Glosse: Schluss mit wichsen!

Von Uwe Schaarschmidt

Nein – wir sagen nicht mehr Neger, schon lange nicht mehr. Auch nicht Negerlein. Wir reden nicht mehr von Schwarzen, Gelben, Roten, Braunen und von Rassen auch nicht. Das alles ist auch gut so. Es war geklärt, zumindest im öffentlichen Diskurs, in den Medien, in der Literatur, der Musik. Und über die Generationen hinweg hätte es sich wohl auch in der Alltagssprache erledigt gehabt.

Um so befremdlicher ist die Diskussion, welche in den letzten Monaten in Gang gekommen ist, als in einem Anfall von Sprachwächterei damit begonnen wurde, Literatur nach vermeintlichen Unworten zu durchforsten. Literatur, die es schon lange gibt, wohlgemerkt! Ein unschönes Beispiel für gut gemeint statt gut gemacht. Fündig wurde man in berühmten Kinderbüchern. Tobt die Diskussion um Astrid Lindgrens „Pippi Langstrumpf“ (1945) schon lange, hat es nun Otfried Preußlers „Kleine Hexe“ (1958) erwischt. Die haben Neger gesagt! Beziehungsweise geschrieben. Dass das Wort zur Zeit der Entstehung der Bücher gar keine abwertende Bedeutung hatte, zählt nicht. Was heute nicht sein kann, hat früher nicht sein dürfen – das ist die plumpe Logik. In der „Kleinen Hexe“ hat es denn auch gleich noch eine Bereinigung in Sachen Sexismus gegeben: Es hat sich ausgewichst! Kinder kennen den Bergriff „Wichsen“ in seiner Bedeutung für polieren oder auch hauen nicht mehr – so die Begründung des Verlags für die Entfernung des Wortes. Aha, sagt man sich da – die lieben Kleinen kennen also nur die andere Bedeutung. Das Buch ist für Kinder ab 6 Jahren empfohlen!

Sprache entwickelt sich ständig, seit es Sprache gibt. Und so sind Texte und Bücher auch immer Zeugnisse der sprachlichen Entwicklung, sowie des kulturellen Ist-Standes der Zeit, in der sie entstanden und als solche – jenseits ihrer Aussagen – schützenswert. An ihnen herumzufingern ist eine Unart, wie es auch generell eine Unart ist, sich über den sprachlichen Aufbau von Texten anderer Menschen zu erheben, ohne sie um Einverständnis zu bitten. Wo Rücksprache aus biologischen Gründen nicht mehr möglich ist, sollte man es einfach bleiben zu lassen. Dann muss man eben mit den Kindern diskutieren, ihnen die Sache erklären. Wer anders verfährt, fälscht schlichtweg Kulturgeschichte. Sprache lässt sich nicht rückwirkend verändern. Wir könnten sonst auch damit beginnen, die Marx-Engels-Gesamtausgabe zu gendern. Die Arbeiter_innenklasse wäre uns sicherlich dankbar. Und wenn wir schon einmal bei Marx sind: Auch hier wären die Kinder zu schützen! Seine alten DDR-Kinderbücher sollte man sorgfältig kontrollieren und wenn es sein muss, per Hand korrigieren, bevor man sie den Enkelchen aushändigt. „Vollbart und die Raben von London“ könnte man dann guten Gewissens empfehlen und des Abends beruhigt wieder einmal in die Operette gehen. In den „Sinti und Roma-Baron“ von Johann Strauss zum Beispiel.