Ein unverhofftes Opernerlebnis

von Ralf Becker

Ich sprang aus der Badewanne, holte das Telefon und wählte, um Radio Figaro zu erreichen. Es ist frühmorgens, gerade hatten sie „Norma“ in der Chemnitzer Oper vorgestellt und Freikarten angeboten, eine Oper von Vinzento Bellini. Immer, wenn sie Veranstaltungen oder Bücher vorstellen, werden auch Freikarten bzw. Freiexemplare für Anrufer angeboten. Ich hatte es früher schon manches Mal versucht, aber nie Glück gehabt. Mein Teppich wurde nass, ich wählte zweimal vergeblich, beim dritten Mal war plötzlich eine nette Frauenstimme am anderen Ende. Ich fragte suggestiv, die Karten für „Norma“ seien wohl schon wieder weg. Die Frau sagte: Nein, die Karten sind noch nicht weg, sie möchte meine Personalien aufnehmen, damit ich in die Auslosung komme. Offenkundig wollte sie es spannend machen, denn nachdem sie meine Personalien hatte, sagte sie, sie könne mir mitteilen, dass ich zwei Freikarten gewonnen habe. Ich konnte es fast nicht glauben. Gegen Mittag googelte ich die Telefonnummer vom Kartenservice der Oper, um mich zu vergewissern. Nachdem ich weitergeleitet wurde und eine Rückrufnummer erhielt, hatte ich dann den zuständigen Mitarbeiter an der Strippe, der mir alles bestätigte – Karten an der Abendkasse abholen. Jetzt hatte ich als Single zwei Opernkarten. Das nächste Problem: Wen nehme ich mit, wer ist überhaupt so kurzfristig auf Oper heute Abend ansprechbar? Ich entschied mich für eine relativ neue Freundin, die Künstlerin ist. Es war die richtige Entscheidung, der Abend wurde schön.
Die Oper gehört zu den sog. Belkanto-Opern, da wird richtig in Koloratur „geträllert“ – nicht jedermanns Sache. Die Handlung spielt im alten Gallien, Kelten gegen Römer, Liebesdrama vermischt mit den politischen Besatzungsgegebenheiten. Die Oberpriesterin der Kelten, Norma, hat ein heimliches Verhältnis mit dem Chef der Römer, und zwei Kinder von ihm. Der aber guckt sich nun die junge Novizin des Keltentempels als neue Geliebte aus, die unter Norma dort die heiligen Handlungen lernt. Die Kelten wollen derweil den Aufstand gegen die Römer, aber Norma beschwichtigt sie immer wieder. Es gibt ein dramatisches Finale mit zwei Brandopfern, in dem die Liebe über den Hass siegt, kein Gemetzel.
Die Oper wurde in Italienisch gesungen, es gab viel Beifall für die jeweiligen Soli. Die Texteinblendungen waren sehr hilfreich um die Handlung, vor allem aber auch, um jene Soli, die Selbstdialoge innerer Verzweiflung darstellten, verfolgen zu können. Die Dramatik der Gesänge war sehr ergreifend. Ich kann mich nicht erinnern, durch eine Bühnenaufführung jemals so aufgewühlt worden zu sein. Denn in dem Thema lagen Probleme der (Zwischen-)Menschlichkeit, wie sie auch in jedem persönlichen Leben vorkommen. Nebenbei hatte ich den Gedanken, in Bellini einen Lehrer von Guiseppe Verdi kennen gelernt zu haben.
Es war die letzte Vorstellung, eine gelungene Gemeinschaftsproduktion der Chemnitzer Oper mit der Opera North, Leeds aus Großbritannien. Man hofft, dass sie irgendwann wieder in den Spielplan kommt.