war dieser Alfred Schneider? Am 28. Juni 1908 in Schlesien geboren, wächst er in einer sozialdemokratischen Arbeiterfamilie auf. Als junger Mensch erlebt er mit seinen sechs Geschwistern den Hunger und die Bemühungen der Mutter, Essen zu besorgen. Er absolviert eine Lehre als Hauer, arbeitet ab 1930 in diesem Beruf. 1932 heiratet er. Ein Jahr später beginnt seine illegale Arbeit. Er verteilt Zeitungen, klärt über die Absichten der Faschisten auf. Nach seiner Verhaftung wird ihm im Januar 1935 im damaligen Breslau der Prozess wegen Vorbereitung zum Hochverrat gemacht. Nach Ablauf der Strafe wird Schutzhaft angeordnet. Nachdem er im KZ Lichtenburg und im KZ Sachsenhausen eingesperrt war, wird Alfred Schneider am 5. Februar 1937 entlassen. Er nimmt seine Arbeit als Bergmann wieder auf und arbeitet bis zum 11. November 1942 illegal gegen die Faschisten. An diesem Tag wird er zu Wehrmacht einberufen und soll als „Kanonenfutter“ im Strafbataillon 999 in Afrika kämpfen. Am 31. Mai 1946 wird er aus der Kriegsgefangenschaft entlassen. Er stirbt am 10. Oktober 1992 in Thüringen.
„Ein schwarzer Sonntag“ – mit diesen drei Worten beschreibt Alfred Schneider den Tag seiner Verhaftung durch die Gestapo. „Es war am 25. März 1934. Am frühen Morgen kam der Genosse Helmut F. zu mir und sagte: Alfred, man ist uns auf der Spur, vernichte alles Material und sei auf der Hut“, schreibt der Verhaftete nach dem Zweiten Weltkrieg. Material in Form von Zeitungen und Broschüren zum Verteilen in der Arbeiterschaft erhielt die Gruppe um Schneider von Genossen aus der Tschechoslowakei. Sie berieten miteinander, wie der Kampf gegen die Nazidiktatur weiter geführt werden sollte. „Der Empfang und das Wiedersehen mit den Genossen war ein sehr trauriges Erlebnis. Wir wurden mit Gummiknüppeln und Ochsenziemern zusammengeschlagen und in Einzelhaft gehalten“, schreibt Schneider Jahre später.
Nach dem Aufenthalt im KZ Lichtenburg (der Lichte bei Torgau) wird er mit weiteren Häftlingen in das KZ Sachsenhausen überstellt. Darüber schreibt er:
„In dieser Zeit habe ich sehr viel Trauriges und Schweres erlebt. Ein Erlebnis werde ich nicht vergessen, so alt ich werde. In den ersten Wochen im November 1936 wurden wir in der Nacht auf den Appellplatz alarmiert. Es waren sieben Häftlinge entkommen, durch einen Gang unter dem Stacheldraht, den sie gegraben hatten. Die ganze Nacht wurde untersucht und zahlreiche Häftlinge erbarmungslos zusammengeschlagen. Am anderen Tag standen sieben Kreuze auf dem Appellplatz. Wir erlebten, dass sechs Häftlinge an diesen aufgehängt waren und zu Tode gequält und erschlagen wurden. Das siebte Kreuz blieb leer.“
Heiderose Gläß liest die Zeilen vor. Die Stille zeigt mir, dass die Anwesenden nachdenken. Keiner wagt zu sprechen. „Ich dachte mit meiner Schwester, der Vater bringt was durcheinander. Wir wollten diese Erzählung nicht glauben. Vielleicht hat er später ,Das siebte Kreuz‘ von Anna Seghers gelesen, das handelt von einer Begebenheit im KZ Dachau“, meint sie. Am 25. Juni 2014 aber erscheint im „neuen Deutschland“ ein Artikel unter der Überschrift „Das siebte Kreuz von Sachsenhausen“. Der Vater der Löbauer Landtagsabgeordneten Heiderose Gläß hatte Recht, es ist so passiert. Seine Zeilen sind wahr.
Im Anschluss an den emotionalen Einblick in das Leben ihres Vaters führt uns die Leiterin der Gedenkstätte durch dieselbe. Wir betreten den „Sandhof“, den Platz, an dem die Häftlinge „Lagersport“ machen mussten. Dabei mussten sie bis zur völligen Entkräftung exerzieren. Im „Bunker“, jener Stätte, die von den Häftlingen „Färberei“ genannt wurde, erahnen wir das Geschehene, die Folter und Misshandlungen. Die Häftlinge wählten den Begriff „Färberei“, da die dort Eingesperrten oftmals so starken Misshandlungen ausgesetzt waren, dass sie blutüberströmt und grün und blau geschlagen aus dem Arrest entlassen wurden. Wir gedenken der Gemarterten, den Toten und legen Blumen an einer Gedenktafel im „Bunker“ nieder.

Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung, der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel. Das sind wir unseren gemordeten Kameraden, ihren Angehörigen schuldig.
(aus dem Schwur von Buchenwald)