„Boschler“ ist besser als „Werkstattmitarbeiter“

Von Anja Oehm

Ilja Seifert zu Besuch bei Bosch

MdB Dr. Ilja Seifert bei Bosch in Sebnitz

Im Juni 2011 besuchte Dr. Ilja Seifert die AWO-Behindertenwerkstätten auf dem Pirnaer Sonnenstein. Dort offenbarte er, dass er Werkstätten skeptisch gegenüberstehe. Es ärgere ihn einfach, dass hier große Firmen billig produzieren lassen. Deshalb wirbt er bei Firmen dafür, Werkstattmitarbeiter einzustellen und ihnen damit ein ganz anderes Selbstwertgefühl zu geben.

In den AWO-Werkstätten wird u.a. für die Robert Bosch Elektrowerkzeuge GmbH in Sebnitz gearbeitet. Um zu dieser Problematik ins Gespräch zu kommen, fuhren wir am 22. Februar nach Sebnitz. Freundlich empfingen uns Standortleiter Dr. Ralph Beetz und Personalleiterin  Christine Neumann und führten uns zunächst durch die Produktionsstätte. Sie ist mit ca. 460 Mitarbeitern eine der größten im Landkreis. Zwei Mitglieder des Betriebsrates und der Auszubildendenvertretung sowie ein Industriemechaniker-Azubi berichteten uns über die Ausbildung und die Verfahrensabläufe bei der Gebrauchsgüterherstellung. Arbeits- und Ausbildungsplätze bei Bosch sind begehrt, handelt es sich doch um das angesehenste Industrieunternehmen Deutschlands (Studie „Imageprofile 2012“ Manager-Magazin). Wir erlebten eine hell verglaste, saubere Produktionsstätte mit geringem Lärmpegel, hochautomatisierte Technik, betraten z.B. Fußmatten, die zur Erleichterung Waldboden imitieren. Ja gut, wer erstmalig hier ist, spürt die unvermeidlichen Industriegerüche besonders. Hochkonzentriert waren die Beschäftigten bei der Sache.

                                              Tariflöhne und keine Leiharbeiter

Dr. Beetz hatte nach dem Rundgang eine Präsentation für uns vorbereitet, wo er Struktur und Unternehmensphilosophie erläuterte. Die Robert Bosch GmbH sei ein internationales, werteorientiertes Unternehmen mit weltweit 300 000 Mitarbeitern, dass auf Nachhaltigkeit und Unabhängigkeit setze. Firmengründer Robert Bosch sah sich als Unternehmer stets auch in sozialer Verantwortung, führte als einer der ersten Unternehmer Deutschlands den Acht-Stunden-Arbeitstag ein. In  Sebnitz werden sächsischer Metalltarif gezahlt, keine Leiharbeiter beschäftigt, es gibt das betriebliche Eingliederungsmanagement. Es wird eine Mittagsversorgung zu sehr moderaten Preisen angeboten, neuerdings auf Wunsch der jüngeren Mitarbeiter auch ein Gesundheitsessen. Bosch sei gut durch die Krise gekommen, habe alle Arbeitsplätze halten können, freute sich Dr. Beetz  Sehr viel Geld sei in Forschung und Entwicklung gesteckt worden – das zahle sich aus.

                                  Behindertenwerkstätten zementieren Aussonderung

Wir kamen zum eigentlichen Anliegen unseres Besuches: „Ich bin Behindertenwerkstättler klingt doch viel schlechter, als wenn ich sagen kann: ich bin Boschler“, stellte Ilja Seifert fest. Behindertenwerkstätten seien Vorzeigestätten geworden, aber eben auch Auslagerungsstätten. Behinderte blieben unter sich. Diese Werkstätten zementierten Aussonderung. Eine geschützte Abteilung, so, wie er das etwa bei BASF in Ludwigshafen in der Postverwaltung und Aktenvernichtung gesehen habe, käme dem, was er unter „Inklusion“ verstehe, nahe. Nachdenklich geworden gab Herr Dr. Beetz zu, diesen Aspekt noch nie so betrachtet und gesehen zu haben. Denn es seien ja die Werkstätten auf Bosch zugekommen, ob sie Arbeit für behinderte Menschen hätten. Und es gelten die gleichen Basiswerte, die die Behinderten auch hier bekommen würden. Wobei er auch im eigenen Unternehmen schon so etwas gesehen habe, eine ganze Verpackungsabteilung mit behinderten Menschen. Auf jeden Fall sei das ein Denkanstoß.

Wir bedankten uns für zwei spannende Stunden. Ilja Seifert möchte das Unternehmen zum Nachdenken angeregt haben, nicht Arbeit in Werkstätten auszulagern, sondern die Menschen mit Behinderung (einschließlich ihrer Anleiter und ggf. Assistenten) im Sinne der Inklusion zu Mitarbeitern der Weltfirma Bosch zu machen. Zu Vielfalt, Nachhaltigkeit und hohen ethischen Grundsätzen in der Firmenphilosophie gehörte auch, Arbeitsplätze so anzupassen, dass sie für Menschen mit Behinderung bereichernd sein können.