Hegemonie und Sozialismus – Antonio Gramsci

Von Ralf Becker

Am 27. April vor 75 Jahren starb einer der Führer der italienischen Arbeiterbewegung und Theoretiker der Partito Communista Italiano (PCI), Antonio Gramsci, an den Folgen seiner Kerkerhaft unter Mussolini. In armen Verhältnissen auf Sardinien geboren, musste er schon mit elf Jahren arbeiten. Nach Gymnasium und klassischem Lyzeum konnte er mittels eines Stipendiums ab 1911 an der Turiner Universität Philosophie, Geschichte und Philologie studieren. Hier, im Zentrum der italienischen Arbeiterbewegung, wurde er 1913 Mitglied der Partito Socialista Italiano (PSI), der auch Benito Mussolini angehörte. Gramsci begrüßte begeistert die Oktoberrevolution in Russland, betrachtete sie zugleich als eine Revolution gegen das Marxsche „Kapital“. Die intensive Beschäftigung mit den Schriften von Marx, Engels und Lenin machte Gramsci zu einem vehementen Verteidiger des Marxismus gegen die politischen Führer und Theoretiker der II. Internationale. Er war einer der Führer bei der Abspaltung des linken Flügels der PSI und der Gründung der PCI 1921, die unter seiner Führung eine „Leninistische Partei“ wurde. Gramsci kämpfte in den 20er Jahren erbittert gegen den 1922 zur Macht gelangten Faschismus in Italien und trat gegen die Sektierer in der Partei um Bordiga für eine Politik der breiten Volksfront ein.

Am 08.11.1926 wurde Gramsci mit anderen kommunistischen Parlamentsabgeordneten trotz ihrer parlamentarischen Immunität auf Befehl Mussolinis verhaftet und 1928 zu über 20 Jahren Zuchthaus wegen „Verschwörung gegen die Staatsgewalt, Anstiftung zum Bürgerkrieg, Aufreizung zum Klassenhass, der Verteidigung von Verbrechen und umstürzlerischer Propaganda“ verurteilt. Im Prozess sagte er dem faschistischen Staatsanwalt: „Ihr werdet Italien ins Verderben führen, und uns Kommunisten wird die Aufgabe zufallen, es zu retten“. Seine während der Haft entstandenen „Briefe aus dem Kerker“ beeinflussten die Nachkriegskultur Italiens nachhaltig. Auch international fand Gramscis Werk Interesse, jedoch kaum bei denen, die aus seinen Erkenntnissen hätten lernen können für die Überwindung des Kapitalismus und die erfolgreiche Entwicklung von „Sozialismus“. Denn Gramsci war kein „Katechismus-Marxist-Leninist“, sondern ein schöpferischer Kopf.

Auch die LINKE hat erst zaghaft sein Werk wiederentdeckt, indem sie sich auf ihrer Frühlingsakademie im Mai 2011 mit seinem Hegemonie-Konzept beschäftigte. Ohne eine neue Hegemonie-Bewegung sind die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse nicht grundlegend zu ändern. DIE LINKE hat ein Problem bei der wissenschaftlichen Fundierung ihrer Politik, das sich in der Verknüpfung von Programm, Strategie und (außerparlamentarischer und parlamentarischer) Aktionspolitik befindet. Das ist das Problem der Erzeugung einer neuen Hegemonie-Bewegung. Das Verhältnis von „Führung“, Mitgliedschaft und gesellschaftlichem Einfluss steht Kopf. Auch hier kann Gramsci helfen, denn er war sich des Problems des inneren Zusammenhalts und der Rolle von „organischen Intellektuellen“ in der Partei in Beziehung zu ihrer Aktionsfähigkeit bewusst. DIE LINKE aber hat kaum „organische Intellektuelle“ in Verantwortungspositionen. Um eine Trendwende in ihrer politischen Wirksamkeit zu erreichen, müsste sie neue Formen der inneren Mitwirkung bei Politikfindung und Umsetzung entwickeln, die auf Außenwirkung gerichtet sind. Und ihre führenden Politikerinnen und Politiker brauchen dafür eine Bildung, die sie nicht in Parlaments- und Vorstandssesseln bekommen. „Linke Politik“ braucht v. a. gesellschaftliche Mehrheiten jenseits parlamentarischer Wahlarithmetik. Sie braucht soziale und politische Bewegung, demokratische Selbstbeteiligung und -entscheidung der Betroffenen, geistige und kulturelle „Aufrüstung“, eine tief in die Gesellschaft hineinwachsende Hegemonie eben. Sie benötigt daher kontinuierliche und umfassende Organisation solcher Wirkungsmöglichkeiten. Andere Parteien können sich mit der Organisation von Wahlkämpfen und PR-Strategien begnügen, DIE LINKE ginge daran zugrunde. Solche Prozesse sind zu „führen“! „Eine Partei muss nicht nur ein lernendes, sondern auch ein handelndes System sein“, referierte die Parteivorsitzende auf der Vorstandsklausur im Dezember 2011. Genau da aber, beim Hegemonie organisierenden Handeln, fehlt es nahezu vollständig an Führungs-Kompetenz. Gramsci bleibt aktuell.