Margaret Thatcher auf der LVV

von Sandro Tröger

Die frühere britische Premierministerin und politische Wegbereiterin des Neoliberalismus, Margaret Thatcher, war im Jahr 1975 als frisch gewählte Oppositionsführerin im britischen Unterhaus auf einem Parteitag der CDU zu Gast. In ihren Memoiren schrieb sie über diesen Besuch mit typischer „stiff upper lip“ und im Ton der Verwunderung, dass sie zwar kein Wort von dem, was geredet wurde, verstanden habe, es aber scheinbar auf Parteitagen in Deutschland üblich sei, mit dem Mund so nah wie möglich ans Mikrofon zu gehen, lauf hineinzurufen, ja fast zu brüllen, und dafür dann den Applaus des Saals zu ernten.

Nun haben spätestens seit der Bankenkrise nicht nur die Geschichte, sondern auch schlichte ökonomische Tatsachen über die Politik dieser Frau ihr Urteil gesprochen. Trotzdem fühlte ich mich als Delegierter und Redner auf der letzten Landesvertreterinnenversammlung an ihre Worte über Parteitage in Deutschland erinnert. Wäre Frau Thatcher am 5. oder 6. April in der „Alten Wollkämmerei“ in Leipzig zu Gast gewesen, hätte sie aber noch erwähnen müssen, dass sich so mancher Redner auch entgegen seiner Gewohnheit lauthals am Mikrofon bemerkbar machen musste, nicht um Applaus heischend die Stimme zu heben, sondern weil im Saal eine permanente Unruhe herrschte, die es zu übertönen und gegen die es anzureden galt.

Wesentlich ruhiger war es, als am Sonntagnachmittag Gregor Gysi sprach. Ihm war die Aufmerksamkeit – vollkommen zu recht – sicher. Ich hätte mir diesen Respekt aber gegenüber allen Rednerinnen und Rednern an diesem Wochenende gewünscht. Denn eines kann ja auch nicht sein: Kommt der „Leitwolf“ aus Berlin, sind alle still und lauschen aufmerksam gespannt seinen Worten. Wenn sich aber eine Kandidatin um Listenplatz XY bewirbt, wird überall im Saal geschwatzt. Auch schlechte, weil vielleicht aufgeregte Rednerinnen und Redner verdienen Respekt und Aufmerksamkeit, zumal die Redezeit auf fünf Minuten begrenzt war.

Dies ist im Übrigen eine Frage der Glaubwürdigkeit. Wer sich politisch glaubhaft für Solidarität und Respekt gegenüber allen Menschen einsetzen will, der muss damit in den eigenen Reihen anfangen. Der aktuelle Erfolg des Buches „Das Hohe Haus“ von Roger Willemsen besteht ja auch darin, dass er sehr klar einen Widerspruch herausarbeitet, nämlich dass diejenigen, die im Bundestag die Gesetze beschließen, im Plenum sitzen und dort oftmals Zeitung lesen, miteinander quatschen, sich in der Nase bohren oder den politischen Gegner mit dümmlichen Zwischenrufen angehen, während auf der Besuchertribüne diejenigen Platz nehmen, die sich an die beschlossenen Gesetze zu halten haben, sich aber im Hohen Haus nicht einmal räuspern dürfen, ohne vom Besucherdienst streng angeschaut zu werden, der immer in der Angst agiert, die Würde des Parlamentes könnte durch Gäste eine Störung erfahren.

Jeder Redner und jede Rednerin hat Aufmerksamkeit verdient, gerade wenn die Redezeit strikt begrenzt ist. Gregor Gysi ist ein glänzender Redner, an den nur wenige herankommen. Für mich ist es aber auch eine Frage der Gerechtigkeit, nicht nur dem exzellenten Fraktionsvorsitzenden aufmerksam zu lauschen, sondern auch dem ungeübten Redner. Wer sich für die im Saal gehaltenen Reden nicht interessiert, kann gern außerhalb des Saals das Gespräch mit anderen suchen. Und wer vor der Vorstellung einzelner Bewerberinnen und Bewerber schon weiß, wen er wählt, kann ja trotzdem zuhören und Interesse bekunden. Die Gefahr, dadurch dümmer zu werden, ist nicht gegeben.