Notiz zu Lenin

von Olaf Mimiec

In diesen Tagen nähert sich der 90. Todestag von Wladimir I. Lenin. Vielleicht eine kleine Notiz in den hinteren Seiten einer Zeitung – das wird es gewesen sein. Und dennoch meine ich, dass es etwas mehr über ihn zu sagen gibt. Ironischerweise geht auch das nur im Rahmen einer Notiz.
So ziemlich alles, was die politischen Politikkonzepte Lenins betrifft, kann man als gescheitert betrachten: die Kaderpartei, die Sowjetdemokratie etc. Dennoch bleibt etwas Anregendes zurück:

1. Lenin hat das Verhältnis zwischen marxistischer Theorie und politischer Praxis radikal von der Praxisseite her begriffen. Darin erweist er sich gerade als Gegenteil des orthodoxen Marxisten. Theorie mag hilfreich sein, eine Situation zu analysieren, aber gegebenenfalls muss sie an die praktischen Herausforderungen angepasst werden. Wenn Russland im Jahre 1917 trotz der Februarrevolution zur weiteren Radikalisierung trieb, stellte sich die Frage, wie die Bolschewiki diese Gelegenheit diese Gelegenheit nutzen konnten. Dass die Orthodoxie predigte, die Revolution könne nur in den entwickelten kapitalistischen Ländern ihren Ausgang nehmen, hat Lenin dabei relativ wenig beeindruckt. Das ist keine Theoriefeindlichkeit, sondern Ablehnung eines orthodoxen Dogmatismus. Immerhin interessiert sich die Wirklichkeit auch nicht für theoretische Vorgaben.

2. Auch im Zusammenhang mit Revolution in Russland hat Lenin für den damaligen Marxismus am klarsten die Frage formuliert, welche Form ein Staat annehmen muss, um einen revolutionären Klasseninhalt haben zu können. Natürlich hat Marx diese Frage genauso aufgeworfen. Aber in der marxistischen Debatte zur Zeit Lenins wurde sie verflacht und musste wieder klar gestellt werden. Sicher ist die Sowjetdiktatur ein Modell, das sich nicht bewährt hat. Am Unverständlichsten ist, warum Errungenschaften wie eine Gewaltenteilung so sträflich ignoriert worden sind. Aber die Fragestellung nach Veränderungen im Staat bleibt richtig. Sie bleibt auch für uns wichtig, sobald wir etwas ambitioniertere Eingriffe in die Produktionsweise politisch ernstnehmen und über Parolen hinausgehen wollen.

3. Über diese genannten, stets aktualisierungsbedürftigen, Probleme hinaus ist Lenin bis heute ein Anreger für die Theoriebildung geblieben. Er war dies schon in den 20er und 30er Jahren, als die Begründer des „westlichen Marxismus“ Georg Lukács, Karl Korsch und Antonio Gramsci wesentliche Impulse durch Lenin erfuhren. Selbst in den Diskussionen der „Kritischen Theorie“ lässt sich Lenins produktive Präsenz nachweisen. Und schließlich war Lenin der erste, der darauf hinwies, dass man Marx‘ „Kapital“ nicht recht verstehen könnte, wenn man nicht den starken Einfluss der Hegelschen Logik, der weit in die Begriffsbildung hineinreicht, dort erkennen würde. Aber auch letzter Zeit ist ein erneutes Interesse aufgeflammt: der sogenannte „Neoleninismus“. Hier wären Autoren zu nennen wie Alan Badiou, Slavoj Žižek und – im Deutschen – Dietmar Dath.

Wenn ich es zusammenzähle, so steht der Name Lenin für eine völlig widersprüchliche Gemengelage: Für eine letztlich doch gescheiterte Revolution und die mit ihr verbundenen Konzepte, für einen mit dem Bürgerkrieg entfesselten Massenterror, für das Aufwerfen von bis heute richtigen Fragestellungen, für ein bis heute fortwirkendes Anregungspotenzial der linken Theoriebildung.
Das Widersprüchliche muss man stehen lassen. Der Versuch, die Widersprüche zu glätten, wo sie doch wirklich sind, macht uns geistig und dann auch politisch schwächer.