Was so in den Bilanzen der WOBA steht

von Enrico Stange und Tilo Wirtz

Seit dem Verkauf der WOBA ist der Konzern sehr bemüht, den Informationsfluss nach außen möglichst klein zu halten. Das ist übrigens nichts Besonderes. Fast alle privatwirtschaftlichen Organisationen halten es mit dem Stillschweigen wie diese sprichwörtlichen ehrenwerten Familien in Süditalien. Und was doch an die Öffentlichkeit gelangt, ist häufig mehr oder weniger dick aufgetragene Werbung in eigener Sache. Transparenz sieht anders aus.

Wenn aber eine Firma als AG oder GmbH firmiert und damit von den Vorteilen der Haftungsbeschränkung Gebrauch macht oder Fremdkapital von Aktionären verwendet wird, sind vom Gesetzgeber gewisse Öffentlichkeitspflichten aufgegeben. Deshalb bietet das Unternehmensregister (elektronisch unter www.unternehmensregister.de) manch interessanten Einblick in das Innenleben von Gesellschaften.

Auf der Spur der Schulden

So ist es möglich, sich über den Schuldenstand und auch den Schuldendienst von Firmen zu informieren. Ein Blick in die Bilanzen des WOBA-Konzerns zeigt deutlich, dass die Dresdner Schulden die Stadt nie verlassen haben. Sie wurden letztlich auf die WOBA abgewälzt und damit auf die MieterInnen, die nun mit der aggressiven Bewirtschaftung eines klammen Vermieters leben müssen. Zum Bilanzstichtag am 31.12.2011 standen die WOBA-Gesellschaften noch mit 1,08 Milliarden Euro in der Kreide. Anfänglich waren 1,201 Milliarden Euro gepumpt worden. Und zwar von allerersten Adressen, nämlich der Deutschen Bank AG, London und der Lehman Brothers Europe Limited i. L. – „i. L.“ heißt „in Liquidation. Denn die Lehman Bank ist ja 2009 Pleite gegangen. Wer noch ein wenig mehr Finanzkrise mag, findet auch noch Folgendes interessant. Natürlich verblieben die Kredite nicht bei den Banken, sondern wurden verbrieft und als strukturierte Wertpapiere weiterverkauft. Diese CMBS (colateral mortgage backed securities, heißt hypothekenbesicherte Wertpapiere) hören auf so launige Namen wie „DECO 14 – Pan Europe 5“ für den Anteil der Deutschen Bank und „Windermere IX“ für den Lehman-Anteil.

Ratingagenturen senken die Daumen

Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit machte die WOBA-Klage der Stadt Dresden Wellen bis in die Büros der Ratingagenturen. Moody’s senkte das Rating für Windermere IX und damit für die Hälfte der Finanzierung des WOBA-Deals am 8. April letzten Jahres wegen der Klage. Dummerweise muss allerdings bis 2013 eine Anschlussfinanzierung gefunden werden. Die dazu laufenden Verhandlungen wurden wegen des Rechtsstreites bis zu einer möglichen Klärung der Situation auf Eis gelegt. Die Agentur Fitch nahm die Verbriefung auf die Negativ-Watchlist. Nun half auch der Vergleich zwischen Dresden und der WOBA/GAGFAH nicht mehr. Fitch senkte das Rating am 24. April diesen Jahres, also nach dem Vergleich. Mit einem Male störte, dass ein „Klumpenrisiko“ bestand, da die WOBA-Schulden nur in zwei Teile gesplittet sind. Vielleicht liegt in den Schwierigkeiten der Anschlussfinanzierung auch ein Grund für einen möglichen Totalverkauf der WOBA, wie er vor ein paar Wochen diskutiert wurde. Auf diese Weise könnte versucht werden, die Reißleine zu ziehen, wenn keine Anschlussfinanzierung gefunden wird.

Der WOBA-Verkauf – ein Verlustgeschäft für Dresden

Trotz alledem! – halten insbesondere die Stadträte der CDU die Fahne des WOBA-Verkaufs hoch. 70 Millionen Euro müsste die Stadt angeblich jährlich an Zins und Tilgung aufbringen, hätte sie die WOBA nicht verkauft. Schaut man sich allerdings die Posten von Zins, Tilgung und Gewinn an, haben die Wohnbau Nordwest GmbH und die Südost-Woba GmbH von 2007 bis 2011 jährlich gemeinsam im Schnitt 96 Millionen Euro erwirtschaftet – mithin jährlich 26 Millionen mehr, als die Stadt hätte an Zins und Tilgung bezahlen müssen. Sofern hier keine Sachverhalte übersehen wurden oder etwas nicht aus den Bilanzen ablesbar ist, hätte sich die Stadt nicht entschuldet, sondern bares Geld verschenkt. Vielleicht wäre die Stadt nicht um Teilverkäufe herumgekommen. Aber ein Totalverkauf war vor allem im Interesse der GAGFAH und der finanzierenden Banken, die bisher die einzigen Gewinner in dem Spiel sind, mal davon abgesehen, dass das Lehman Brothers nicht mehr viel hilft. Wie dem auch sei, Sinn und Zweck von Wohnungen ist es, dass Menschen ein Dach über dem Kopf haben. Und nicht, dass finanzwirtschaftliche Pirouetten gedreht werden, bis alles ins Stolpern gerät.