Du tatest es vergebens!

Posted by on Dezember 24, 2011 at 9:33 am.

Kevin Reißigfür Links! 12/2011

Bald feiern Christinnen und Christen in aller Welt wieder den Geburtstag von Jesus Christus. Erneut kaum Beachtung finden wird ein kleines Gedicht von Erich Kästner, von Ernst Busch vertont: Dem Revolutionär Jesus zum Geburtstag. „Du gabst den Armen ihren Gott / Du littest durch der Reichen Spott / Du tatest es vergebens!“, heißt es da an die Adresse des vielbesungenen Erlösers; weiter: „Du sahst Gewalt und Polizei / Du wolltest alle Menschen frei / Und Frieden auf der Erde“. Wahrlich, Revolutionäres findet sich in seinen tatsächlichen und zugeschriebenen Zielen reichlich. Es ist kein Zufall, dass die gesellschaftliche Linke dem ursprünglichen Jesus längst näher scheint als die infam etikettierte „C“DU, die allenfalls dafür sorgt, dass die Armen weiter „ihren Gott“ brauchen und für Frieden beten. Weithin bekannt ist das geflügelte Wort: Ein Sozialist muss nicht Christ sein, aber ein Christ muss Sozialist sein.
Doch halt! Linke sind doch gegen Religion? Weit gefehlt. Karl Marx beschrieb 1844 in seiner Einleitung zur „Kritik der Hegel’schen Rechts-Philosophie“ eine nur scheinbar banale Einsicht: Religion ist menschgemacht. Linke wehren sich folglich nicht gegen Religion an sich, sondern gegen die Verhältnisse, die die Religion erschufen. Und gegen jene, die sie als Rechtfertigung für Gewalt und Bevormundung missbrauchen. Auf Jesus Bezug zu nehmen ist daher für Linke kein Prinzipienverrat, sondern beständige Legitimationsquelle. Den selbstherrlichen Vertretern der „christlich-abendländischen Kultur“ soll ruhig immer wieder vorgehalten werden, dass sie selbst tagtäglich zum Scheitern der Ideale von Jesus Christus beitragen – indem sie immer neue Kriege führen, die Schere zwischen Arm und Reich mit aller Gewalt aufspreizen, hungernde Kinder ignorieren, Freiheits- und Menschenrechte einschränken. Kästner an Jesus: „Die Menschen wurden nicht gescheit. / Am wenigsten die Christenheit, / Trotz allem Händefalten. / Du hattest sie vergeblich lieb. / Du starbst umsonst. Und alles blieb / Beim Alten“ – zumindest bis jetzt. Menschliche Verhältnisse kann indes nur der Mensch selbst schaffen. Wenn der Glaube an die Ideale von Jesus Christus ihn dabei antreibt, umso besser.

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