Sprache macht Macht!

von Peter Porsch

Das ist so eine Sache mit der Sprache. Landläufig meint man, sie drücke aus, was wir zu sagen beabsichtigen. Das ist ja auch im Normalfall so. Aber wenn wir uns erst einmal auf sie eingelassen haben, bleibt sie nicht unbeteiligt an dem, was wir sagen, und sie wirkt oft ganz subtil, fast unbemerkt. Aber sie wirkt! „Der Einsatz unter Beteiligung aller Sicherheitskräfte konzentrierte sich zunächst auf die Stadt Slawansk“. Diesen Satz habe ich am 13.04.2014 im Internet bei t-online gelesen. „Der Einsatz … konzentrierte sich“? Wer ist dieser „Herr Einsatz“? Er ist immerhin in diesem Satz grammatisches Subjekt. Aber ist er auch der Akteur bei dem Ereignis, über den der Satz etwas aussagt? Nein, er ist es nicht. Der Satz ist nämlich eine „passivähnliche Konstruktion“, wie man in der Sprachwissenschaft sagt. Passiv und passivähnliche Konstruktionen sind „agensabgewandt“, so wiederum die Linguistik. Das heißt, in solchen Sätzen erfahren wir nichts oder nur wenig und Ungenaues über Akteure, über „Täter“. Man könnte hier nun einwenden, es seien im Beispiel die „Sicherheitskräfte“ als Akteure des Einsatzes mit genannt. Das sind sie. Nur wie? „Unter Beteiligung aller Sicherheitskräfte“ lese ich. Also waren sie zumindest nicht die Hauptakteure. Sie waren nur „beteiligt“. Jener „Herr Einsatz“ bleibt weiter geheimnisvoll im Verborgenen, doch ER „konzentrierte SICH“ auf die Stadt Slawansk. Mag sein, meine Argumentation erscheint spitzfindig, wenn auch linguistisch abgesichert. Es steht jedoch schon zuvor dies im Text: „Nachdem Aktivisten immer mehr Verwaltungsgebäude besetzt hielten, sah sich die Übergangsregierung sich (!) zum Handeln gezwungen.“ Der erste Teil des Satzes steht im Aktiv, und wir erfahren deshalb auch, wer da so aktiv wird. Der zweite Teil wird mit diesem „sah sich“ gebildet – vor lauter Beflissenheit gleich falsch, weil zwei Mal. Und dass ja keine Zweifel aufkommen, wer die eigentlichen Schuldigen am Ereignis sind, kommt noch das Verb „gezwungen“ zum Einsatz – „sahen sich gezwungen“! Wer will jetzt noch an der Verteilung von Schuld und Unschuld zweifeln? Doch es geht munter weiter: „Das Innenministerium warf dem Kreml eine Aggression vor und sah sich nun selbst in die Offensive gezwungen.“ Der „Täter“ der Aggression ist klar benannt, das Innenministerium „sieht sich gezwungen.“ „Quod erat demonstrandum“ sagen die Lateiner, „was zu beweisen war.“
Damit keine Missverständnisse aufkommen: Ich habe diesen Text gewählt, weil er demonstriert, wie man mit Sprache Interpretationsmacht erlangt, ohne es ausdrücklich zu sagen. Ob die Verteilung von „Gut“ und „Böse“, die (un)heimlich im Satz mitschwingt, so stimmt oder nicht, darüber enthalte ich mich jetzt des Urteils. Wir wissen aber, Sprache aktiviert Deutungsmuster. Dafür hält sie noch mehr bereit als die Möglichkeit, einen Satz aktiv oder passiv zu formulieren und deshalb Akteure ausdrücklich zu benennen oder die Möglichkeit zu nutzen, über sie zu schweigen. Zum Beispiel ist unser Wortschatz nicht einfach ein ungeordneter Haufen von Benennungsmöglichkeiten. Er ist sortiert. Seine Elemente sind miteinander vernetzt. Quasi in „Planquadraten“ abgelegt findet man jene sprachlichen Mittel, die man braucht, um über bestimmte Wirklichkeitsbereiche zu sprechen oder bestimmte Deutungsmuster hervorzuholen. Die Sprachwissenschaft nennt solche Planquadrate „frames“ (Rahmen). Gerade feiert wieder der frame „Kalter Krieg“ fröhliche Urständ. Man spricht vom „Osten“ und vom „Westen“. Die alten Deutungen schwingen mit: „Osten“ gleich „Reich des Bösen“, „Westen“ als „Reich der Freiheit“. Das eröffnet dem frame „Antikommunismus“ Tür und Tor. Putin wird zu Stalin, Russland zur neu geborenen Sowjetunion. Zugleich findet sich in diesem frame das Inventar für einen rabiaten Antiamerikanismus mit Kritik am selbsternannten „Weltgendarm“. Agentenstories schlagen hüben und drüben Kabolz. Alles, was die frames „Völkerrecht“ und „Menschenrechte“ hergeben, haut man sich kreuzweise um die Ohren. Schmerzlich vermisse ich aber auf beiden Seiten die Wiederbelebung des frames der „flower power“, in dem „make love no war“ oder „petting statt pershing“ auf uns warten. Wer steckt Blumen in die Gewehrläufe? Hallo Woodstock – wir haben ein Problem!