„Am besten wären freundschaftliche Verhältnisse“

Dr. Wolfgang Schaelike 2

Foto: Ralf Richter

Im Februar feierte in Dresden das Deutsch-Russische Kulturinstitut (DRKI) sein 20-jähriges Bestehen. Das DRKI war die Keimzelle des ersten Russischen Zentrums im deutschsprachigen Raum, das im Herbst seit fünf Jahren bestehen wird. In seiner Rede anlässlich der Vereinigung der Krim mit Russland erinnerte der russische Präsident Wladimir Putin die Deutschen daran, welches Glück es bei der Wiedervereinigung gegeben habe – seit Anfang der 90er Jahre seien die Russen über viele Länder verstreut. Wer sich in Deutschland an den November 1989 erinnert, solle auch die Menschen auf der Krim verstehen. Anlässlich der Irritationen im Ukraine-Konflikt zwischen Russland und Deutschland sprach Links! mit dem langjährigen Leiter des Deutsch-Russischen Kulturinstituts, Dr. Wolfgang Schälike.

Herr Dr. Schälike, Dresden hat im gesamten deutschsprachigen Raum das erste Russische Zentrum bekommen. Vielleicht können Sie einleitend etwas zur Geschichte des Hauses sagen?

Die reicht in der Tat weit zurück. Gleich nach dem Krieg war es für die Sowjetunion noch unklar, was einmal aus der sowjetisch besetzten Zone wird. Aus diesem Grund kaufte die Sowjetunion in Ostdeutschland Immobilien – ca. 200 Stück an der Zahl. Hier in Dresden gehörte dazu diese Villa auf der Zittauer Straße, außerdem Schloss Albrechtsberg.

Das ist eines von den drei Elbschlössern. Ich erinnere mich daran, dass es zu Zeiten meiner Kindheit noch Pionierpalast war und dort jedes Jahr tausende Pioniere hinkamen.

Genau. Wie gesagt, nach 1945 waren die Würfel noch nicht gefallen – eine DDR-Gründung, wie sie ja dann schließlich 1949 erfolgte, war in dieser frühen Nachkriegszeit für niemanden absehbar. Auch in Moskau war man ja damals nicht auf die deutsche Teilung eingestellt, sondern man hatte die Möglichkeit in Betracht gezogen, dass sich Deutschland so wie Österreich entwickelt, also ein blockfreies Land wird, das zu keinem Militärbündnis gehört. Damit hätte die Sowjetunion gut leben können.

Außenminister Lawrow wünscht sich für die Ukraine ebenfalls den Status eines blockfreien Landes. Denkt heute wie auch 1945 bei Deutschland in Russland niemand über eine Teilung der Ukraine nach?

Russland ist an stabilen Verhältnissen in der Ukraine interessiert. Eine Teilung wäre nicht unproblematisch. Am besten wäre es wohl für beide Länder, wenn sie freundschaftliche Verhältnisse miteinander pflegen würden. Bedenken Sie: Es gibt wohl an die drei Millionen Ukrainer in Russland, viele arbeiten dort. In der Ukraine gibt es viele gemischte Familien, ebenso in Russland. Wenn Wladimir Putin von Brudervölkern spricht, dann meint er das auch wirklich so. Denn es ist im wahrsten Sinne des Wortes eine familiäre Erfahrung vielerorts, deshalb sollen Ukrainer möglichst einfach nach Russland zu ihren Verwandten reisen können und Russen aus Russland zu ihren Verwandten in der Ukraine.

Das wäre wohl kaum möglich, wenn die Ukraine in die EU aufgenommen würde, EU-Außengrenze wäre und womöglich noch NATO-Land.

Das kann man sich in der Tat in Russland kaum vorstellen. Ich habe Flugzeugbau bei Moskau studiert und ich sehe auch praktische Probleme. Denken Sie nur an die unterschiedlichen Normen in der EU und Russland – bis jetzt produziert die Ukraine sehr viel für den russischen Markt, nicht nur Raketen- und Militärtechnik. Dann kennen Sie ja die EU-Normen in der Landwirtschaft. In dem Moment, wo die Ukraine den russischen Markt verlieren würde, hätte sie doch nicht automatisch einen festen Platz auf dem EU-Markt. Es würde große auch wirtschaftliche Instabilitäten geben und das nicht nur in der eher agrarisch geprägten West-, sondern auch in der industrialisierten rohstoffreichen Ostukraine, wie zum Beispiel in der Donbass-Region. Wenn Sie wissen, wie die Planwirtschaft von Moskau aus für die gesamte Sowjetunion funktionierte, dann wissen Sie, dass sehr viel aus Russland in der Ukraine investiert wurde.

Das Verhältnis scheint durch die Geschehnisse auf der Krim zwischen der Ukraine und Russland stark belastet.

Russland ist da in einer schwierigen Lage, und die Ukraine nicht minder. In Russland macht man dafür insbesondere den Westen verantwortlich. Es ist bekannt, wer Klitschko finanziert und wie viel die Amerikaner in die sogenannte Opposition investiert haben. Wenn Sie aber genau zuhören, dann lässt Russland zwar an der derzeitigen Putschistenregierung kaum ein gutes Haar – fünf Minister in Kiew und der Generalstaatsanwalt sind Parteigänger der russlandfeindlichen Rechtsextremen –, aber man kritisiert nicht das ukrainische Volk sondern vielmehr eine äußerst unverantwortliche Politik der EU, die die Ukraine vor die Wahl gestellt hat: Entweder ihr seid für die EU oder ihr seid für Russland. Und es war doch jedem klar, der ein wenig die Verhältnisse in der Ukraine kennt, dass das die Meinungen spaltet.

In den Westmedien wird uns die Botschaft verkauft, in Kiew hätten EU-freundliche Kräfte die korrupte Janukowitsch-Clique gestürzt. Wenn man russische Medien verfolgt, hat man das Gefühl, dass darin die Rolle der Nazis, die ja zweifellos kräftig mitmischen, doch stark überbetont wird.

Da ist etwas dran. Der „Rechte Sektor“, das sind 4.000 Mann, also 40 Hundertschaften. Dass die eine ernsthafte Bedrohung für Russland darstellen, bei allem martialischen Auftreten, kann man wirklich bezweifeln. Gleichwohl sieht man in Kiew keine Regierung, mit der man verhandeln könnte. Der Westen hat seit Beginn der Krise eine äußerst einseitige Berichterstattung gepflegt – man stellte sich bedingungslos auf die Seite der „Aufständischen“, ohne zu sagen, wer diese Leute sind. Der russische Vorwurf, dass viele von denen aus der Westukraine nach Kiew gekarrt wurden sind, stimmt. Viele Menschen in der Westukraine leben und arbeiten den Sommer über im Westen – viele in Spanien, Italien, Frankreich als Saisonkräfte und kommen dann den Winter über in ihre Heimat. Diese Leute haben schon etwas von der Welt gesehen und waren in der Tat unzufrieden mit den Verhältnissen in der Ukraine.

Welche Meinung haben Sie zu Janukowitsch?

Ehrlich? Da hat eine Oligarchen-Clique die andere Oligarchen-Clique abgelöst bei den letzten echten Wahlen, als Janukowitsch gewann. Man hält übrigens in Russland selbst nicht besonders viel von Janukowitsch. Medwedjew soll sich geweigert haben, ihm die Hand zu geben. Es ist doch schon auffallend, dass Janukowitsch nicht in der Ost-Ukraine oder auf der Krim geblieben ist, finden Sie nicht? Offenbar ist er sich nach seinen Amtsjahren nicht so sicher, dass man ihn in der Ost-Ukraine wirklich will.

Was will man in der Ost-Ukraine?

Ich denke, man pokert. Für manche könnte es wohl unter einer EU-Anbindung besser sein, andere sehen die Zukunft in einer engeren Bindung an Russland. Wer wird die besseren Angebote machen? Aus meiner Sicht ist heute nicht absehbar, wohin die Reise in der Ukraine geht. Übrigens sollte man auch noch zwei Dinge in Betracht ziehen. Sowohl die Ukraine als auch Russland sind Länder, die erst noch ihre eigene Identität finden müssen. Auch der russische Nationalismus ist sehr stark, das vergisst man im Westen bei aller Putin-Kritik. Vielleicht ist Wladimir Putin das letzte Bollwerk gegen die russischen Nationalisten? Was wird geschehen, wenn diese nach der Macht greifen, in einem Land voller Atomwaffen mit über einhundert Nationalitäten? Wenn der Westen klug ist, wird er Putin unterstützen – auch jetzt in dieser für ihn nicht einfachen Zeit.

Die Fragen stellte Ralf Richter.