Modedroge Crystal

Interview mit Freya-Maria Klinger

Sachsens Linke sprach mit Freya-Maria Klinger über ihre Forderung, das sächsische Suchthilfesystem, dass über kompetente, erfahrene MitarbeiterInnen in der Drogen- und Suchthilfe und über wissenschaftliche Expertise verfügt, endlich zu reformieren.

Du hast den Antrag zur Überprüfung des sächsischen Suchthilfesystems insbesondere zur Crystal-Problematik erarbeitet. Wieso ist das notwendig?

Sachsen hat den „Drogentrend“ Crystal -der übrigens schon vor über 10 Jahren aufgekommen ist – verschlafen. Und über Jahre hinweg wurde nichts unternommen, um das Suchthilfesystem zu modernisieren. Konsumgründe, neue Substanzen und suchtspezifische Besonderheiten ändern sich und das Hilfesystem bedarf einer kontinuierlichen, mitunter auch schnellen Anpassung. Andererseits wird im Sozialbereich, also auch der Suchthilfe ständig gekürzt. Den empfohlenen Betreuungsschlüssel in der Suchtberatung erreichen wir z.B. nur in den Großstädten. Die Grünen forderten eine Personalaufstockung. Das ist sinnvoll, aber nicht ausreichend: die gesamte Suchthilfestruktur und angrenzende Hilfestrukturen müssen sich den neuen Gegebenheiten anpassen. Der dauerhafte und regelmäßige Konsum von Crystal führt zu einem rapiden Abbau körperlicher und geistiger Kräfte, normalen Regeln des Zusammenlebens können nicht mehr eingehalten werden, die Betroffenen neigen oft zu hoher Aggressivität und Gewaltbereitschaft. Das erfordert neue Präventions- und Therapiekonzepte.

Sind die existenten Präventionsangebote also falsch oder erfolglos?

Nein, aber einerseits wird die klassische Präventionsarbeit, die bspw. durch die Polizei erfolgt, kaputtgespart. Andererseits reicht diese Form der Prävention, im Sinne von Aufklärung, nicht mehr aus: wir brauchen Ausbau und Weiterentwicklung hin zu vielfältigen zielgruppen- und lebensweltspezifischen Präventionsangeboten. Das können nur erfahrene Träger der Jugend- und Suchthilfe leisten – aber dazu müssen sie entsprechend ausgestattet sein.

Liegt der plötzlichen Anstieg des Crystalkonsums tatsächlich an der oft genannten Grenznähe zu Tschechien?

So argumentiert die Staatsregierung und entzieht sich damit ihrer Verantwortung. Auch wenn ein Großteil der Substanz in Tschechien hergestellt wird – auch weil die Ausgangsstoffe dort günstig sind – die KonsumentInnen sind hier! Unsere Gesellschaft fordert von allen ständige Leistungsbereitschaft und eine starke Belastbarkeit. Crystal kann ihnen das, wenigstens kurzzeitig, geben und ist noch dazu relativ billig. Auch in anderen Bundesländern, bspw. Baden-Württemberg, steigen die Zahlen erstauffälliger KonsumentInnen. Darum denke ich, dass die Debatte auch ein Stück weit dazu missbraucht wird um erneut „Grenzen dicht!“-Forderungen laut zu machen. Und nur mit Repression ist dem Thema nicht beizukommen. Das führt einerseits nur zur Verlagerung der Transportwege, andererseits verdrängt es die Probleme der KonsumentInnen in den Privatbereich – und dort hat Suchthilfe kaum oder gar keinen Zugang mehr zu den Menschen.

Der Ansatz der Staatsregierung nur auf Erstprävention und Repression zu setzen muss als gescheitert betrachtet werden.

Hannover - Disco "Funpark"___________________________________________________________________________

Informationen zu Crystal

Crystal, auch Methamphetamin (chem.: N-Methylamphetamin), unterdrückt Müdigkeit, Angst, Hungergefühl und Schmerz, verleiht kurzzeitig Selbstvertrauen, ein Gefühl der Stärke. Es weist eine hohe Neurotoxizität auf, diese führt zu starken Aufmerksamkeits-, Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen, zu besonders vielen drogeninduzierten Psychosen und anderen psychischen Störungen, sowie zu starken Schäden an Zähnen und der Haut. Es fand aufgrund seiner Eigenschaften im 2. Weltkrieg millionenfach Verwendung als s.g. Panzerschokolade.

Der Unterschied zum üblichen Speed ist der Reinhaltsgehalt: Crystal Meth ist hochkonzentriert und wirkt dadurch noch viel stärker als Amphetamine wie Speed oder Extasy.

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