Krieg dem Krieg bei der XIX. Rosa-Luxemburg-Konferenz

von Ralf Richter

Was vom Krieg bleibt, im Gedächtnis der Menschheit, sind die Werke der Kunst. Es gibt riesige Gedenkmonumente zur Erinnerung an den Großen Vaterländischen Krieg (wie er in Russland genannt wird) insbesondere auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion – auf einer riesigen breiten Treppe steigt man in Wolgograd, dem ehemaligen Stalingrad, den Mamajew-Hügel zu einer gigantischen Frauenskulptur hinauf. Flankiert wird der Aufstieg von in Stein gehauenen Schlachtenszenen – doch nicht nur das ist zu sehen, man hört aus verborgenen Lautsprechern MG-Salven, Granateinschläge, Befehle, Schreie – Originaltöne aus den Jahren 1942/43. Die Schlacht dauerte von Mitte September 1942 bis Anfang Februar 1943 – die Opferzahl liegt bei unglaublichen 840.000 Toten. Was uns heute daran erinnert, sind Bücher, Gemälde, Skulpturen, Filme, Homepages …
Die Moderatorin erinnerte am elften Januar bei der Eröffnung der diesjährigen Internationalen Rosa-Luxemburg-Konferenz im Gebäude der Urania in Berlin an die Jubiläen diesen Jahres: 100 Jahre Beginn des Ersten Weltkrieges und 75 Jahre Beginn des Zweiten Weltkrieges. In der zweiten Etage wühlte eine Ausstellung unter dem Motto „Gegen alten Geist und neue Kriege – Künstler mischen sich ein“ die Besucher auf. Zu den beeindruckendsten Werken gehörte zweifellos „Afghanische Hochzeit“ von Ursula Richter. Ein großformatiges und ein dazu passendes kleineres Bild zeigen ästhetisch ansprechend die Resultate des Drohnen-Krieges, den ausgerechnet der Friedensnobelpreisträger Obama gegen das afghanische sowie pakistanische Volk führt. Auf den ersten Blick scheint man nur ein buntes Chaos zu erkennen, in dem die Rottöne überwiegen. Schaut man sich das Bild genauer an, sieht man zerrissene Granatäpfel neben Körperteilen – die Hand der Braut … Diese zwei Bilder allein sagen so viel aus über die Kriegführung des Westens in diesem Land, in dem die Bundeswehr sich fleißig seit nunmehr zwölf Jahren beteiligt, dass es keiner weiteren Worte mehr bedarf. Dieser Krieg ist ein Verbrechen – aber ist nicht jeder Krieg ein Verbrechen?
Denis Goldberg, Kampfgefährte Nelson Mandelas und Konferenzteilnehmer, verneint das. Imperialistische Kriege sind sehr wohl ein Verbrechen, Befreiungskriege hingegen sind aus seiner und der marxistischen Sicht notwendig, wenn es keinen anderen Weg zur Befreiung zum Beispiel afrikanischer Völker von der weißen Herrschaft gibt. Goldberg war Chef vom „Speer der Nation“, dem bewaffneten Arm des ANC. Diese Organisation griff die Armeeeinrichtungen und Polizeistationen des Apartheid-Staates an – schonte aber generell Zivilpersonen. Eine Frage aus dem Auditorium bezog sich auf die Rolle Kubas im afrikanischen Befreiungskrieg. Es war Obama, der quasi am Sarg Mandelas dem kubanischen Staatschef Raul Castro die Hand gab – was zu Kommentaren und sogar Sondersendungen im US-Fernsehen Anlass gab. Goldberg stellte klar, dass zu allen Zeiten die afrikanischen Befreiungsbewegungen auf die zivile und militärische Hilfe Kubas bauen konnten. Als südafrikanische Truppen 1975 in Angola einmarschierten, entsandte Kuba ohne Abstimmung mit der Sowjetunion Truppen zur Unterstützung der MPLA, der angolanischen Befreiungsarmee, und brachte durch einen beherzten Einsatz die Südafrikaner kurz vor der Einnahme der Hauptstadt Luanda zum Stehen. Dieser Erfolg, so Denis Goldberg, kann in seiner Bedeutung für Afrika gar nicht überschätzt werden – der zeigte nicht nur, dass eine weiße Armee geschlagen werden kann, sondern erschütterte das Selbstverständnis der weißen Südafrikaner von sich als überlegener Rasse grundlegend – Kubaner, Nachfahren von Sklaven hatten eine hochgerüstete vom Westen unterstützte Rassisten-Armee besiegt! Nach dem Sieg engagierte sich Kuba weiter mit Ärzten und Lehrern in ganz Afrika – und dieses internationale Engagement eines so kleinen Landes ist beispiellos, basiert es doch ausschließlich auf dem solidarischen Grundgedanken.
Weitere sehr interessante Gäste waren der junge Däne Anders Kaergaard, ein Geheimdienstaussteiger und Whistleblower, der ehemalige jugoslawische Außenminister Zivadin Jovanovic, Michel Chossudovsky, ein kanadischer Professor der Wirtschaftswissenschaften, der über Ziele imperialistischer Kriege weltweit referierte, sowie die Präsidentin des Weltfriedensrates aus Brasilien, Maria do Sorro Gomes Coelho – und nicht zuletzt der Sohn der inhaftierten schwarzen US-Journalisten und Bürgerrechtskämpfers Mumia Abu-Jamal, der 1971 geborene Jamal Hart. Zwei Tage nach der Konferenz kam Jamal Hart zum Filmgespräch ins Berliner Sputnik-Kino, wo Stephen Vittorias‘ Film „Mumia – Long Distance Revolutionary“ gezeigt wurde. Eine interessante Überraschung war der Auftritt von Susann Witt-Stahl, der neuen Chefredakteurin von Melodie&Rhythmus – sie kündigte die Rückbesinnung des Magazins auf linke Werte an: Zum 1. Mai wird sich das Magazin linker Themen wieder annehmen und die dementsprechende Musik vorstellen. „Links!“ wird darüber bald mehr berichten. Übrigens gab es natürlich auch wieder ein ansprechendes musikalisches Programm auf der Bühne – so spielte Erich Schmeckenbecher, der Gründer von Zupfgeigenhansel auf, ebenso wie die in der Türkei und besonders unter Kurden sehr bekannte Gruppe Grup Yorum, die mit ihren Liedern den Kampf des kurdischen Volkes um Selbstbestimmung und Autonomie unterstützt. Ausführliche Informationen über die Veranstaltung gibt es mit Fotos im Online-Archiv auf www.jungewelt.de.