Buchtipp: Kulturgeschichte des Ersten Weltkrieges von Ernst Piper

von Pieter Potgieter

Nacht ueber Europa

Foto: Ullstein Buchverlage

Bei einem großen Jubiläum erscheinen meist mehrere, um das Leser-Interesse konkurrierende Werke – so ist es natürlich auch in diesem Jahr, in dem sich der Ausbruch des Ersten Weltkrieges zum einhundertsten Mal jährt. Die „Leit-Medien“ legen sich in solchen Fällen immer rasch auf ihre Favoriten fest: Bereits im Vorjahr wurde die Werbetrommel für das Werk des Australiers Chistopher Clark („Die Schlafwandler“) gerührt – in diesem Jahr nun bekam der Humboldt-Professor Herfried Münkler („Der Große Krieg“) starke mediale Schützenhilfe. Wundert sich ein britischer Kolumnist spöttisch, wieso Clark seine Lesungen nicht mit Pickelhaube hält, so sagt es Münkler, der auch als Militär- und Politikberater fungiert, öffentlich: Wenn die Deutschen am Ausbruch von zwei Weltkriegen schuld waren, wie könnte man dann militärische Einsätze weltweit von der Bundeswehr verlangen? Beide Autoren machen sich also stark um die Reinwaschung verdient. Nein, die Schuld Deutschlands am Ausbruch des Ersten Weltkrieges wird keineswegs geleugnet – aber die anderen waren doch auch schuldig. Das ist eine Revision des Vertrages von Versailles, in dem die alleinige Kriegsschuld Deutschlands eindeutig festgestellt wurde. Ist es Zufall, dass vor dem Hintergrund der historischen „Befreiung von der Kriegsschuld“ nun in der aktuellen Politik das neue „Falken-Trio“ von der Leyen, Steinmeier und Gauck „mehr außenpolitische Verantwortung“ einfordern und dabei nichts anderes als Militäreinsätze meinen?
Wohltuend vom lauten Tschingdarassabumm hebt sich das stille, kluge, ein scheinbar abseitiges Thema behandelnde Werk von Ernst Piper „Nacht über Europa – Kulturgeschichte des Ersten Weltkrieges“ ab. Piper will nicht Geschichte revidieren: Er analysiert. Das Denken und die geistigen Ergüsse großer Schriftsteller, aber auch Künstler wie Max Liebermann. Und er beschäftigt sich mit den Juden auf allen Seiten der Front – also auch mit den französischen und russischen. Es ist ein zutiefst erschütterndes Buch. Flächendeckend war die Begeisterung für den aufbrandenden Nationalismus und immer wieder wird die „Notwendigkeit“ des Krieges „belegt“, als eine Art Reinwaschung von allem „Welschen“, was doch die geradlinigen aufrechten Deutschen in den letzten Jahrzehnten verdorben hätte. Freilich, was sich hier 1914 entlädt, war während der gesamten Zeit des Kaiserreiches ununterbrochen geschürt worden – nach drei siegreichen „Einheitskriegen“ (1864 bei Düppeln in Dänemark, der Sieg 1866 gegen Österreich bei Königgrätz und schließlich der viel gefeierte Sieg von Sedan im Krieg 1870/71 gegen Frankreich) konnte das Offizierskorps vor Kraft kaum laufen – und die durch Friedensjahre sich verweichlicht fühlende Jugend dürstete nach „großen Taten“. Auch die Lebensreformbewegung, zu denen die „Wandervögel“ gehörten, machte eifrig mit.
Mythen wie der vergessene, aber im Dritten Reich allseits präsente und für die Hitler-Jugend zu Gedenkfeiern aufbereitete Langemarck-Mythos werden entzaubert. Die am häufigsten zitierten Sätze eines deutschen Heeresberichtes, die den Mythos begründeten, waren diese: „Westlich Langemarck brachen junge Regimenter unter dem Gesange ‘Deutschland, Deutschland über alles’ gegen die erste Linie der feindlichen Stellungen vor und nahmen sie …“ Tatsächlich starben die anrennenden, kaum militärisch ausgebildeten Schüler und Studenten wie die Fliegen, und die kampferprobten Engländer staunten nicht schlecht über das „grüne Gemüse“, das ihnen da vor die Flinten lief. Den heroischen Gesang dazu stellten schon Zeitgenossen in Frage: Es sei kaum vorstellbar, dass man mit 30 Kilo Marschgepäck auf durchweichtem Lehmboden gegen Maschinengewehrfeuer eine Anhöhe hinauf rennt und dabei im getragenen langsamen Rhythmus die Hymne singt. Höchst bedenklich ist, in welch’ trauter Einheit durch alle Bevölkerungsschichten hindurch – Kosmopoliten, Anarchisten wie Mühsam, Schriftsteller wie Gerhart Hauptmann und jüdische Maler wie Max Liebermann und die Mehrheit der Sozialdemokraten eingeschlossen – es gelang, eine national-patriotische, geradezu kriegslüsterne Grundhaltung zu erzeugen, die erst allmählich in Frage gestellt wurde, als der versprochene schnelle Sieg nicht eintreten wollte. Es stößt bitter auf, mit welchem Engagement sich alle bei der geistigen Mobilmachung einbrachten. Die einstigen Frankreich- und Italienfreunde unter den deutschen Intellektuellen waren schnell bereit, im Freund von gestern den Barbaren von heute zu entdecken. Der Boden für Hitler war bestens bestellt: Zur Olympiade 1936 marschierten die „Jungen Regimenter“ von Langemarck auf …

„Nacht über Europa“ erschien im Prophyläenverlag und kostet 26,99 Euro.