Russländischer Emigrantenfaschismus in Nazideutschland

von Karl-Heinz Gräfe

Im Sog anwachsender faschistischen Bewegungen in Italien, Deutschland, Spanien formierten sich auch innerhalb der 1,6 Mio. Emigranten aus Russland in den 20er und 30er Jahren weltweit faschistische Parteien mit insgesamt 40 000 Mitgliedern – u. a. in Bulgarien und Jugoslawien (1930 Nationaler Bund der Russischen Jugend), in China einschließlich der japanisch besetzten Mandschurei (1931 Russländische Faschistische Partei), in den USA (1933 Allrussische Faschistische Organisation), in Frankreich (1936 Russischer Nationalbund der Kriegsteilnehmer). In Deutschland lebten 1923 600.000 Emigranten, davon mehr als die Hälfte in Berlin.
Bayern wurde nicht nur zur Brutstätte des deutschen Nazifaschismus, hier entstand auch schon 1920 eine erste deutschrussische faschistische Organisation, die Wirtschaftliche Aufbau-Vereinigung WAV. In ihr wirkten prodeutsche, völkisch-monarchistisch gesinnte baltendeutsche, russische, ukrainische Politiker, Militärs und Unternehmer mit Vertretern der frühen Hitlerpartei wie dem Geschäfteführer der NSDAP und des Völkischen Beobachters Max Amann oder dem Naziideologen Alfred Rosenberg zusammen. Der bayrische Industrielle Freiherr von Cramer Klett, ein finanzielle Förderer der völkischen Wehrverbände der Region, übernahm die Präsidentschaft, sein Vize war der emigrierte Zarengeneral Vasili Biskupskij (1878-1945). Ziel der kleinen Eliteorganisation war es, die Niederlage des kaiserlichen Deutschland 1918 und der zaristischen Konterrevolution im Interventions- und Bürgerkrieg 1917-1920 durch einen gemeinsamen Kreuzzug gegen die als „jüdisch-bolschewistisch“ verunglimpfte Sowjetmacht wettzumachen und den Großfürsten Kirill als Thronnachfolger des hingerichteten Nikolaus II. einzusetzen. Führende Funktionäre des WAV wie dessen Geschäftsführer Erwin Scheubner-Richter (1884-1923) gehörten zugleich zu den Aktivisten des Hitler-Ludendorff-Putsches im November 1923.
Erst nach Hitlers Machtübernahme in Deutschland entstand innerhalb nur noch 100 000 (1936) russländischen Emigranten nach dem Vorbild der NSDAP eine Faschistenpartei – die Russländische Völkische Befreiungsbewegung ROND mit Sitz in Berlin-Wilmersdorf und Filialen in Brandenburg, Schlesien, Sachsen, Mecklenburg, Vorpommern, Westfalen und im Rheinland. Ihr Führer war der baltendeutsche Weißgardist und Nazi Heinrich Pelchau, der sich den slawischen Namen Andrej Svetozarov zugelegte. Parteihymne wurde das Horst-Wessel-Lied mit russischem Text. Die 2000 Parteimitglieder wollten das Land „vom Joch der dritten kommunistischen Internationale mittels nationaler Revolution befreien“. Die „nationalsozialistische Diktatur“ werde auch in einem neuen „Russland mit angemessener Großmachtstellung“ den Grundsatz „Gemeinnutz geht vor Eigennutz“ durchsetzen, „auf allen Gebieten ein völkisches Leben“ schaffen. Doch bereits am 28. September 1933 entschied das preußische Innenministerium: „Der ,Rond‘ wurde im Anschluss an die nationale Revolution in Deutschland ins Leben gerufen …. Es ist der Leitung nicht geglückt, die Bewegung im nationalsozialistischen Sinne auszubauen, da dort Elemente vorherrschten, die weder blutsmäßig Russen, noch gesinnungsmäßig Nationalsozialisten waren. Aus Gründen der Staatssicherheit musste deshalb der ,Rond‘ – selbst unter Würdigung des ursprünglichen Wollens der Bewegung – verboten werden“.
Es ging aber nicht um ein generelles Verbot der russländischen Faschisten, sondern um deren politische Unterordnung unter die Ziele des Naziregimes, wie sie Hitler nach 1923 formulierte. Dieses plante nicht nur die Vernichtung des Sozialismus, sondern auch die koloniale Unterwerfung der sowjetischen Staates. Daher kam es schon im Oktober 1933 zum Umbau des ROND mit verändertem Spitzenpersonal unter neuen Namen Partei der Russländischen Befreiung PRO. An die Spitze gelangte „Fürst“ Pavel Bermondt-Avalov (1884-1974), Kommandeur der weißen Russischen Westarmee 1919. Doch die neuerlichen Querelen in der Führung hatten zur Folge, dass Anfang 1935 Funktionäre des PRO zusammen mit außerpreußischen ROND-Organisationen die Russländische Nationale und Soziale Bewegung RNSD gründeten, dessen Führung der Chef der sächsischen ROND-Filiale, Oberst Nikolei Skalon, übernahm. Auf ihrem 2. Parteitag im Dezember 1935 hatte der RNSD bereits 14 Filialen (u. a. in Dresden, Leipzig, Breslau, Hamburg, Giersleben, Augsburg). Mit dem Anschluss Österreichs kam die Wiener Filiale der mandschurischen Russischen Faschistischen Partei zum RNSD, nach der Besetzung der Tschechoslowakei 1939 faschistische Emigrantengruppen Prag und Brno auf dem Gebiet des sog. Protektorats Böhmen und Mähren. Die russische Diaspora, die sich in Nazideutschland befand, wurde von der Gestapo kontrolliert und gesteuert. Das geschah seit 1936 zentral durch die Verwaltung der Angelegenheiten der russischen Emigration UDRE unter General Biskupskij, ehemaliger Ko-Vorsitzender der WAF 1920-1924 und Vertrauensmann Himmlers. Die politische und ideologische Gleichschaltung der Emigranten aus der Sowjetunion durch die UDRE war langwierig. Die Gestapo konstatierte noch 1937, dass der faschistische RNSD zwar die führende Organisation des russländischen Exils sei, es ihr aber noch nicht gelungen sei, den „Großteil der in Deutschland lebenden russischen Emigranten zu erfassen“. So gab es noch die 1935 vom RNSD abgespaltene Russländische Nationale Befreiungsbewegung RNOD unter Oberst lvan Kryzanovskij. Sie wirkte in Berlin, Westfalen, Rheinland, Mecklenburg und Vorpommern.
1938 verlegte der Russische Nationalbund der Kriegsteilnehmer RNSUV unter General Anton Turkul (1892-1957) seinen Sitz von Paris nach Berlin. Im gleichen Jahr gründeten RNSD und RNOD mit den faschistischen Organisationen in China, Japan, Frankreich, Jugoslawiens und Bulgarien die Nationale Front des Ausländischen Russland RZNF; doch die fiel schon 1939 wieder auseinander. Das Naziregime war außerstande, die außerhalb Deutschlands tätigen Gruppen zu kontrollieren. Der unerwartete Abschluss des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes am 23. August 1939 und das Angebot Hitlers an Stalin im November 1940, dem Kriegspakt Berlin-Rom-Tokio beizutreten, ernüchterte und irritierte die Anhänger des russischen Emigrantenfaschismus vor allem in Deutschland und Japan. Zwar blieben dort die faschistischen Parteien bestehen, aber ihre öffentlichen antisowjetischen Aktionen wurden vorrübergehend eingeschränkt. Erst die nazideutsche Besetzung West- und Osteuropas 1939-1941 und die äußerst geheim gehaltene Vorbereitung des Krieges mit der UdSSR seit Dezember 1940 (Barbarossa-Plan) ermöglichten es der deutschen Naziführung, das beachtliche politische und militärische Potential der europäischen Zentren des russländischen Emigrantenfaschismus gleichzuschalten, für den Feldzug gegen die Sowjetunion zu mobilisieren und für den Aufbau der Kollaboration in den 1941-1944 deutschbesetzten Gebieten der UdSSR auszunutzen.

Lektüreempfehlung:
Halbjahreszeitschrift für südosteuopäische Geschichte, Literatur und Politik, Heft 1/2 2013, S. 54-73.