„Jung, befristet, prekär, arbeitslos?“

Bundestreffen der AG Betrieb & Gewerkschaft

von Anja Oehm

Unter diesem Arbeitstitel trafen sich rund 50 Delegierte, darunter drei aus Sachsen, am 8./9. September in Berlin. Es ging um die Situation von Auszubildenden und Perspektiven gewerkschaftlicher Jugendarbeit. 19 Azubis aus Deutschland und der Schweiz berichteten.

Ganze Berufsschulklassen mit ALG II

Azubis stehen unter Konkurrenzdruck, Leistungsdruck und Flexibilitätsdruck. 40 Prozent werden nach der Ausbildung nicht und nur 23 Prozent unbefristet übernommen. Ein Drittel landet umgehend in Hartz IV. Alarmierend sind die steigenden Krankheitszahlen. Denn Gesetze werden täglich gebrochen. Die Vergütung ist schlecht und lückenhaft geregelt. 500 Euro reichen zum Leben nicht aus, wenn es denn überhaupt so viel sind. Isabel Artus, Vorsitzende der DGB-Jugend Hamburg, berichtete, sie erlebe ganze Berufsschulklassen, die gleichzeitig alle ALG II bekommen. Es gäbe Azubis, die nebenbei bis 2 Uhr nachts bei Burger King schufteten.

Auto vom Chef waschen oder Tritte unter dem Zahnarztstuhl

„Lehrjahre sind keine Herrenjahre“ oder „Das war hier schon immer so“ sind gängige Sprüche, die Azubis zu hören bekommen. Etwa, wenn sie gegen Überstunden aufbegehrten, die gang und gäbe seien. Krasse Beispiele wurden aufgezählt: der Azubi, der das Auto vom Chef waschen muss. Die 15jährige mit dem 16-Stunden-Tag. Die Zahnarzthelferin-Azubi, die unter dem Stuhl Tritte erhielt. Der Azubi, dem nach seinem 18. Geburtstag vom Ausbilder mitgeteilt wurde, dass er nun volljährig sei, keiner Berufsschulpflicht mehr unterliege, diese also nicht mehr besuchen müsse. Ein Azubi, dem die Berufsschulzeit als Minusstunden geschrieben wurden – 300 und mehr. Hier versagten Kammern und Schulen als Kontrollorgane. Erfahrungen mit Gewerkschaften haben Jugendliche kaum. „Jugendliche haben Probleme, aber kein Problembewusstsein“, sagte Isabelle Artus. Wenn es für Azubis besser werden soll, müssen eine angemessene Ausbildungsvergütung, geregelte Arbeitszeiten, Anrechnung der Berufsschulzeiten und BVJ-Zeiten, gesetzliche Übernahmeregelungen her. Warteschleifen und Übergangssysteme gehören abgeschafft.

Zustände wie vor 40 Jahren

Bundessprecher Gerald Kemski resümierte, in den 70er Jahren hätte es geheißen: „Brauchst du einen billigen Arbeitsmann, schaff dir einen Lehrling an“. Und genau da seien wir heute wieder. Die problematische Situation der beruflichen Bildung gehört in allen parlamentarischen Vertretungen durch thematisiert. Im Workshop wurde die Frage behandelt, wie Solidarität unter den Azubis entwickelt werden könne. Keine leichte Frage, denn alle Bereiche sind von verstärkter Individualisierung, steigendem Konkurrenzdruck oder Auflösung der traditionellen Milieus betroffen. Kritisch zu sein, sich gegen Bevormundung zu wehren, haben in der Werteskala abgenommen. Es gäbe Probleme, Jugendliche für eine Sache konstant bei der Stange zu halten. Deshalb gewinne Kommunikation an Bedeutung.