Unlängst wurde mir kritisch entgegengehalten, dass die Forderung nach einem „atomfreien Deutschland“ unsinnig sei, weil es dann bei Durchsetzung der Forderung Deutschland gar nicht mehr gebe. Wären doch in diesem Fall alle Atome verschwunden und nicht nur die Erzeugung von Energie in Atomkraftwerken. Man sollte dem nicht mit der Retourkutsche begegnen, dass dann auch die Forderung nach „erneuerbarer Energie“ falsch sei, weil ja physikalisch gesehen an Energie ohnehin nichts verloren gehen kann, weshalb man da auch nichts zu erneuern braucht.
Die Sache verhält sich anders und hat nichts mit Physik zu tun, sondern mit der Sprache. Sprache ist nicht logisch und sie hält sich auch nicht an die Erkenntnisse der Physik. Sie ist also auch nicht wissenschaftlich korrekt. Sprache ist vielmehr sehr alltäglich. Sie ist praktisch. Darum haben wir auch den „Walfisch“, der nach den Regeln der Biologie gar kein Fisch ist. Wer sagt denn aber, dass nicht alles das Fisch sein kann, was Flossen hat und ausschließlich im Wasser lebt – eine sehr alltägliche und praktische Ordnung, in der eben auch die Sonne auf- und untergeht. Sprache lebt von Bildern und Vergleichen die auf Alltagswissen und Alltagswahrnehmung Bezug nehmen. Damit werden komplizierte Sachverhalte meist recht gut verständlich. So ist es z.B. auch mit Bildern die das Wasser und seine Eigenschaften liefert. Der elektrisch Strom „fließt“, aber auch Geld „fließt“. Wir sprechen von „Geldströmen“. Wer Geld hat ist „flüssig“. „Geldquellen sprudeln“ oder „versiegen“. Der „Geldhahn“ kann „zugedreht werden.“
Die Bilder haben es in sich und können „weitergemalt“ werden: Verschiedene Währungen haben die Geldströme oft am Fließen gehindert, Strudel entstehen lassen und die Nutzung des Geldes unnötig belastet. Das traf jene am meisten, die daran beteiligt waren, Warenströme in Geldströme zu verwandeln. Also schuf man sich eine gemeinsame Währung und riss auch die Zollschranken nieder. Die Flüsse schienen reguliert. Aber wie das so ist mit einem regulierten Fluss, die Regulierer zwingen ihn in sein Bett, wissen aber viel zu wenig von den möglichen Folgen. Warenströme werden irgendwo am Flussbett freudig aufgesogen oder überschwemmen gar dahinter liegendes Land. Geldströme jedoch sind diesen Ufern fern. Macht nichts, sagt man an den Quellen. Wir regulieren das, wir schicken Geldströme hinterher, wir bezahlen uns sozusagen vorläufig selbst und irgendwann, wenn die Zeiten besser, kehrt Ihr da unten den Geldstrom um und das Geld kommt zurück. Natürlich ein wenig mehr als wir geschickt haben, als Lohn für unsere Freundlichkeit. „Walle, walle manche Strecke, dass zum Zwecke Wasser fließe …“ beschwor Goethes Zauberlehrling die Besen. Die brachten das Wasser. Der Zauberlehrling wollte nur baden, konnte den Strom jedoch nicht mehr anhalten. Er hatte vergessen wie. Die Sache weitete sich zur Katastrophe, der erst der Zaubermeister Einhalt gebot. Kein Zaubermeister rettet aber vor den Überschwemmungen, wenn man im aufgestauten Schuldensee zu ertrinken droht. Da kommt unweigerlich die Rechnung für alles, was geflossen ist. Der Geldstrom jedoch wird hinter den Staumauern angehalten, die die vorsichtig gewordenen Besitzer des Geldes angelegt haben. Sie machen das Geld zur Ware, sind bereit, es wieder fließen zu lassen, wenn es gut bezahlt wird oder neue Zuflüsse eröffnet werden. Unten sollte zugleich das Geld bloß noch für die Organisation der Rückkehr nach oben ausgegeben werden. Das staut freilich wiederum die anderen Warenströme, was unten Armut schafft und oben Krise. Die Aktienkurse fallen. Das Wasser aber steht uns allen bis zum Hals – und steigt und steigt …!?
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