Zeitgespräch der Gesellschaft

Verleihung des  Adorno-Preises 2012 an Judith Butler in der Paulskirche-bw_20120911_7739.jpg

von  Maximilian Kretzschmar

Am 12. September wurde der amerikanischen Philosophin Judith Butler in der Paulskirche zu Frankfurt a. M. der Adorno-Preis verliehen. Weil sie Hamas und Hisbollah vor einigen Jahren der globalen Linken zurechnete und Boykotte gegen Israel unterstützt, brach Wochen vor der Würdigung eine polarisierende Debatte in deutschen Medien aus – nachfolgend einige Bemerkungen zur Diskussion.

Mit einer scharfen Polemik hatte der Generalsekretär des Zentralrates der Juden in Deutschland, Stephan J. Kramer, die Auszeichnung der „Israel-Hasserin“ Judith Butler als unwürdig und skandalös bezeichnet und gleichzeitig dem auswählenden Kuratorium „mangelnde moralische Festigkeit“ attestiert, weil es die „moralische Verderbtheit“ Butlers nicht von ihrem philosophischen Schaffen getrennt habe.

Judith Butler, die Anfang der 1990er Jahren mit „gender trouble“ und „bodies that matter“ grundlegend die Geschlechterforschung mit ihrer diskurstheoretischen Dekonstruktion der Zweigeschlechtlichkeit als kulturell überformte diskursive Praktiken und nicht naturgegebene Materialisierungen inspirierte, war in den vergangenen Jahren einige Male durch ihr politisches Engagement dem Vorwurf des Antisemitismus ausgesetzt. So bereits im Jahre 2002 durch den Präsidenten der Harvard-Universität, Lawrence Summers, der amerikanischen Akademikerinnen und Akademikern einen intentionalen Antisemitismus unterstellte, als US-Universitäten dazu aufriefen, aufgrund israelischer Besatzungspolitik Investivkapital aus Israel zurückzuziehen. Unter den protestierenden Akademikerinnen und Akademikern war auch die in Berkeley lehrende jüdische Professorin, die sich seit Herbst 2001 verstärkt einer Ethik der Mitmenschlichkeit und Gewaltlosigkeit im Anschluss an Adorno und Emmanuel Levinas widmete und aus ihrer israelkritischen Haltung zur Besatzungspolitik palästinensischer Gebiete keinen Hehl macht. Sie unterstütze diese Organisationen nicht vorbehaltlos, sondern boykottiere ausschließlich besatzungskonforme Institutionen, keine Individuen aufgrund deren Staatsbürgerschaft, betonte Butler wiederholt.

Spannende Aspekte der Kontroverse im Vorfeld der Adorno-Preisverleihung waren zum einen die zahlreichen Kolumnen, Interviews, Statements, aber auch Fürsprachen und Petitionen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die medial als Expertinnen und Experten fungierten und sich für die Wissenschaftlerin Judith Butler aussprachen – trotz teilweise geäußerter Kritik an deren Boykottunterstützung. Eine solche Breite dieser Diskussion ist in deutschen Medien nicht sehr häufig zu beobachten, sondern eher typisch amerikanisch als „Zeitgespräch der Gesellschaft“. Namhafte Geistes- und Sozialwissenschaftlerinnen und Sozialwissenschaftler wie u.a. Seyla Benhabib, Sabine Hark oder Alex Demirovic von der Rosa-Luxemburg-Stiftung betonten in einer Petition, dass die medial skandalisierte Einschätzung zu Hisbollah und Hamas von den Unterzeichnerinnen und Unterzeichnern kontrovers diskutiert werde, aber nicht impliziere, Gewalt dieser Terrororganisationen zu unterstützen. Nicht eine Grenzziehung und Diskursabbruch, sondern eine Intensivierung dieser Diskussionen sei nötig, in der die intellektuelle Integrität Butlers nicht infrage steht.

Typisch deutsch war hingegen von rechts bis links des deutschen Blätterdschungels, von Broder bis von der Osten-Sacken, das gewohnt halbwissende JournalistInnen-Meinungsportal, das sich, wenn nicht durch abgedruckte Agenturmeldungen befriedigt, in moralisierenden Beurteilungen Butlers ergoss.

Und schließlich war spannend zu verfolgen, wie die Professorin der Rhetorik, Judith Butler, mit drei Repliken auf die Polemik Kramers und die entfachte mediale Kontroverse ihre Souveränität zurückgewann und am Tage der Preisübergabe in der taz mit dem Artikel „Wir maskieren die Realität“ einen vorläufigen Schlusspunkt setzen konnte, bemerkenswert aus deskriptiv wissenschaftlicher und politischer Sicht eine „globale Linke“ betreffend: „Das bedeutet nicht, dass wir die Begrifflichkeiten der unterschiedlichen Gruppen akzeptieren, es bedeutet, dass wir sie kritisch analysieren. Weigern wir uns, das zu beschreiben, was wir nicht dulden wollen, dann entziehen wir uns die Basis für Kritik. Wenn wir den Antiimperialismus nicht als eine Version von Linkssein zulassen, sind wir nicht mehr in der Lage zu zeigen, wie unzureichend diese ist. Lehnen wir eine Bewegung ab, müssen wir ihre Ziele sowohl beschreiben als auch bewerten, und so ihre Untiefen ausstellen“ (taz vom 11.09.2012).

Durch eine Dialektik der freien Meinung, so erinnerte die israelische Soziologin Eva Illouz im „Spiegel“ an John Stuart Mill, wird keine falsche Meinung zum Schweigen gebracht, denn sie könnte ein Stück Wahrheit enthalten. Die que(e)re Denkerin Judith Butler hat mit dieser Performance, diesem Zeitgespräch der deutschen Gesellschaft den Adorno-Preis verdient.

Bild: cc by Barbara Walzer

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