Japanische Reise im März

von Klaus Tischendorf
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Immer, wenn der Sächsische Ministerpräsident auf Reisen geht, ist der Sächsische Landtag mit zwei Landtagsabgeordneten dabei – jeweils eine bzw. einer von den Regierungsparteien und von der Opposition. Am 20. März dieses Jahres begab sich Ministerpräsident Tillich auf eine einwöchige Reise nach Japan, an der ich als Oppositionsvertreter teilgenommen habe. Für mich war diese Reise gleich in zweifacher Hinsicht interessant. Es war meine erste Reise nach Asien, und es standen die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Japan und Sachsen auf der Tagesordnung. Wir haben schließlich in unserem Landtagswahlprogramm ausdrücklich beschlossen, dass neben der Sozialpolitik auch wirtschaftspolitische Themen mehr als bisher für DIE LINKE in den Mittelpunkt gestellt werden sollen.
Japan hat 127,5 Mio. Einwohner. In Tokio leben mit 9 Mio. Einwohnern bereits mehr als doppelt so viele Menschen, wie Sachsen Einwohner hat. Im Vergleich mit Deutschland steht Japan vor ähnlichen Herausforderungen der Zukunft. Das betrifft insbesondere die demographische Entwicklung und die Energie- und Rohstoffversorgung. Fast bei jedem Gesprächstermin waren auch die Auswirkungen der Nuklearkatastrophe von Fukushima ein Thema. Japan ist übrigens das einzige Land, das nach dieser Naturkatastrophe alle 50 Atomkraftwerke vom Stromnetz genommen hat. Die dadurch notwendigen, kurzfristigen Sparmaßnahmen mussten übrigens vorrangig die Wirtschaftsunternehmen erbringen, ohne dass es dafür finanzielle Unterstützung durch Steuergelder gab. War die Nutzung der Kernenergie bis zur Katastrophe in Japan kaum infrage gestellt, gibt es gegenwärtig wieder große politische Diskussion, ob sie jeweils wieder ans Netz gehen sollen. Mit einem Mal war der Mythos der großen Sicherheit japanischer Atomkraftwerke zerstört. Auf der Fahrt mit dem Shinkansen-Schnellzug in die Präfektur Yamagata machte dieser auch am Bahnhof von Fukushima halt. Plötzlich war unter unserer Delegation die Atomkatastrophe das Gesprächsthema der Zugfahrt.
Gegenwärtig ist Japan mit 27 Investitionen in der sächsischen Wirtschaft engagiert. Ziel der sächsischen Regierungsdelegation war es, diese japanischen Unternehmen in ihren Stammorten zu besuchen und über den weiteren Ausbau der Kooperationen zu sprechen. Größter japanischer Investor in Sachsen ist die TAKATA-PETRI Sachsen GmbH mit insgesamt 750 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Elterlein, Döbeln und Freiberg. An sächsischen Hochschulen gibt es gegenwärtig 25 Kooperationsvereinbarungen mit japanischen Partnern.
In der Stadt Yonezawa, im Norden der Japanischen Hauptinsel Honshu, sprach unsere sächsische Delegation mit politischen Vertretern und Wirtschaftspartnern von sächsischen Unternehmen, die sich mit der Erforschung und der markreifen Einführung der „organischen Elektronik“ beschäftigen. Hierbei handelt es sich um eine noch recht junge Technologie. Im Gegensatz zur klassischen Mikroelektronik, in der vorwiegend Silizium zur Herstellung von Halbleiterprodukten zum Einsatz kommt, werden bei der organischen Elektronik Kohlenwasserstoffverbindungen genutzt. Der Vorteil liegt vor allem darin, dass diese Produktmaterialien extrem leicht, ultradünn und bedruckbar sind. Zu den wichtigsten Anwendungsgebieten zählen organische Leuchtdioden (OLED). Seit ca. drei Jahren gibt es hier mit der TU Dresden und mittelständigen Unternehmen der Halbleiterindustrie in Dresden und Chemnitz eine Zusammenarbeit. Bei einem Besuch des Forschungszentrums von Yonezawa wurden uns praktische Anwendungen vorgestellt.
Auf dem Weg in den Süden besuchten wir in der Stadt Kariya das weltweit agierende Unternehmen „DENSO Corporation“. Das ist ein an der Tokioter Börse notierter Automobilzulieferer, der besonders in den Bereichen der Automobilelektronik und -mechatronik arbeitet. In Deutschland hat der Konzern seit 1984 seinen Hauptsitz in München. Über die Beteiligung an der TD Deutsche Klimakompressor GmbH (TDDK) in Bernsdorf/Straßgräbchen ist DENSO aber bereits in Sachsen vertreten. In den Gesprächen mit dem Konzernvorstand ging es vor allem darum, darauf hinzuweisen, dass in Sachsen die Automobilindustrie ein wichtiger Partner für eine engere Zusammenarbeit werden kann.
Gleich im Anschluss besuchten wir in unmittelbarer Nähe die Firma „Toyota Industries Corporation“, die ebenfalls Mitgesellschafter der TDDK GmbH ist. Von den über 7 Mio. in der Europäischen Union verkauften Klimakompressoren stammen allein 3,5 Mio. aus dem sächsischen Unternehmen. Auch wurde während unseres Besuchs beim japanischen Unternehmen NAGANO KEIKI in Higashimagome ein Joint Venture mit der in Dresden ansässigen Firma „Intelligente Sensorsysteme Dresden GmbH (i2s) unterzeichnet.
Es wurde auch noch ein „Memorandum of Understanding“ zwischen dem Flughafen Kanasai in Osaka und der Mitteldeutschen Flughafen AG zur engeren wirtschaftlichen Zusammenarbeit besiegelt.
Unsere Delegation begleiteten mehrere Journalisten aus Sachsen. Bei den Besuchen in den Unternehmen hatten diese es aber durchaus nicht immer leicht. In Deutschland sind wir es ja durchaus gewöhnt, dass Berichterstatter bei allen Gesprächsterminen dabei sind. In japanischen Unternehmensleitungen gibt es aber eine andere Vorstellung. Meistens wurden die Medienvertreter zu den offiziellen Beratungen nicht zugelassen, sondern ihnen während dieser Zeit ein Alternativprogramm angeboten. Zeit für Pressetermine wurde dann meist nur für 10 Minuten eingeräumt. Es war also ein Arbeiten unter erschwerten Bedingungen.
Ein besonderer Höhepunkt für mich war der Besuch der Tokioer Suntory Hall. Die gilt als einer der bekanntesten Konzerthäuser weltweit. Am Abend unseres Besuchs gab das Leipziger Gewandhausorchester das letzte Konzert seiner diesjährigen Asien-Tournee. Der große Saal mit mehr als 2.000 Plätzen war fast ausverkauft. Am Ende gab es 15 Minuten unterbrochenen Applaus von den Rängen. Bereits seit 1961 ist das Gewandhausorchester zu Gastspielen nach Tokio gereist und genießt seitdem in Japan einen guten Ruf. Der anschließende Empfang der Musiker bot eine gute Gelegenheit, mit den Orchestermitgliedern und dem Dirigenten, Riccardo Chailly, ins Gespräch zu kommen.
Auch für ein Kennenlernen japanischer Geschichte und Kultur war auf der Reise Gelegenheit. So besuchte ich in Yonezawa den bekannten Uesugi Shrine (Schrein). In ihm wird die Heldengestalt des Useugi Kenshin (1530-1578) verehrt. Er der Anführer des Uesugi Clans und ein edler Samurai-Krieger.
Von der Reise bleiben für mich viele schöne Erinnerungen, etwa von japanischen Gesprächspartnern, die ein ernsthaftes Interesse an einer guten Zusammenarbeit mit Sachsen gezeigt haben. Aber auch die Geschichte von Sachsen, insbesondere die industrielle Entwicklung, waren von Interesse. Beeindruckt hat mich vor allem die Freundlichkeit der Menschen. Die war auch in den Chefetagen der großen Unternehmen vorhanden. Da könnten sich in unserem Land wohl einige ein Beispiel nehmen …
Im Landtagswahlprogramm spricht sich die DIE LINKE dafür aus, den klein- und mittelständischen Unternehmen in Sachsen mehr Aufmerksamkeit zu schenken. So stehen als konkrete Maßnahmen die „Förderung des Wissenstransfers zwischen Wissenschaft und Wirtschaft“ und die „Ausrichtung der Technologiepolitik auf sozial-ökologische Innovationen und ressourcenschonende Produkte“. Auf meiner Reise habe ich einige sächsische Unternehmer kennengelernt, die die Zusammenarbeit mit Japan genau in diese Richtung vorantreiben. Ich habe ihnen zugesagt, dass ich mich in der nächsten Legislaturperiode erkundigen werde, wie die Zusammenarbeit mit Japan weitergeht. Vielleicht gelingt es ja, dass die Vorgaben unseres Wahlprogrammes in konkrete Vorschläge zur Wirtschaftsförderung umgesetzt werden.