Leipziger Buchmesse-Report

Vom schwarzen Kaiserreich zur brasilianischen Moderne
Ralf Richter war auf der Buchmesse

Willkommen zur Leipziger Buchmesse

Foto: Ralf Richter

Der 16. März war in Sachsen ein Vorfrühlingstag, den man getrost „unter Glas“ verbringen konnte. So regnerisch, kühl und windig war es. Manche machen bei so einer Gelegenheit einen Schaufensterbummel, doch die bessere Alternative an dem speziellen Tag war es eindeutig, zur Messe zu fahren, zur Leipziger Buchmesse. In Riesa hat der Regionalexpress Verspätung, und als er dann endlich da ist, besteht er nur aus zwei übervollen Waggons. Reinkommen ist alles, Sitzen unmöglich. Kein Kontrolleur hätte hier die geringste Chance, auch nur fünf Meter vorwärts zu kommen. In der S-Bahn ab Leipzig Hauptbahnhof ist das Raumangebot größer. Dort erzählt einer: „Gestern war der Zug aus Dresden doppelt so lang – aber genau so voll!“ Ja, man weiß es inzwischen – die Buchmesse verzeichnete einen neuen Besucherrekord. Der Sonntag ist, was die Veranstaltungsfülle betrifft, bei weitem nicht so intensiv bestückt wie die vorangegangenen Tage. Es ist schon etwas die Luft raus. Zum „Familientag“ liegt eine Atmosphäre der Entspannung in der Luft, wenn man in Begleitung zahlreicher Manga-Jugendlicher vom Bahnsteig entlang der Straßenbahnschienen zu den Hallen läuft. Große Freude im Pressebüro: Es gibt nicht nur die Dankesrede zur Verleihung des Leipziger Buchpreises zur Europäischen Verständigung von Pankaj Mishra, sondern auch die dazu gehörige Laudatio von Ilja Trojanow – allein um diesen Lesestoff zu bekommen, hat sich der Weg ins Pressebüro gelohnt. Doch mehr dazu ein andermal.
Bei Messebesuchen schwanke ich immer etwas zwischen straffer Planung und Anarchie – eigentlich will ich vier Veranstaltungen besuchen und ich bin wirklich auf dem allerbesten Wege, um mir einen Vortrag anzuhören, in dem es um die „Einflüsse der Literatur auf die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen“ geht. Es sind noch wenige Meter bis zu dem Stand, als ich eine Stimme höre: „Und da stand er vor mir, mein Großonkel, der Kaiser!“ Aha, denke ich, es ist Familientag und hier gibt es eine Märchenstunde – und schaue dann doch vorsichtig bei der Lesung rein. Der untersetzte Mann, der da vorn liest, ist schon älter. Der Einband ist wirklich märchenhaft bunt, doch der Vorleser ist kein Märchenonkel und die Zuhörer sind keine Kinder. „Wer war Haile Selassie?“ fragt er jetzt wieder, der Äthiopier und Autor des Buches „Der letzte Kaiser von Afrika“. Sein Deutsch ist ausgezeichnet. Er erzählt von seiner OP als Kind, im Haile-Selassie-Krankenhaus in Addis Abeba, als er beim Aufwachen aus der Narkose drei Männer an seinem Bett stehen sieht: den Großvater, den Vater und den „König der Könige“, Haile Selassie. Asfa-Wossen Asserate studierte in Frankfurt am Main und begleitete den Kaiser ein letztes Mal im September 1973 durch Deutschland, ein Jahr vor dem Putsch der äthiopischen Offiziere – als die Ära beginnt, in der die DDR und die Sowjetunion Äthiopien unter die Arme greifen und junge Äthiopier u.a. an der Humboldt-Uni Berlin studieren. Der „König der Könige“ ließ sein Volk verhungern und wunderte sich anschließend darüber, dass er 1974 gestürzt wurde. Sein Großneffe beklagt nun im Jahr 2014 in Leipzig, dass in den letzten 40 Jahren das Andenken seines Großonkels, dessen Vorfahre König Salomon gewesen sei, in Äthiopien nicht gepflegt worden sei, und rühmt die „Goldenen Tage“ des Kaiserreiches, in dem es ihm – immerhin Sohn des Gouverneurs von Eritra – so gut gegangen war, während andere Kinder seines Jahrgangs in Afrika kaum etwas zum Essen hatten. Auch für die Gespenster der Vergangenheit bietet die Buchmesse ein Podium, denke ich, und höre dann doch zu Hause „Blackman redemption“ von Bob Marley, einen Song, den der Jamaikaner „dem Kaiser“ gewidmet hat, den auch Nelson Mandela einen „afrikanischen Giganten“ nannte und der in den 50er Jahren als „Vater Afrikas“ galt. Man kann daraus nur lernen: Unsere heutigen scheinbar wichtigen Erkenntnisse erscheinen womöglich im Licht der Zukunft als fatale Irrtümer.
Doch es gibt auch noch einen nicht-kaisertreuen Stand in Leipzig, an dem ein buntes Programm linke Bücher und linke Autoren vorstellt – das Ganze nennt sich „Die Bühne“ und wird von der Rosa-Luxemburg-Stiftung gefördert. Da ich Hans-Dieter Schütt, den ehemaligen Chefredakteur der jungen welt, verpasst habe, entscheide ich mich für neue brasilianischen Literatur „der Marginalisierten“ und für eine Buchvorstellung zum Thema Videospiele. Vom schwarzen äthiopischen Kaiserreich bis zur brasilianischen Moderne sind es in Messetagen nur wenige Meter, und schon beschäftigt man sich mit den „Widerständigkeiten im Land der Zukunft – Andere Blicke auf und aus Brasilien“. Ja, es ist Fußball-WM in diesem Jahr und Olympiade 2016. Die „anderen Blicke“ kommen von Forschern und Aktivisten aus Brasilien bzw. Deutschland und erstrecken sich auf Widerstandsformen wie Straßenproteste, Musik, Literatur, Straßenkunst und städtisches Gärtnern. Interessant finde ich die Geschichte über eine Straßenkino-Betreiberin, die davon träumt, die Favelas mit Straßenkinos zu besetzen. Die Leute vom Unrast-Verlag aus Münster haben das Feld kaum geräumt, da geht es auch schon um Videospiele, ein Markt, der viel größer ist als der Kino-Markt. Besonders im Blickpunkt von „Das virtuelle Schlachtfeld“ von Michael Schulze von Glaßer vom Papyrossa-Verlag ist die Kooperation von Spieleherstellern und Militär – auch um derzeit aktuelle Feindbilder geht es. Beim Egoshooter „Battlefield 4“ geht es darum, möglichst viele Chinesen zu töten – das hat bei der South China Morning Post verständlicherweise nicht nur große Begeisterung ausgelöst, dort erschien ein energischer Protest. Bei anderen Spielen sind die Feinde Araber oder Iraner. Derzeit als Feind etwas aus der Mode gekommen sind die Russen – aber die vorgestellten Videospiele kommen alle aus der Vorkrimkrisen-Ära, das kann sich schnell wieder ändern. Besonders überrascht mich, dass ich von einer tschechischen Firma „Bohemia Interactive“ erfahre, dass ihre Spiele so lebensecht waren, dass sie nun vom australischen Militär angesprochen wurde, um Spiele für die Armee herzustellen. Man müsste sie daran erinnern, dass sie einmal mit zivilen Spielen angefangen haben und jetzt dabei sind, ihr Know-how ans Militär zu verkaufen. Noch hat die Bundeswehr übrigens keine Spielehersteller unter Vertrag, aber es gibt durchaus welche, die mit der Bundeswehr werben, etwa mit Aufnahmen vom Jagdgeschwader 73, das bei Rostock stationiert ist.
Eine richtig große, aber immer volle Bühne, vor der man mit etwas Glück aber doch noch einen Platz ergattern kann, bietet Leipziger Volkszeitung. Hier höre ich dann Ernst Piper, der über sein Buch „Nacht über Europa“ spricht, das ich ganz großartig finde – und werde enttäuscht. Nein, der Autor „kommt nicht rüber“, redet mehr oder weniger schüchtern nur mit dem LVZ-Redakteur. Der Glanz des Buches wird vom Autor nicht versprüht. Es hat schon seinen Grund, wenn gute Schauspieler an Stelle von Schriftstellern Romane als Hörbücher einlesen – auch „Nacht über Europa“ hätte manch anderer als der Autor bei der Buchmesse gewiss besser präsentieren können. Und sonst? Noch kleine Splitter am Rande. „Natürlich romantisch“ von Hinstorff-Verlag folgt den Spuren Caspar David Friedrichs kreuz und quer durch Mecklenburg-Vorpommern, teilt ein kleiner Flyer mit. Eine Anregung für Urlaubstage. Geistige Nahrung für die Naherholung kann man bei der ALG, der Arbeitsgemeinschaft Literarischer Gesellschaften und Gedenkstätten, bekommen.
Fazit: Ich habe einen ganz winzigen Bruchteil des Angebotes gesehen, vielleicht nur 0,01 Prozent. Doch bereits das Wenige war so anregend, dass man einen Leipziger Buchmesse-Besuch nur empfehlen kann – auch wenn die Anreise mitunter doch etwas weniger komfortabel sein kann, aber irgendwann bekommt das die Bahn bestimmt auch noch in den Griff. Allerdings: Man sollte sich schon mehr Zeit nehmen als einen Tag – für die Leipziger „Bücher-Vorfrühlingstage“ im März wäre das angebracht. Wer dieses Jahr nicht da war: Vom 12. bis 15. März 2015 gibt es eine neue Chance!