Links! sprach mit der in Dresden lebenden freischaffenden Schriftstellerin Jayne-Ann Igel über die politische Rolle von Literatur, ihr Leben und Arbeiten in DDR und BRD – und über ganz praktische linke Politik. Die Fragen stellte Rico Schubert.
Lyrik oder Prosa? Was liest und was schreibst Du lieber?
Da würde ich keinen Unterschied machen, so lange es gute Sachen sind. Früher schrieb ich Gedichte, seit den 90ern mehr Prosa, Erzählungen – aber diesen Texten ist anzumerken, dass ich von der Lyrik herkomme, was Sprachbewusstsein und solche Dinge betrifft. Mich interessiert es weniger, Geschichten zu erzählen – die Texte haben mehr mit Wahrnehmungen, Beobachtungen und Atmosphäre zu tun, sind mehr dichterischer Natur.
Kann Literatur Politik verändern?
Literatur kann per se als politisch betrachtet werden, denn sie erzählt von etwas Anderem als den Sachen, die in der Politik eine Rolle spielen. Die Kunst hat darauf eine andere Perspektive, ihr geht es um die menschliche Dimension politischer Vorgänge oder Prozesse. Burkhard Spinnen monierte vor zwei Jahren mal, dass sich die Literaten heute gar nicht mehr in die Politik einmischten, wie wir es etwa noch aus Bölls Zeiten kennen, der schon mal den Unmut eines Bundeskanzlers auf sich zog. Ich kann Burkhard Spinnen nicht zustimmen – zum Einen erfahren sich Literaten heuer marginalisierter in einer schnelllebigen und hedonistischen Gesellschaft, trotz großem Theater mit irgendwelchen Literaturpreisen, die zu Buchmessen vergeben werden. Das Verfallsdatum der Literatur beschleunigt sich von Jahr zu Jahr, und ich selbst wurde schon kurz nach Erscheinen meines letzten Buches gefragt: Wann kommt Dein neues? Zum Anderen mischen sich Literatinnen und Literaten oder gemeinhin Künstler noch immer ein – manche über attac, andere posten in Blogs dezidiert Politisches, was nur nicht so an die große Glocke kommt. Literatur kann das Denken über diese und jene Dinge beeinflussen, ändern, kann den Leuten dazu verhelfen, dass sie darüber und über ihr Leben, ihren Anteil an den Prozessen reflektieren, kann vielleicht auch Einsichten bringen, aber auf direkten Wege wohl nicht in die politischen Geschehnisse eingreifen. Das dachten die revolutionären Schriftsteller oft, und danach waren leider so manche Texte gut gemeint, aber schlecht oder von kurzer Lebensdauer.
Du warst in der DDR in Künstlergruppen aktiv, unter anderem gemeinsam mit Wolfgang Hilbig. Wie hast Du diese Zeit in Erinnerung?
Es gab ja zu DDR-Zeiten mehrere Tauwetter – Anfang bis Mitte der Sechziger zum Beispiel, und dann Anfang der Siebziger. Das war 1973/74 rasch wieder vorbei, die nächste Eiszeit gipfelte in der Biermannausweisung und dem Exodus namhafter Schriftsteller wie Sarah Kirsch und Reiner Kunze. Unsere Gruppe konstituierte sich Mitte der Siebziger, ging hervor aus einem Zirkel schreibender Jugendlicher beim Kulturbund, der saß in Leipzig in einer alten Villa in der Elsterstraße und nannte sich “Club der Intelligenz”. In den Siebzigern hatten wir viel Respekt vor den Behörden und “Organen”, der Stasi, doch das schwand ab dem Ende der Siebziger zunehmend, und das war überall im Lande beobachtbar. Überall begannen die Leute meiner Generation, auch Jüngere, die Grenzen auszutesten, sie auszuweiten – man schuf sich eine eigene Öffentlichkeit: Wohnungslesungen, Privatgalerien … Das war das Eine, und das Andere war, dass es zunehmend Klubhausleiterinnen und -leiter gab, die sich von oben nichts mehr vorschreiben lassen wollten und auch Leute auftreten ließen, die vom System nicht wohlgelitten waren. So gab es nach und nach mehr Möglichkeiten für die alternative Szene, auszustellen oder zu lesen, zu musizieren, auch wenn sie kein Verbandsmitglied waren oder keine Steuernummer hatten. Das hat die Szene unheimlich belebt, und dann vermischten sich jene auch mit denen, die eine “staatliche” Zulassung als Berufskünstler hatten, anerkannt waren. Und bei all dem ging es nicht nur um Nischenkultur, sondern auch um Politik.
Was hat sich seit dem Ende der DDR in der Literaturlandschaft verändert? Man könnte
vermuten, dass Literaturschaffende es vor 1989 schwerer hatten, sich politisch zu äußern.
Man muss nicht mehr um jeden Text feilschen – ich weiß noch, wie das ablief, als das Poesiealbum von mir zum Druck vorbereitet wurde. Da wollte man drei Texte nicht haben und ich musste für mich abwägen, was es bringen würde, darauf zu verzichten – ich würde zwar den Band retten, in dem ja noch genug andere gute Texte waren, allerdings aber auch dem Druck nachgeben und in Kauf nehmen, beschädigt zu werden. Ich habe dann erklärt: Gut, dann geht’s eben nicht mit dieser Veröffentlichung, und dabei ganz gleichgültig getan, und dann ist er doch mit den besagten Texten erschienen. Solche Kämpfe sind passé, aber im siebten Himmel fühle ich mich trotzdem nicht. Die Marginalisierung sprach ich ja schon an, den Vermarktungs- und Verwertungsdruck, der immer noch zunimmt, die Geschwindigkeit. Das bringt die Gefahr von Beliebigkeit, wenn alles zu sehr ökonomisiert und der Literaturbetrieb zum reinen Geschäft wird.
Wie lebt es sich als freie Schriftstellerin? Birgt die mit dem Ende der DDR eingetretene größere berufliche Freiheit das Risiko ökonomischer Schwierigkeiten?
In der DDR habe ich seit 1988 als freischaffende Schriftstellerin gelebt, ohne Steuernummer, und konnte von Honoraren leidlich leben, aufgrund der niedrigen fixen Kosten. Nach 1990 war das nur noch für kurze Zeit möglich, für mich bis Sommer 1991. Aufgrund chronisch verspätet eingehender Honorare konnte ich erstmals eine Miete nicht pünktlich zahlen, da habe ich mich “arbeitslos” gemeldet und gleich eine ABM bekommen. Bis zur Jahrtausendwende war ich also in anderer Weise berufstätig, ehe ich wieder zurück ins freiberufliche Leben gewechselt bin. Aber ohne meine Lebenspartnerin wäre das kaum möglich – die Einkünfte sind zu unregelmäßig, um auf mich allein gestellt davon leben zu können.
Du bist Mitbegründerin der sächsischen WASG. Wie kam es dazu?
2004 hatte ich sowohl den Fürther als auch den Berliner Aufruf mit unterzeichnet, und als sich dann im Gewerkschaftshaus zum ersten oder zweiten Mal interessierte Leute trafen, war ich mit dabei – weil das, was zum Beispiel mit der Agenda 2010 eingeleitet wurde, mir auf den Nägeln brannte und ich dachte, es wäre wichtig, sich da auch mal richtig zu engagieren, so wie ich es früher ja auch in dieser oder jener Frage getan habe. Ich hatte das Gefühl, dass da etwas im Aufbruch war, eine neue Bürgerrechtsbewegung – und die folgenden Jahre haben ja gezeigt, wie notwendig das ist, jetzt, wo wir das Demontieren von Verfassungsgrundsätzen und Freiheitsrechten miterleben, zugunsten einer fragwürdigen Sicherheit, oder um das Vertrauen der Märkte zurückzugewinnen. Dabei müssten sich die Märkte eigentlich um unser Vertrauen bemühen, denn das haben sie mitsamt ihren Helfern auf der politischen Bühne gründlich missbraucht und beschädigt.
Du bist jetzt Mitglied im Landesvorstand der sächsischen LINKEN. Beeinflusst das Deine schriftstellerische Tätigkeit?
Nur mittelbar. Das politische Engagement kostet seine Zeit, wenn man es ernst nimmt, und meistens mehr als weniger. Ich schreibe keine politische Lyrik oder Prosa – wenn ich mich politisch äußern will, nehme ich andere Möglichkeiten wahr. Aber nicht, weil ich meine Literatur von der Politik rein- oder fernhalten will, sondern das ergibt sich einfach aus den Schreibgründen und -themen. Da mag schon dieser oder jener Gesprächspartner aus der kulturellen Sphäre irritiert sein, wenn er erfährt, dass ich bei der LINKEN aktiv bin. Aber ich bin auch angenehm überrascht, dass etliche meiner Kolleginnen und Kollegen die derzeitigen politischen Verhältnisse nicht minder kritisch beurteilen.
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