Vom Tauchen in den Satztiefen

Mark twainVon Peter Porsch

Der amerikanische Schriftsteller Mark Twain stand Zeit seines Lebens auf liebevollem Kriegsfuß mit der deutschen Sprache – wenn es denn einen solchen geben kann. Er schrieb einen langen Essay über „Die schreckliche deutsche Sprache“. „Wer nie Deutsch gelernt hat, kann sich gar keine Vorstellung davon machen, was das für eine komplizierte Sprache ist“, stellte er dort gleich im zweiten Absatz fest. Eine Eigenheit dieser Sprache macht ihm besonders zu schaffen – der Umgang mit dem Verb im Satz (Ältere unter uns kennen das Verb auch noch als „Zeitwort“ oder wie ich aus meiner Volksschulzeit ganz und gar falsch als „Tunwort“.).

Verzweifelt stellt der mit amerikanischem Englisch Aufgewachsene fest: „Wenn der deutsche Schriftsteller in einen Satz taucht, dann hat man ihn die längste Zeit gesehen, bis er auf der anderen Seite seines Ozeans wieder auftaucht mit seinem Verbum im Mund“.  Was hat es damit für eine Bewandtnis und was unterscheidet uns hier vom Englischen? Nun, es ist das Verb! Viele unserer deutschen Verben (wenn auch nicht alle) sind teilbar. Sie haben sozusagen Sollbruchstellen; die englischen Verben nicht. Die Grammatik tut dann noch das Ihrige dazu. Aber langsam und der Reihe nach: Ein vorsichtiger Autofahrer, natürlich auch eine solche Autofahrerin, wird einen Baum, der sich ihm oder ihr in den Weg stellt, nicht nur rechtzeitig bemerken, sondern deshalb auch umfahren. Er oder Sie fährt in deshalb auch nicht um. Letzteres könnte schließlich fatale Folgen haben, wenn der Baum sich zwar nicht wehren würde, umfahren zu werden, wohl aber sich standhaft dagegen stemmte, umgefahren zu werden. Diesen Unterschied beachtet die deutsche Sprache, indem sie „umfahren“ einmal als „trennbares“ Verb zur Verfügung stellt und einmal eben nicht. So etwas kennt das Englische überhaupt nicht. Da fährt niemand den Baum um, wohl aber „can someone run down the tree“. Vor Schaden schützen würde „to drive round the tree“. Siehe da, obwohl man im Englischen sogar jeweils zwei Wörter braucht, darf man sie in keinem Fall voneinander trennen. Da passt nichts dazwischen.

Aber wir wollen nicht voreilig das Lob des Englischen singen. Diese Trennbarkeit der deutschen Verben hat Vorteile. Genau wie im Englischen gibt es nämlich auch im Deutschen eine feste Ordnung für die Satzglieder. Die englische Sprache verlangt die starre Reihenfolge von Subjekt, Prädikat, Objekt. Da darf man üblicherweise nichts vertauschen, nicht im Hauptsatz und nicht im Nebensatz. Die deutsche Sprache hinwiederum will im Hauptsatz das finite Verb, also das Prädikat, immer als zweites Satzglied im Hauptsatz und als letztes im Nebensatz. Spannend ist dabei der Hauptsatz. Denn besser und vor allem genauer gesagt, muss dort mit dem zweiten Satzglied verkündet werden, wer oder was, wann, möglicherweise oder wirklich etwas getan oder sich vollzogen hat. Um welchen Vorgang es sich dabei genau handelt, muss man an dieser Stelle aber noch nicht verraten. Damit kann man warten bis zum Schluss des Satzes. Solches macht die Sätze spannend. Die Grammatik spricht von „Satzklammer“. Bleiben wir bei unserem Beispiel, so kann man sich den Satz vorstellen: „Meine große Schwester fuhr gestern den kleinen, zierlichen Baum, den ich erst vor einer Woche mit soviel Mühe und heißem Schweiß gepflanzt hatte, um.“ Jetzt verstehen wir vielleicht schon Mark Twain: Wir erfahren schon an der zweiten Stelle im Satz, dass die Schwester fuhr und die ganze Sache sich in der Vergangenheit abgespielt haben muss und sich auch wirklich so abgespielt hat. Erst am Schluss aber, nachdem uns sonst noch was erzählt wurde, geht es zur Sache: Der Baum ward umgefahren, und z. B. nicht wieder zurück in die Gärtnerei. Immerhin wussten wir aber wenigstens schon bald, dass gefahren wurde. Das muss nicht immer so sein. Zur Verwirrung von Mark Twain und seinen mitleidenden englischsprachigen Landsleuten hält unsere deutsche Sprache nämlich eine noch größere Tollheit mit der Satzklammer bereit. Bestimmte Formen des Verbs werden „analytisch“ gebildet. Das heißt, wir haben einerseits das Wort mit seiner Bedeutung, andererseits haben wir aber noch ein eigenes Wort, das nur sagt, wer, wann und wie. Zum Beispiel: „Er kam zu spät“, jedoch: „Er ist zu spät gekommen“ oder „Er sollte zu spät kommen“. Auch dieses Phänomen bietet uns, wie man sieht, die Möglichkeit zur Satzklammer: „Er ist gestern zu allem Unglück und zum Verdruss der Wartenden wegen des Regens auch noch zu spät gekommen“. Wow! Tatsächlich, ein Ozean wurde mit angehaltenem Atem, aber vielen neuen Eindrücken durchtaucht, und mit dem Verbum im Mund kommt man wieder an die Oberfläche. Jetzt kann man tief durchatmen. Der Satz, er ist vollbracht!

Und nun der langen Rede kurzer Sinn: Wir sind mit der deutschen Sprache und ihrer Satzklammer sehr viel längere Sätze zu bilden gewohnt, weil wir am Schluss mit dem zweiten Verbteil immer wieder darauf hinweisen können, wie wir eigentlich angefangen haben. Das verleitet freilich oft zu Übermut. Die Sätze werden lang und länger, egal ob wir einen abschließenden Verbteil haben oder nicht. Vor allem Wortzusammensetzungen, Attribute in Form von Wörtern oder immer wieder neuen (Neben-)Sätzen, endlose Aufzählungen machen den Satz, durch den wir tauchen, tiefer und tiefer. Die Sprachwissenschaft spricht deshalb folgerichtig von der „Satztiefe“, die mit jedem Attribut, mit jedem Nebensatz größer wird. Ist der Satz geschrieben, mag das manchmal noch angehen. Man kann den überlangen Satz mehrfach lesen, bis man ihn verstanden hat. Die Lust am Lesen erhöht das sicher nicht. Wird der Satz jedoch gesprochen, überfordert man die Merkfähigkeit der Zuhörer ab einer gewissen Satzlänge in einer Art, der dann selbst die Satzklammer keine Hilfe mehr sein kann. Die Zuhörerinnen und Zuhörer schalten ab. Man wird langweilig. Die Gefahr ist dort besonders groß, wo zunächst Geschriebenes in Gesprochenes verwandelt werden soll. Deshalb ist ein Stichwortzettel für eine Rede meist günstiger als bereits ausformulierte Sätze. Und die Gefahr ist nicht minder groß, wenn ein Satz aufgeschrieben wird, den jemand anderer dann leicht lesbar machen soll. Viele Presseerklärungen sind da ein Beispiel: Was soll der gutmütigste Redakteur aus einem solchen Satz für Zeitung, Radio und Fernsehen machen?  „Wie schon anlässlich der von uns zusammen mit der SPD-Fraktion sowie Gewerkschaften, Betriebsräten und Beschäftigten kürzlich durchgeführten Anhörung zum Referentenentwurf dieses Ladenöffnungsgesetzes, zu der das eingeladene Wirtschaftsministerium mit Abwesenheit glänzte, macht der stock-neoliberale Staatsminister Morlok wieder einmal deutlich, dass er von guter Arbeit nichts versteht und dass ihn die Arbeitsbedingungen, der Gesundheitsschutz und das Familienleben von vielen Tausend Beschäftigten im Handel nicht interessieren.“

Geneigte Leserin, geneigter Leser, versuchen Sie doch einmal selbst, die fast schon barocke Satzgirlande aufzulösen, um sie so in ihren Einzelteilen wie als Ganzes verständlicher werden zu lassen!

(Die Zitate von Mark Twain wurden gefunden in: „The Awful German Language. Die schreckliche deutsche Sprache, Manuscriptum Verlagsbuchhandlung, Waltrop und Leipzig 2003 und unter http://wunderland-deutsch.com/?tag=/wunder)