Postwachstumsökonomie und Gemeingüterökonomie

Am 2. Dezember 2011 fand in Dresden zu diesem Themenkomplex eine Podiumsdiskussion statt, an der Niko Paech (außerordentlicher Professor an der Universität Oldenburg), Friederike Habermann (Ökonomin, Historikerin und Autorin mit den Schwerpunkten Feministische Ökonomie, Solidarische Ökonomie und Gemeingüterökonomie) und Ronald Blaschke (Philosoph, Autor zum Thema Armut und Grundeinkommen sowie Mitbegründer des Netzwerkes Grundeinkommen) teilnahmen. Eingeladen hatte die Initiative Grundeinkommen Dresden und Umgebung, deren Vertreter Bernd Czorny die Veranstaltung moderierte.

Wir dokumentieren im Folgenden in Auszügen den Verlauf der Diskussion.

Frage: Wie ist der Begriff der Postwachstumsgesellschaft entstanden, und warum ist heute das Nachdenken über eine Postwachstumsgesellschaft so notwendig?

Niko Paech: Die Postwachstumsökonomie hat vier Gründe für ihre Alternativlosigkeit:

1. Die Möglichkeit, in Geld und über Märkte transferierte Wertschöpfung systematisch von ökologischen Schäden zu entkoppeln, entbehrt jeder theoretischen und empirischen Grundlage.

2. Nach Erreichen eines bestimmten Niveaus bewirken Zunahmen des Einkommens bzw. Konsums keine weitere Steigerung des individuellen Wohlbefindens (Lebenszufriedenheit oder sog. „Glück“).

3. Die soziale Logik des Wachstumsimperativs, wonach Hunger, Armut oder Verteilungsungerechtigkeit durch ökonomische Expansion zu beseitigen sei, ist hochgradig ambivalent. Das Eintreten kontraproduktiver sozialer Effekte des wirtschaftlichen Wachstums ist nicht minder wahrscheinlich.

4. Wirtschaftswachstum stößt an ökonomische Grenzen. Das als „Peak Oil“ apostrophierte Phänomen einer zu erwartenden Ressourcenverknappung weitet sich absehbar dergestalt aus, dass von einem herannahenden „Peak Everything“ auszugehen ist. Insbesondere die explosionsartige Nachfragesteigerung von Aufsteigernationen wie China und Indien führt zu einer entsprechenden Verteuerung jener Ressourcen, auf deren bislang vermeintlich unbegrenzter Verfügbarkeit der materielle Wohlstand basierte.

Frage: Inwieweit wird der dem Kapitalismus inhärente Wachstumszwang durch die Gemeingüterökonomie überwunden? Die geschichtliche und vor allem die heutige Praxis zeigte und zeigt, dass kapitalistisches Wachstum Armut schafft und damit die Schere zwischen Arm und Reich weiter öffnet. Einher geht es mit der fortschreitenden Zerstörung von Gemeingütern, wie zum Beispiel durch Privatisierung von Gewässern in Brandenburg.

Friedericke Habermann: Eine Reduzierung auf 20% des jetzigen Umweltverbrauchs in Europa erzwingt ein Schrumpfen der Wirtschaft. Wachstum ist eine Schimäre, hat keinen Zuggewinn an Lebensqualität gebracht. Es müssen ganze Industriezweige stillgelegt werden. Selbstversorgung über Gemeingüter hat keinen Wachstumszwang. Die Gemeingüterökonomie kommt ohne Geld aus.

Ich bin der festen Überzeugung, dass wir als Menschen ebenso Produkt unserer Umwelt sind wie unsere Umwelt unser Produkt. Verändern lässt sich nur beides zusammen. Dies erfordert auch eine grundlegende Veränderung der Gesellschaft, hin zu einer Gesellschaft, die ihre Produkte unentgeltlich und ohne Tausch, aber in einem Verbund der Gegenseitigkeit abgibt. Offene Plätze, die den Grundsatz praktizieren, dass Boden niemandem gehören sollte. Nutzungsgemeinschaften, die ihre Ressourcen ohne Tausch zu Verfügung stellen. Für mich sind all dies Module, die von anderen als Anregungen aufgegriffen werden können. Die wenigsten bedeuten eine vollkommene Lebensveränderung. Mir geht es auch darum, zu zeigen, wie wir in einzelnen Bereichen beginnen können, etwas zu verändern.

Zunächst das Prinzip, beizutragen statt zu tauschen. Dazu gehört, dass man eher vertraut als kontrolliert. Auch das Prinzip der Offenheit ist wichtig: Man muss nicht Teil einer festen Gemeinschaft sein, um etwas nutzen zu können. Und das Prinzip der freien Kooperation.

Wenn wir es als Selbstverständlichkeit leben, beizutragen statt zu tauschen, zu teilen statt zu kaufen, wird uns niemand mehr erzählen können, dass die Tatsache, dass 100.000 Menschen am Tag verhungern, leider nicht zu ändern wäre. Oder dass wir nur etwas Wert sind, wenn wir imstande sind, uns zu verwerten. Die Gemeingüterökonomie schafft eine starke Einbindung des Individuum in die Gemeinschaft

Frage: Das damit zwingend erfolgende Wegbrechen ganzer Industriezweige und einer starken Reduzierung anderer Industriezweige verursacht zwangsläufig den massenhaften Verlust von Arbeitsplätzen, damit sich verschärfende Verteilungskämpfe, die einen Transformationsprozess unmöglich werden lassen kann. Welche Rolle kann das bedingungslose Grundeinkommen spielen?

Ronald Blaschke erläuterte auf der Basis der Definition des Netzwerkes Grundeinkommen zunächst, was ein bedingungsloses Grundeinkommen ist. Es beinhaltet vier Kriterien: erstens es wird in existenz- und teilhabesichernder Höhe ausbezahlt, zweitens es ist ein individueller Rechtsanspruch, dritten findet keinerlei Bedürftigkeitsprüfung statt und viertens besteht kein Zwang zur Arbeit oder anderer Gegenleistung.

Das bedingungslose Grundeinkommen bedeutet einen Freiheitsgewinn, der notwendig ist für eine Transformation in eine Postwachstumsgesellschaft. Die Menschen müssen ohne soziale Verluste in der Lage sein, einen Abstand zur Lohnarbeit zu gewinnen. Dies wird dadurch möglich, dass das bedingungslose Grundeinkommen ein Grundrecht auf Multiaktivitäten ermöglicht.

Im Transformationsprozess zu einer Postwachstumsgesellschaft kann das bedingungslose Grundeinkommen zunächst in Geld ausbezahlt wird, um danach in ein nichtmonetäres Grundeinkommen überführt zu werden.

Frage: Erich Fromm sagte, das in einer entfremdeten Welt sich der Mensch die Welt dadurch aneignet, indem er sie konsumiert, vom Geist des Habens besetzt ist. Der Kapitalismus bietet nur scheinbar die freie Wahl der Lebensform, erzwingt indes uniforme Lebensmuster. Die Wahl besteht beispielsweise in der Marke des Autos. Welche Offenheit bietet die Gemeingüterökonomie in den Lebensformen, wenn man insbesondere nach Lateinamerika blickt? Welche Rolle spielt die Bewegung der Transitiontown beim Übergang in eine Gemeingüterökonomie?

Friederike Habermann: Eben hier können sich Module einer zukünftigen Postwachstumsgesellschaft herausbilden. Im Rahmen der Transition-Town-Bewegung (etwa „Stadt im Wandel“) gestalten seit 2006 Umwelt- und Nachhaltigkeitsinitiativen in vielen Städten und Gemeinden der Welt den geplanten Übergang in eine postfossile und relokalisierte Wirtschaft. Viele Initiativen des Transition Town Movement vertreten eine Umweltphilosophie, die angesichts schwindender Rohstoffe und negativer ökologischer Auswirkungen der Globalisierung die Idee des „einfachen Lebens“, der Regional- bzw. lokalen Wirtschaft sowie der Nachhaltigkeit und der wirtschaftlichen Selbstversorgung propagiert.