Die Mörder sind unter uns

Kerstin Köditz über die Mörder und Bombenleger des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ für Links! 12/2011

Wolfgang Staudte war es, der 1946 den ersten deutschen Nachkriegsfilm drehte. Es war geradezu unvermeidlich, dass er sich mit der Vergangenheit kritisch auseinander setzte. Der Mörder unter damals war ein beliebter Bürger und erfolgreicher Geschäftsmann, der aus alten Stahlhelmen Kochtöpfe produzierte. Wenige Jahre zuvor war er verantwortlich für die Erschießung dutzender unschuldiger Menschen in Polen gewesen. Die Hauptperson des Films will den Mörder zunächst selbst richten, vertraut dann aber auf die Justiz.

Heute wissen wir, dass dieses Vertrauen zwar politisch erwünscht und moralisch angebracht war, aber dass dieses Vertrauen unangebracht war.

Die Mörder lebten noch lange mitten unter uns. Manchmal mit falschen Papieren, getarnt und in ständiger Angst entdeckt zu werden, manchmal aber auch mit Hilfe und Unterstützung einflussreicher Personen oder der Behörden. Mitten unter uns. Überall in Deutschland.

„Die Mörder sind unter uns“. Der Filmtitel ist im Gedächtnis geblieben, auch bei jenen, die das Werk selbst nie gesehen haben. Und doch erschrecken wir, wir alle, wenn wir entdecken, dass die Mörder auch heute noch mitten unter uns leben. Nicht mehr die Nazis von damals, nein, junge Nazis. Aufgewachsen mitten unter uns, erzogen von uns.

Nachbarn. Ganz normale Leute, die sich am Dorfleben beteiligen. Die die Katze vorbeibringen, wenn sie in Urlaub fahren. Keine augenfälligen Monster. Ganz normale Deutsche.

In Zwickau lebten drei von ihnen. Was kann Zwickau dazu? So eine der schnellen, vorschnellen Reaktionen. Die sind doch eigentlich aus Thüringen. Was können wir denn dazu, fragten die aus Jena. Schuld sind doch unsere Behörden, die jämmerlich versagt haben. Wir sind nicht schuld, kam es aus Johanngeorgenstadt. Die Helfer dieses „Nationalsozialistischen Untergrunds“, dieser Mörder und Bombenleger, leben doch schon lange nicht mehr hier.

Wie die Bürgerinnen und Bürger, so selbstverständlich auch die Behörden.

Gegenseitige Schuldzuweisungen, Vorwürfe des Versagens an den jeweils anderen. Politik an Straverfolgungsbehörden, Polizei an Verfassungsschutz, alle gemeinsam an die Justiz. Bestenfalls wurden Splitter im eigenen Auge festgestellt, Balken in jenen der anderen.

Schnelle, vorschnelle Lösungen sind in solchen Situationen rasch zur Hand. Innenminister Friedrich will eine Art neues Reichssicherheitshauptamt schaffen. Unterdrückungs- und Überwachungsmechanismen, untauglich zur Terrorbekämpfung, wie die Vorratsdatenspeicherung finden eine neue Begründung. Und selbstverständlich wollen alle plötzlich die NPD verbieten. Von heute auf gleich haben sie nunmehr erkannt, dass es sich bei ihr um eine undemokratische Partei handelt, eine nationalsozialistische. Die Voraussetzung für ein Verbot, den Abzug der Spitzel des Verfassungsschutzes, möchte aber niemand von denen mit Verantwortung in der Regierung erfüllen. Aktionismus und Populismus reichen sich die Hände. Von der Verantwortung wird abgelenkt.

Also schauen wir nach Sachsen. Übernehmen wir Verantwortung. Stellen wir die Fragen, die wehtun. Manchmal auch uns selbst. Suchen wir nach den Spuren, Kreisen und Netzwerken im Freistaat, die den Mördern geholfen haben. Ebenso wie nach denen, die versagt haben bei ihrer Ergreifung.

Wir sehen den ehemaligen NPD-Landtagsabgeordneten und Stadtrat in Zwickau, der einer Facebook-Gruppe namens „Das war kein Terrorismus – für uns ist es Widerstand“ angehört. Wir wissen nicht, ob er die Gruppe gekannt oder gar unterstützt hat. Wir wissen aber, dass er Kontakte zu jenen hat, die zu den Unterstützerkreisen zählen dürften.

Wir sehen den NPD-Parteivorsitzenden, der sich in einem Antrag im Landtag scheinbar vom Terrorismus distanziert, um dann im nächsten Absatz puren Rassismus und Antisemitismus zu verbreiten. Der dafür verantwortlich ist, dass Personen aus dem Umfeld der Mörder in seiner Partei Posten und Positionen bekommen haben.

Wir sehen ein Netzwerk aus mehreren Gruppen. Der „Brigade Ost“, der Freien Netz als Fortsetzung des Thüringer Heimatschutzes, der verbotenen und nicht zerschlagenen internationalen Gruppierung „Blood and Honour“, dessen Ableger in der Region Chemnitz und Erzgebirge.

Wir sehen ein Landesamt für Verfassungsschutz, das nicht nur seinem eigenen Anspruch nicht genügt, sondern nicht zuletzt wegen seiner partiellen Blindheit abgeschafft gehört. Wir sehen eine Polizei, die über Jahre gesuchte Personen nicht entdeckt hat. Und das ist noch zurückhaltend ausgedrückt. Wir sehen eine Staatsregierung, die diese Zustände geduldet hat und rechtfertigt. Die nicht Willens ist, diese Zustände wenigstens jetzt abzustellen. Wer braucht da noch Prophetengabe, um die Prognose zu wagen, dass diese Art von Mördern weiterhin unter uns leben wird.

Nach dem mörderischen Attentat im Sommer dieses Jahres in Oslo, rechtfertigte sich in Norwegen niemand damit, es habe sich um einen Einzeltäter gehandelt. Selbst die Konservativen forderten keine härteren Gesetze und den Abbau von Grundrechten. Norwegen stehe dafür, ein offenes und demokratisches Land zu sein. Der Mörder würde siegen, wenn man auf diese Weise reagieren würde. Sorgen wir dafür, dass Deutschland endlich ein freies und demokratisches Land wird, dass der Freistaat Sachsen mit guten Beispiel vorangeht, dass die Menschen hier Zivilcourage gegen Nazis zeigen. Alle! Vielleicht werden dann eines Tages die Mörder nicht mehr unter uns sein.