Warum Fremdenfeindlichkeit noch lange nicht überwunden wird
von Rick Sunderland für Links! 12/2011
Nein, die deutsche Mehrheitsgesellschaft ist nicht fremdenfeindlich. Schließlich geht man italienisch essen, und gern wird in der Türkei oder in Tunesien Urlaub gemacht. Die deutsche Mehrheitsgesellschaft hält sich ob solchen Verhaltens für fremden- wenn nicht gar gastfreundlich und verwechselt gern Akzeptanz mit Weltoffenheit.
Ganz deutlich konnte ich „Entfremdung“ selbst erleben, als ich in der hessischen Landeshauptstadt Wiesbaden in „Klein-Istanbul“ (einem Stadtteil in unmittelbarer Bahnhofsnähe, den die Wiesbadener Türken so nennen) mit einer arabisch-türkischen Freundin unterwegs war. Überall gab es Plakate, die auf einen türkischen Film hinwiesen. In Türkisch natürlich. Ich sagte zu ihr: „Schau mal! Willst du dir den nicht mit deiner Freundin ansehen?“ Sie las das Plakat und sagte: „Ja gerne – aber du kannst mitkommen!“ Ich lachte, weil ich damals noch nicht mal Türkisch bis drei zählen konnte. Doch sie schüttelte den Kopf: „Der Film ist mit deutschen Untertiteln! Hier steht es …“ Da stand es – auf Türkisch! Es war ein wunderbarer Film über eine fremde Kultur. In dem Film war ich der einzige Deutsche so weit ich das mitbekam – „Dank“ der rein türkischen Plakate.
Einige Zeit später wurde im schönsten Kino Wiesbadens ein sehr populärer türkischer Film gezeigt – das Wiesbadener Bildungsbürgertum strömte zum Film. Man hatte überall geworben, nur nicht in „Klein-Istanbul“ und auch nicht auf Türkisch. Das Ergebnis: Meine Freundin war die einzige Türkin im Saal.
Ähnliches erlebte ich zu einer Wladimir-Wyssotzky-Ehrung in Dresden, wo ich der einzige Deutsche unter Russlanddeutschen war – überall gab es Plakate in Russisch.
Mitten im Frankfurter Bankenviertel im Club Voltaire feierten die ostdeutschen Bankangestellten mit einem Augenzwinkern 1999 den 50. Jahrestag der DDR – mit ukrainischer Soljanka, Nordhäuser Doppelkorn, Marx-Büste und beiliegendem Neuen Deutschland. Ein Ossi-Versand hat im Westen Konjunktur: Man freut sich über Bautzner Senf, Spreewaldgurken und Spee. Was wir uns selbst zugestehen an Bewahrung unseres lokalen Patriotismus, sollten wir aber Türken und Russlanddeutschen nicht verwehren. Die Landeszentralen für politische Bildung beschäftigen sich mit vielem – vielleicht sollte man dort mal die Prioriätenliste ändern, es wird langsam Zeit 50 Jahre nach dem Anwerbe-Abkommen und angesichts der geballten Unwissenheit westdeutscher Kulturpäpste in Sachen türkisch-russischer Kultur!