Marek Grechuta – Der polnische Troubadour des poetischen Gesangs

von Jens-Paul Wollenberg

Marek Grechuta war mit Abstand der populärste Sänger Polens. Als er zwei Jahre alt war, kauften seine Eltern ein Klavier, für das sich der kleine junge schon bald interessierte. Der am 10. Dezember 1945 geborene Marek nahm ab seinem siebenten Lebensjahr Klavierunterricht bei einem Kirchenorganisten in seiner Heimatstadt Zamo??.
Sein Abitur absolvierte er an einem Kunstgymnasium, bevor er sich an der Technischen Hochschule in Kraków bewarb, um dort Architektur zu studieren. Während des Studiums lernte er außergewöhnliche Künstler aus dem bekannten Kabarett „Piwnica pod Baranami“ kennen, so beispielsweise die großartige Chansonsängerin Ewa Demarczyk oder Zygmunt Kioniechny, die ihn sofort begeisterten. Im Haus der Architektur entdeckte er ein Klavier, das ihn magisch anzog, und er nutzte jede Gelegenheit, auf diesem Instrument zu improvisieren, bis erste, an sich ungewollte Kompositionen entstanden, die er dann notierte. Nach und nach fielen ihm auch Texte ein, und so kamen seine ersten Chansons zustande.
Im Frühjahr 1966 gründete er mit zwei Krakówer Kommilitonen das Kabarett „ANAWA“. Der Name stammt vom französischen „en avant“ und bedeutet „nach vorn“. 1966 fand auch die erste Premiere im Klub „Bambuko“ statt. Im Lauf der Zeit entwickelte sich ANAWA zur musikalischen Begleitband von Marek Grechuta und feierte einen riesigen Erfolg beim „Festival der singenden Studenten“. Da das polnische Fernsehen zugegen war, wurde das Ensemble blitzartig in ganz Polen populär. Die Gruppe bestand nun aus sechs hoch motivierten Instrumentalisten und Sängern bester Qualität. Die erste LP „Marek Grechuta i Anawa“, die 1970 erschien, beinhaltete charmant vorgetragene Chansons, die sehr melancholisch wirkten, während die Musik des folgenden Albums „Korowód“ (Der Reigen) von 1971 wesentlich experimenteller klang. Es entstand ein exzellenter Mix aus Folkrock, Jazz, indischer Musik und moderner Klassik á la Schostakowitsch oder Penderecki mit teilweise psychedelischem Charakter.
Die Texte, die Grechuta leidenschaftlich sang, stammten teils aus eigener Feder und teils von klassischen polnischen Dichtern wie Adam Mickiewicz oder Konstanty Ildefons Ga?czy?ski.
Auf dieser Schallplatte, die übrigens zum wichtigsten Album in der Geschichte der polnischen Populärmusik erklärt wurde, ist unter anderem der Titel „Swiecie Nasz“ (Unsere Welt) zu hören, der auch auf einem DDR-Sampler auf Deutsch vorgetragen wurde (Hallo Nr. 5 Amiga 855335). Obwohl Marek Grechuta nicht unbedingt als politischer Liedermacher zu bezeichnen war, setzte er sich in diesem Lied sehr kritisch mit dem Thema Umwelt auseinander.
Es kam zu Auftritten in der ?SSR, UdSSR, den Niederlanden, England und auch in der DDR, wo drei seiner Titel auf Amigasamplern in deutscher Sprache produziert wurden. 1972 trennte sich Grechuta von ANAWA, um neue Wege einzuschlagen. Er gründete die Gruppe „Wiem“ (Ich weiß). Mit dieser Band gab er über hundert Konzerte, die durch zwei Alben gekrönt wurden: „Droga za widnokres“ (Der Weg ins Unendliche, 1972) und das als sein Meisterwerk bezeichnete „Magia Oblokow“ (Magie der Wolken, 1974), auf dem auch die Musik für den Dokumentarfilm „Jastrum“ enthalten ist. 1975 löste sich „Wiem“ auf.
Im selben Jahr war Grechuta auch als Theaterkomponist aktiv. So schuf er die Musik für das Stück „Exodus“ von L. A. Moczulski, das im STU-Theater Kraków Premiere feierte. 1977 erarbeitete Grechuta mit einem ehemaligen Mitglied ANAWAs, Jan Kanty Pawluskiewicz, das erfolgreiche rockige Musicalspektakel „Szalona Lokomotywa“ (die fliegende Lokomotive), das auch als Schallplatte erschien.
Von 1979 bis 1985 schrieb er fast ausschließlich Kompositionen und Texte für Fernseh- und Theaterstücke. Zwischendurch kam 1984 sein erster Gedichtband „Du wirst lächeln“ auf den Markt.
Bis zum seinem Tod am 9. Oktober 2006 war Marek Grechuta künstlerisch kreativ tätig, veröffentlichte insgesamt sechzehn Alben und diverse Sampler und zwei weitere Gedichtbände. Trotz vergänglicher Modetrends blieb er stets er selbst und gilt noch heute als der genialste Chansonsänger Polens.