Die „Mutter Courage“ des deutschen Chansons – Gisela May wurde neunzig Jahre alt

von Jens-Paul Wollenberg
Ist es nicht traurig und beschämend zugleich, wenn der Name Gisela May im Gespräch vor allem im Zusam-menhang mit der beliebten Krimigroteske „Adelheid und ihre Mörder“ – mit der langjährigen Loriot-Partnern Evelyn Hamann in der Hauptrolle – erwähnt wird, weil sie, allerdings sehr originell, die Rolle einer wunderlichen Mutter übernommen hatte? Das machte sie sehr gut und bewies auch ihr komödiantisches Talent. Doch geriet dadurch womöglich ihre tatsächliche Fähigkeit als ernstzunehmende Charakterdarstellung zu sehr in Vergessenheit. Wir sollten uns erinnern, dass die May diejenige war, die das deutschsprachige Chanson nicht nur in der DDR maßgeblich prägte. Sie exportierte ihre gesangliche und darstellende Qualität in viele Länder unseres Kontinents, in die Vereinigten Staaten, bis nach Australien, und sie wagte sich an die kongenialen Interpretationen des Großmeisters Jacques Brel. Als Brechtinterpretin wurde sie weltberühmt.
Gisela May ist am 31. Mai 19124 im hessischen Wetzlar als Tochter der Schauspielerin Käte May und des Schriftstellers Ferdinand May auf die Welt gekommen. Im linksorientierten Elternhaus wird Gisela sehr früh mit klassischer Musik und Chansons von Lotte Lenya konfrontiert, ihr Interesse für Theater wird geweckt. Bereits als Jugendliche entwickelt sie den Wunsch, Schauspielerin zu werden. Anfang der Vierziger geht sie nach Leipzig, um dort zwei Jahre lang an der Schauspielschule zu lernen. Von 1942 bis 1944 folgen mehrere Engagements in Görlitz, Dresden und im damaligen Danzig, bis zum Kriegsende. Danach zog es sie wieder nach Leipzig, und sie übernahm mehrere Rollen im Staatstheater Schwerin und im Landestheater Halle. Anfang der Fünfziger wird sie von Wolfgang Langhoff entdeckt, der sie ans Deutsche Theater Berlin bringt.
Auch die DEFA und der Deutsche Fernsehfunk zeigen Interesse an ihr, und sie bekommt mehrere Angebote in deren Produktionen. Parallel zu ihrer Schauspielkunst beginnt „die May“, wie man sie nun liebevoll nannte, auch eine Karriere als Chansonette. Während eines Auftritts im Deutschen Theater will es der Zufall, dass kein geringere als Hanns Eisler im Publikum sitzt und von der May begeistert wird. Es folgt eine enge künstlerische Zusammenarbeit. Ab 1957 konzentriert sie sich auf Bertolt Brecht und greift zu Kompositionen von Kurt Weill, Paul Dessau und natürlich auch Hanns Eisler. Es entstehen unter anderem Chansonprogramme mit Texten von Erich Kästner, dem anarchistisch geprägten Poeten Walther Mehring, dem „Bürgerschreck“ Frank Wedekind und dem Satiriker Kurt Tucholsky. Ab 1962 ist sie Mitglied im Berliner Ensemble, dem sie dreißig Jahre lang treu sein wird. Sie tritt auf als Frau Kopecka im Stück „Schwejk im 2. Weltkrieg“, oder als Frau Peachum in Brechts „Dreigroschenoper“. 1978 übernimmt sie die Rolle der „Mutter Courage“, die bis dahin von Helene Weigel dargestellt worden war. Dieses Stück läuft sehr erfolgreich dreizehn Jahre lang, bis 1992. Nebenher agiert sie ab 1969 als Dozentin für Bühnenpräsentation, Chansonvortrag und Interpretation in der DDR, Italien, der Schweiz, Belgien und in den skandinavischen Ländern. Als Chansonsängern tourt sie durch Europa, Amerika und Australien und produziert bis 1988 über zwanzig Langspielplatten. Ihre LP „Die sieben Todsünden der Kleinbürger“ (Amiga 820732) wird mit dem Grand Prix Du Disque, Paris 1968 und dem Großen Preis der italienischen Schallplattenkritik, Mailand, ebenfalls 1968, ausgezeichnet.
Nach dem Zusammenbruch der DDR wird Gisela May 1992 aus dem Berliner Ensemble entlassen. Seitdem wirkt sie als freischaffende Sängerin und Schauspielerin. Erst seit dem Jahr 2000 ist sie wieder am BE präsent, mit „Gisela May singt und spricht Kurt Weill“. 2004 folgt ein Programm mit jungen Nachwuchskünstlern, das sich dem Schaffen Hanns Eislers widmet und das im Konzerthaus Berlin aufgeführt wird.
Von Gisela May erschienen die Bücher „Mit meinen Augen“, Berlin 1982, und „Es wechseln die Zeiten“, Leipzig 2002. Auch mehrere CDs kamen auf den Markt. Bis 2007 spielt und verkörpert sie, wie eingangs erwähnt, die „Mutti“ in der ARD-Serie „Adelheid und ihre Mörder“.
Im Januar 2013 hatte sie einen Auftritt zur „Kurt-Weill-Wache“ in der Komischen Oper, und am 12. Januar 2014 war sie gefeierter Gast zum Jahresauftakt der Europäischen Linken in der Berliner Volksbühne. Wir wünschen Gisela May alles erdenklich Gute, und: Dass Dein Herz noch lange auf dem linken Fleck schlagen möge.

P.S.: Ich habe noch nie „Mutti“ zu Dir gesagt, Mutter!