Von der Bildung zur Ausbildung: Umbau der sächsischen Hochschullandschaft

Von Gerhard Besier

Der Jubel war groß, als im Sommer 2012 die Technische Universität Dresden im Rahmen der Exzellenzinitiative den Zuschlag erhielt. Über die Universität wird sich ein Geldsegen ergießen. Im Einzelnen sieht das so aus:

Der Exzellenzcluster „Center for Regenerative Therapies (CRTD)“ (Fördersumme 39,8 Mio. €, immer jeweils über fünf Jahre), der Exzellenzcluster „Center for Advanced Electronics (cfAED)“ (Fördersumme 28,1 Mio. €) und die Graduiertenschool „Dresden International Graduate School for Biomedicine and Bioengineering (DIGS-BB)“(Fördersumme 7,4 Mio. €) sind rein medizinisch, naturwissenschaftlich bzw. ingenieurwissenschaftlich ausgerichtet. Alle drei Institutionen werden in hohem Maße von außeruniversitären Forschungsinstitutionen getragen (Max-Planck-Institute, Frauenhofer-Institute, Leibniz-Institute, Forschungszentrum Dresden-Rossendorf, Max-Bergman-Center, B-CUBE Dresden, BIOTEC Dresden). Das „Center for Regenerative Therapies (CRTD)“ selbst ist zum Beispiel auch Teil der „Dresden International Graduate School for Biomedicine and Bioengineering (DIGS-BB)“. Die Beteiligung „klassischer“ Universitätsinstitutionen ist überschaubar. Als Fakultäten sind am CRTD die Medizinische Fakultät, die Fakultät für Mathematik und Naturwissenschaften sowie die Fakultät für Informatik beteiligt, am cfAED die Fakultäten Elektrotechnik, Maschinenwesen, Informatik, Mathematik und Naturwissenschaften und am DIGS-BB die Fakultäten für Informatik, Medizin sowie für Mathematik und Naturwissenschaften.

Die einzige Fördermaßnahme, von der die Geisteswissenschaften profitieren könnten, ist das Zukunftskonzept „Die Synergetische Universität“. Mit 60,2 Mio. € verfügt dieses Projekt über die höchste Fördersumme und nimmt die gesamte Universität ins Blickfeld. Hier ist keine direkte Fach- oder Forschungsförderung vorgesehen, sondern eine Umstrukturierung der TU Dresden mit den Schwerpunkten Personenrekrutierung (Berufen und Halten von Top-Forschern, Rekrutierung von Top-Studenten usw.), Optimierung der Verwaltung und Hochschulprozesse, Maximierung der Synergie-Effekte zwischen der Universität und außeruniversitären Forschungseinrichtungen (DRESDEN-concept). Für die Geisteswissenschaften sicherlich am folgenreichsten ist das Vorhaben, die derzeitige Fakultätsstruktur aufzulösen und in fünf Schools zu überführen. Die bisherige Philosophische Fakultät, die Fakultäten Erziehungswissenschaften sowie die Fakultät für Sprach-, Literatur- und Kulturwissenschaften würden zusammen mit der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät sowie der Juristischen Fakultät die „School of Humanities and Social Sciences“ bilden.

Nach Auskunft von Marlene Odenbach, Leiterin der Stabsstelle der TU Dresden, steht die konkrete Mittelverteilung noch nicht fest, da für das Zukunftskonzept 18 Mio. Euro weniger bewilligt worden sind als ursprünglich geplant und darum entsprechende Umstrukturierungen im Finanzplan vorgenommen werden müssen.

Das Zukunftskonzept der TU Dresden wird außerdem mit 10 Millionen Euro aus Landesmitteln unterstützt, die ursprünglich ins Auge gefassten Stellenstreichungen wurden ausgesetzt. Was bedeutet diese Bevorzugung für die sächsische Hochschullandschaft insgesamt und mit welchen weiteren Entwicklungen ist zu rechnen?

Der eben verabschiedete Doppelhaushalt der sächsischen Landesregierung für die Jahre 2013/14 wirkt im Blick auf die Hochschulen im Einzelplan 12 zunächst nicht beunruhigend. Wenn man aber berücksichtigt, dass auf diesem Sektor seit 2001 scharfe Einsparungen vorgenommen wurden, dann reicht eine Beibehaltung des Niveaus von 2012 mit geringfügigen Aufschlägen nicht aus. Die Universität Leipzig hat berechnet, dass der Etat 2013/14 einer jährlichen Steigerung von 0,5 Prozent entspricht. Wenn man den Anstieg des Verbraucherpreisindex von etwa 2 Prozent berücksichtigt, dann ergibt sich daraus eine deutliche Kürzung des Etats. Dies ist nicht bei allen Hochschulen der Fall. So bedeutet die Steigerung bei der TU Dresden von etwa 1,3 Prozent fast einen Ausgleich des Verbraucherpreisindex. Die früheren Fachhochschulen, jetzt die Hochschulen für angewandte Wissenschaften, erfahren im Vergleich zu den Universitäten eine deutliche Besserstellung. Ähnliches gilt für die Berufsakademien. Die beiden großen Universitäten, Dresden und Leipzig, hatten bei den Anhörungen im Wissenschaftsausschuss des Sächsischen Landtages eine strukturelle, chronische Unterfinanzierung von jeweils 50 Millionen pro anno zu Protokoll gegeben. Dem Statistischen Landesamt des Freistaates Sachsen zufolge (Ausgabe 2012) liegen die laufenden Grundmittel je Professur um 38 Prozent niedriger, als das im Bundesdurchschnitt der Fall ist. Die Finanzausstattung der sächsischen Hochschulbibliotheken hält mit der Entwicklung auf den Informations- und Medienmärkten nicht Schritt. Die Unterfinanzierung, die in der wachsenden Kluft zwischen der Kostenentwicklung und den Erwerbungsmitteln zum Ausdruck kommt, ist wiederum für Leipzig besonders stark ausgeprägt. Aber auch an anderen Hochschulen – ich nenne ausdrücklich die Bibliothek der TU Bergakademie Freiberg – herrscht dringender Handlungsbedarf, wie eine entsprechende Dokumentation dieser Universität zeigt. Das Verteilungsproblem wird auch an der Klage der Universität Leipzig deutlich, dass die private Handelshochschule Leipzig – trotz knapper staatlicher Mittel – weiterhin in einem hohen Maß staatliche Förderung erhält und bei der Gebäudevergabe im Universitätsviertel bevorzugt wird. Aufgrund der Exzellenz-Gelder hat sich die Lage an der TU Dresden entspannt, nicht aber an den anderen Hochschulen. Vornehmlich die geisteswissenschaftlich geprägte Universität Leipzig sieht sich im Verteilungskampf benachteiligt.

So, wie die Dinge nun liegen, wird es – im Blick auf die Universitäten wie die Studentenwerke und Bibliotheken – auf absehbare Zeit kaum mehr möglich sein, zum Bundesdurchschnitt aufzuschließen. Es wird wohl einzelne Leuchttürme geben, die, nicht zuletzt aufgrund von Drittmitteln und Umschichtungen von Landesexzellenzinitiativen, außerordentliche Leistungen erbringen werden, aber in der Breite werden die Sächsischen Hochschulen unter dem Bundesdurchschnitt rangieren. Das wird vor allem die Geistes- und Sozialwissenschaften treffen, und daran kann auch eine moderate Aufstockung der Mittel für die Sächsische Akademie der Wissenschaften nichts ändern.

Da die Universität Leipzig bei der Ausdifferenzierung der sächsischen Hochschullandschaft als besonders benachteiligt erscheint, muss man sich fragen, ob das Verteilungsproblem am Ende vielleicht sogar gewollt ist, weil man längerfristig einen kompletten Umbau der sächsischen Hochschullandschaft anstrebt. Eine Förderung der MINT-Fächer und eine allmähliche Austrocknung jener lästigen Disziplinen, die keine Patente und keine Ausgründungen erbringen, sondern die vor allem kultur- und gesellschaftspolitische Debatten anstoßen – das könnte das Ziel dieser vom sächsischen Finanzministerium gesteuerten Hochschulpolitik sein. Darauf verweist auch die zielstrebig vorgenommene Umstrukturierung von der Gruppen- zur Management-Universität. Damit einher geht eine Stärkung der Leitungsebene zu Lasten der demokratischen Mitbestimmungsrechte in den Gremien. Hochschulen sind keine Betriebe, die man nach Effizienzkriterien leiten könnte. Wenn man sie dennoch gewaltsam dazu machen will, dann wird man kreatives Potential zerstören. Dass gerade die Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften von dieser um sich greifenden Ökonomisierung aller Lebensbereiche bedroht sind, macht schon die Tatsache deutlich, dass das Bundesbildungsministerium diesen notleidenden Disziplinen jetzt mit einem neuen Rahmenprogramm unter die Arme greifen will. Sachsen – etwa das Geisteswissenschaftliche Zentrum in Leipzig – wird davon wohl profitieren. Aber allein mit Bundesmitteln, die entsprechend dem Engagement der einzelnen Länder über alle Bundesländer verteilt werden, wird den Defiziten in Sachsen kaum beizukommen sein.