Generalabrechnung

Hilflos im Moralismus verharrend: Freerk Huisken über das Elend der Kritik am Neofaschismus und Demokratiegeplänkel antifaschistischer Gruppen

Von Markus Bernhardt

Mit seiner Veröffentlichung »Der demokratische Schoß ist fruchtbar – Das Elend der Kritik am (Neo-)Faschismus« greift der Publizist Freerk Huisken zum richtigen Zeitpunkt in die Debatte um den Zustand antifaschistischer Organisationen und bürgerlicher Neonazigegner ein. Hat sich doch spätestens seit der erstaunlichen Wortkargheit und Hilflosigkeit antifaschistischer Organisationen in Folge der Enthüllungen über die terroristischen Morde des »Nationalsozialistischen Untergrundes« (NSU) gezeigt, wie inhaltlich defizitär die antifaschistische Bewegung mittlerweile aufgestellt ist.

In seinem neuen, im Hamburger VSA-Verlag erschienen Buch untermauert Huisken seine These, derzufolge Demokraten aller Couleur Neofaschisten nicht kritisieren könnten, da sie bei der »unerwünschten Konkurrenz« Einvernehmen mit dem eigenen höchsten politischen Ziel, nämlich dem Erfolg der Nation, entdecken würden. Harsch, aber stets untermauert von Argumenten, rechnet der 1941 geborene Huisken mit weiten Teilen der antifaschistischen Bewegung ab, der er unter anderem vorwirft, daß ihr »außer einer Neuauflage der juristischen Kriminalisierung der NPD und verstärkt auch ihres Umfeldes nicht viel einfällt«.

In einem eigenen Kapitel geht Huisken, emeritierter Professor für Politische Ökonomie des Ausbildungssektors im Fachbereich Erziehungswissenschaften der Universität Bremen, zudem auf das Unvermögen antifaschistischer Gruppen ein, dem zunehmend von neofaschistischen Organisationen propagierten rechten »Antikapitalismus« politisch etwas entgegenzusetzen. Dies liegt laut Huisken daran, daß die Antifa »sich in der Kritik an den ›Mißständen‹, die der Kapitalismus hervorbringt, zunächst einmal mit ihren politischen Gegnern einig« sei. »Überall dort, wo der Faschist diese Kritik mit moralischen Kategorien einleitet, weiß die Antifa dem nichts entgegenzusetzen«, so der Autor, der dem Gros der Antifaschisten vorwirft, »hilflos in ihrem Moralismus« zu verharren.

Neonazigegner seien mittlerweile »so sehr von der antifaschistischen Gesinnung des demokratisch erzogenen Volkes überzeugt, daß sie sich darüber glatt jedes Argument gegen Faschismus, Rassismus und Nationalismus ersparen«, lautet ein weiterer Vorwurf Huiskens, der antifaschistischen Gruppierungen rät, sich endlich zu entscheiden: »Entweder beschließen sie, als die letzten Überlebenden und Personifikationen der berechnend eingeführten Nachkriegsstaatsräson weiterzumachen, dann müssen sie in Deutschland alte und neue Nazis jagen, auch wenn regierende Demokraten längst dabei sind, Hitlers Visionen von deutscher Größe und Weltgeltung per Welteroberung überzuerfüllen. Dann aber behindern sie als Parteigänger der wahren Demokratie zugleich die Kampfansage an den Grund des Faschismus. Oder sie beginnen wirklich einmal damit, nach den Wurzeln des ›Nazismus‹ zu fragen«, wofür sie sich jedoch von »der Vorstellung lösen müssen, daß ein deutscher Staat, in welchem Rassismus, Ausländerfei  ndlichkeit und Nationalismus verwurzelt ist, kein demokratischer sein kann; und dafür haben sie sich zugleich an den Gedanken zu gewöhnen, daß sich umgekehrt mittels erfolgreicher demokratischer Betreung einer kapitalistischen Ökonomie im In- und Ausland auch ganz ohne Faschismusimitat, also ohne Antisemitismus und KZ, ohne Euthanasie und Weltkriegsalleingänge, so einiges an Verheerungen an Mensch und Natur anrichten läßt«, so Huisken weiter.

Das neue Buch des Bremer Professors, der auch das Standardwerk »Erziehung im Kapitalismus« verfaßt hat, dürfte geeignet sein, autonome antifaschistische Aktivisten und Mitglieder der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten (VVN-BdA), die sich mehrheitlich für ein Verbot faschistischer Organisationen und Parteien aussprechen, bis aufs Blut zu provozieren. Eben dies zeichnet den Band jedoch aus. So wirft Huisken Fragen auf, die in der antifaschistischen Bewegung – wenn überhaupt – einzig hinter vorgehaltener Hand diskutiert werden. Huiskens offensive und vollkommen rücksichtslose Kritik am mehrheitlichen Wirken der antifaschistischen Bewegung verdient daher in jedem Fall Beachtung. Der Autor verweist auf politische Defizite in deren Reihen und verweigert sich der antifaschistischen Selbstinzenierung als »guter Demokrat«.

Nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Mordserie der Untergrundgruppe »NSU«, der Verstrickung der bundesdeutschen Geheimdienste in den rechten Terror, der imperialistischen Kriegspolitik Deutschlands und des maßgeblich antimuslimischen Rassismus in diesem Land, ist Huiskens politischer Debattenbeitrag kaum zu hoch zu bewerten. Mit »Der demokratische Schoß ist fruchtbar – Das Elend der Kritik am (Neo-)Faschismus« hat er ein weiteres Standardwerk verfaßt, das in das Bücherregal jedes Antifaschisten gehört.

Freerk Huisken: Der demokratische Schoß ist fruchtbar – Das Elend der Kritik am (Neo-)Faschismus. VSA Verlag, Hamburg 2012, 232 Seiten, 14,80 Euro