Der 22. Juni 1941: Verdammt lang her – doch nicht vergessen

von René Lindenau

Für den preußischen Kriegsphilosophen General Carl von Clausewitz (1780-1831) war der Krieg ein Akt der Gewalt, um dem Gegner zur Erfüllung (unseres) Willens zu zwingen (siehe in „Vom Kriege“). Doch jener Krieg war anders und sollte alles bisher gewesene Kriegsgeschehen in seiner Grausamkeit und Heftigkeit in den Schatten stellen. Der Krieg Hitlerdeutschlands gegen die Sowjetunion war von Anfang an als bis dahin beispielloser Raub- und Vernichtungskrieg konzipiert. Und so kam er in den Morgenstunden jenes 22. Juni auch zur befehlsgemäßen Ausführung. Beispielhaft für das besonders hohe Maß an Menschenverachtung und Brutalität, mit der das faschistische Deutschland den Krieg gegen die Sowjetunion zu führen gedachte, sei auf die Beratung Hitlers mit ca. 250 Generälen und höheren Offizieren der Wehrmacht am 30. März 1941 verwiesen. Für Hitler sollte demnach der Russland-Krieg ein „Weltanschauungskampf“ um die „Ausrottung des Kommunismus für alle Zeiten“ durch die „Vernichtung der bolschewistischen Kommissare und kommunistischen Intelligenz“ werden. Was dem folgte, waren „Kommissarbefehl“, Anweisungen zur Behandlung von sowjetischen Kriegsgefangenen, ein Sonderauftrag von Hitler an Himmler (SS) zur Ermordung „jüdisch-bolschewistischer“ Bevölkerungsteile und der Erlass über die Ausübung der Kriegsgerichtsbarkeit u.a.. Gerade dieser sowie andere Befehle und Weisungen hatten den Charakter von Freibriefen, die auch der Wehrmacht ihren verbrecherischen Stempel aufdrücken sollten. Es waren eben nicht nur SS- und SD-Einsatzgruppen, die sich in kriegsverbrecherischer Weise schuldig machten. Neben der militärischen Eroberung und Vernichtung der Sowjetunion plante man auch bis ins Detail ihre wirtschaftliche Ausplünderung und die Ausrottung ihrer Bevölkerung. Verantwortlich für die wirtschaftliche Ausbeutung der besetzten sowjetischen Gebiete zeichnete Reichsmarschall Hermann Göring, Ja, und ausgerechnet der dicke Göring sagte in einem Gespräch mit dem italienischen Außenminister Graf Ciano im November 1941 folgenden Satz: „In diesem Jahr werden in Russland zwischen 20 und 30 Millionen Menschen verhungern. Und vielleicht ist das gut so, denn gewisse Völker müssen dezimiert werden“. Später sollten dieser Strategie des Aushungerns allein während der Blockade Leningrads über eine Million Menschen zum Opfer fallen. Ebenso in die Schreckensbilanz hitlerschen Treibens gehören die Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen, die man schlicht verhungern ließ.
Sinnigerweise genau 129 Jahre nach Napoleon gefiel es nun Adolf Hitler, in Russland sein Kriegsglück zu versuchen. Napoleon war gescheitert, Hitler würde scheitern. Aber davor warein weiter Weg aus Blut, Tränen, Zerstörung, Entbehrungen, Rückzug, Angriff und Niederlage zurückzulegen. 1418 Tage waren es bis zum Sieg. Besonders die Anfangsphase dieses Großen Vaterländischen Krieges war für die Völker der Sowjetunion opferreich und schmerzvoll. Dass die Wehrmacht trotz erbitterten Widerstandes der Roten Armee solche Anfangserfolge erzielen und so weit ins Land vorstoßen konnte, das dürfte auch auf das Stalinsche Schuldkonto gehen. Denn der rote Bruder Stalin hat es seinem braunen Bruder Hitler etwas leicht gemacht, indem er im Zuge seiner Säuberungen auch die Rote Armee nicht verschonte. So wurde die Hälfte des gesamten Offiziersbestandes von Armee und Flotte Opfer der Stalinschen „Säuberungen“. In Zahlen: etwa 35.000 Mann. Von 6.000 höheren Offizieren vom Oberst aufwärts wurden allein 1.500 hingerichtet (siehe „Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg“, Band 4, S. 51, DVA 1983). Damit fehlten auf allen Ebenen gut ausgebildete und erfahrene Kommandeure, was der gemeine sowjetische Soldat oft mit seinem Blut bezahlen musste. Vermeidbares Blut, kostbares Blut. Einer, der dieser Hölle noch lebend entkam, war Konstantin Rokossowski. Unter Spionagevorwurf festgenommen, überstand er Rippenbrüche, das Ausschlagen von Zähnen und mehrere Scheinhinrichtungen, bevor er überraschend freikam. Im Krieg erfüllte er als Armee-und Frontbefehlshaber seine „Soldatenpflicht“ (Titel seiner Memoiren) und stieg zum Marschall auf. Nach dem Sieg kommandierte er die Siegesparade. Auch solcherart Verirrungen der Geschichte sollten bei der Reflexion auf den 22. Juni nicht ausgeblendet werden.
Trotz alledem – die deutsche Blitzkriegstrategie kam in den Weiten Russlands zum Erliegen. Vor Moskau gelang es, der sieggewohnten Wehrmacht ihre erste große Niederlage beizubringen. Aber bevor die Hitlerarmeen endgültig geschlagen waren, verzeichnet die Chronik noch viele Schlachten. An dieser Stelle seien nur das „Cannae des 20. Jahrhunderts“, die Stalingrader Schlacht und die größte Panzerschlacht am Kursker Bogen erwähnt. Nach dem sowjetischen Sieg in Berlin galt es auch den Preis des Sieges zu ermitteln. Nach Schätzungen des britischen Historikers Prof. Richard Overy wurden durch die faschistischen Raubritter bei ihrem mit deutscher Gründlichkeit durchorganisierten Kriegsverbrechen – Vernichtungskrieg gegen die UdSSR – 70.000 Dörfer, 1.700 Städte, 32.000 Fabriken und 65.000 Schienenkilometer zerstört. Vor allem aber verloren über 27 Millionen Sowjetbürger ihr Leben. In Uniform und in Zivil!
So viel zum geschichtlichen Rahmen des 22. Juni 1941 und seinen Folgen. Das kann man sich nun als Bild aufhängen, darüber nachdenken und seine Schlussfolgerungen ziehen. Denkbar und wünschenswert wäre doch, was Prof. Wolfram Wette meint: „Es wäre daher mehr als nur eine Geste, wenn der Deutsche Bundestag in der am 27. Januar eines jeden Jahres abgehaltenen Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus endlich auch einmal einen Repräsentanten der ehemaligen Sowjetunion zu Wort kommen lassen könnte, der es sich zur Aufgabe machte, an diese Opfer des deutschen Vernichtungskrieges zu erinnern“ (aus: DIE ZEIT Geschichte, Heft 2/2011). In jener Gedenkstunde am 27. Januar 2014 kam es tatsächlich dazu: Der einstige Soldat der Roten Armee, Daniil Granin, dessen literarisches Lebensthema seitdem auch dieser Krieg war, erhielt im Deutschen Bundestag das Wort. Er sprach vor allem von der faschistischen Blockade seiner Heimatstadt Leningrad – noch so ein Schreckensdatum.