Vor 30 Jahren starb Robert Havemann

Von Ralf Becker

Als ich in den 80er Jahren studierte, begegnete mir der Name Robert Havemann nicht ein einziges Mal. Aber vorher in der „FDJ-Initiative Berlin“ hatten mir Kollegen, Arbeiter von ihm erzählt. Sein Streit mit den in der DDR Herrschenden hatte gerade das letzte Stadium erreicht: 1976 Aufenthaltsbeschränkung auf das eigene Grundstück, 1979 Klage wegen Devisenvergehen, da er, dem jede publizistische Möglichkeit in der DDR verwehrt wurde, in der BRD publizierte – um  DDR-Bürger zu erreichen. Seit 12 Jahren bereits enthielt man ihm die Intelligenzrente vor. Und das Komitee der antifaschistischen Widerstandskämpfer schloss ihn, den von den Nazis wegen seines Widerstandes zum Tode Verurteilten, schon 1975 aus – Gleichschaltung.

Aufgewachsen in gesicherten Verhältnissen, wurde Havemann frühzeitig mit dem Antisemitismus konfrontiert. Er schloss sich dem Widerstand gegen die faschistischen Machthaber an, gelangte schließlich zur KPD. Das Interesse der Faschisten an dem wissenschaftlichen Kopf verhinderte seine Hinrichtung bis zur Befreiung.

Nach der Befreiung gehörte er zu jenen Enthusiasten, die sich aufgrund der geschichtlichen Erfahrung nun mit einem gewissen Sendungsbewusstsein an die Neugestaltung der Gesellschaft machten. Chef des Kaiser-Wilhelm-Instituts in Dahlem im noch nicht gespaltenen Berlin und Abteilungsleiter des Bereichs Physik und Elektrochemie sowie eine Professur an der Humboldt-Uni sind erste Nachkriegsaufgaben. Mit dem Kalten Krieg folgte seine Entfernung aus dem Dahlemer Bereich, ab 1950 war er nur mehr im Osten Berlins tätig.

Für den Kulturbund wurde er 1949 Mitglied des Deutschen Volkskongresses und der späteren Volkskammer. Er arbeitete bis 1963 mit KGB, MfS und der militärischen Aufklärung der NVA zusammen. Die Ungarischen Ereignisse und die Enthüllungen über die Verbrechen Stalins mit dem XX. Parteitag der KPdSU waren 1956/57 Schlüsselerlebnisse. Es begann mit dem Aufwerfen philosophischer Fragen der Naturwissenschaften, die er dann auch auf gesellschaftliche Probleme ausdehnte. Als aktiver, durch den Widerstand geschulter Kommunist war er natürlich an der gesamten Problematik der Entwicklung des Sozialismus interessiert. Seine Philosophie-Vorlesungen 1963 erfuhren einen geradezu dramatischen Zulauf von Studenten aus der ganzen DDR und auch aus Westberlin. Als entscheidend galt ihm die Öffnung der Partei für die Meinung anderer, die Überwindung des absolutistischen Wahrheitsanspruchs, um die gesellschaftlichen Probleme mit der Kraft aller Gesellschaftsmitglieder zu lösen. Das führte zum Konflikt: Die „Abrechnung mit dem Stalinismus“ 1956 habe er falsch verstanden. Er begann Fragen der gesellschaftlichen Entwicklung zu thematisieren, die von der Partei- und Staatsführung nicht erwünscht waren, und gab Antworten, die schließlich die ideologische Toleranzgrenze derselben überstieg.

Bis zuletzt hielt er die DDR für das bessere Deutschland. Und er hielt es für falsch, ihr den Rücken zu kehren, wie es viele Intelligenzler in den 70er Jahren taten. Sie würden in der DDR so nötig für die notwendigen Veränderungen gebraucht. Er reflektierte bereits die heraufziehende globale ökologische Krise und den Nord-Süd-Konflikt. Noch kurz vor dem Tode schrieb er 1982 an Bundeskanzler Schmidt, er möge doch „Deutschland der Blockkonfrontation entziehen“.

Das Problem ist nicht, ob H. immer recht hatte, sondern wie die Partei mit einem exponierten eigenen Andersdenkenden umsprang. Bleibt das Eintreten in Verantwortung für das Werk eines freien Denkers und Kommunisten, der uns heute noch Hilfe bei der Findung „linker“ Politikstrategien geben kann. Lest ihn!