Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?

Posted by on Oktober 3, 2011 at 12:56 pm.

„Wer hat Angst vorm schwarzen Mann“ – die  Biographie eines schwarzen „Buchenwalders“

Das Buch liest sich schnell. Es ist kein schweres Buch, kein literarisches. Der Autor ist kein Schriftsteller. Er ist einfach ein schwarzer Deutscher, aber einer, der schon 1928 geboren wurde als Sohn eines Afroamerikaners. In Thüringen. Das macht das Buch so spannend, so interessant. Wer je eine schwarze Freundin oder einen schwarzen Freund in der DDR hatte, weiß wie schnell völlig Normales „unnormal“ werden kann. Plötzlich wurde es Anfang der 90er sehr „national“. Vietnamesen und Schwarze wurden gejagt. Selbst Menschen, die Jahrzehnte hier lebten wurden – nur weil sie eine andere Hautfarbe hatten – als „Fremde“ diskriminiert. Ihnen half kein fließendes Sächsisch.

Den Autor Gert Schramm erreichte in den 90ern bereits die zweite „Rassismus-Welle“. Aufgewachsen in der liberalen Weimarer Republik erlebte er Kindheit und Jugend als ganz normaler thüringischer Junge. Er hatte viele Freunde, war beliebt, handwerklich geschickt. Dann wurde er allmählich durch die Nürnberger „Rasse-Gesetze“ zum „Negerbastard“. Besonders „verdient“ um seine Diskriminierung machte sich ein Lehrer. Es dauerte dann nicht lange da wurden die Schikanen in der Schule unerträglich. In einer KFZ-Werkstatt kam er schließlich scheinbar aus der Schusslinie – doch die nazistischen Kraken-Arme erreichten ihn schließlich auch dort und er wurde aus der Werkstatt abgeholt. Kein Lehrmeister konnte ihn davor schützen. Nachdem er im Gefängnis in Erfurt gesessen hatte wurde er ins KZ Buchenwald „überstellt“.

Buchenwald war in der DDR Pflicht, aber so nah wie einem Buchenwald durch die Beschreibung dieses Überlebenden hier kommt, so nah kam es einem nie. Schramm aber ist ein einfacher Junge, dessen „Verbrechen“ darin bestand einen afroamerikanischen Vater zu haben. Wenn er nicht tot geschlagen, nicht durch Arbeit im Steinbruch sich zu Tode schinden musste, dann war das kein Zufall. Auch ihn rettete das geheime Lager-Komitee, die von KPD-Leuten geführt wurden. Er beschreibt, wie er nach Monaten Hass und Erniedrigung plötzlich menschliche Behandlung erfährt – von Mithäftlingen mit eindeutiger politischer Orientierung. Einer von ihnen war übrigens das prominente DDR-Politbüromitglied, der auf dem jüdischen Friedhof in Dresden beigesetzte Hermann Axen. Rührend die Szene Mitte der 80er in Berlin als Schramm sich auf dem Weg in die berufliche Selbständigkeit vor dessen Büro nicht abweisen lässt und darum bittet  auszurichten, dass „Gert aus Block 42“ hier ist.

Ohne Zweifel hat Buchenwald Gert Schramm zum Antifaschisten gemacht. Er, der selbst nie „in der Partei“ war stellt klar: Antifaschismus ist eine Haltung und kein Parteienmonopol. Noch wichtiger aber für alle Linken ist seine Klarstellung, dass es niemals eine Gleichsetzung von Faschismus und „Stalinismus“ geben kann. Er schilderte den Angriff von „Historikern“ auf die Buchenwalder.  Man verlangte allen Ernstes, dass sich KZ-Insassen mit SS-Leuten an einen Tisch setzen sollten – das wurde nicht nur von Kommunisten abgelehnt sondern von allen: Katholiken, Evangelen, Juden, Sinti- und Roma, Franzosen, Belgiern, Russen, Polen … Am Ende des Buches will man dann am 11. April selbst einmal auf den Ettersberg. Diese Menschen bei ihrem alljährlichen Treffen sehen und hören, die das Grauen überlebt und durchgestanden haben.

Das Buch ist im Aufbau-Verlag erschienen und kostet 19,95€

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