Im Jahre 1949 formulierte der amerikanische Ingenieur Edward A. Murphy im Ergebnis eines misslungenen Beschleunigungsversuchs das folgende, später nach ihm benannte Gesetz:
„Wenn es mehrere Möglichkeiten gibt, eine Aufgabe zu erledigen, und eine davon in einer Katastrophe endet oder sonstwie unerwünschte Konsequenzen nach sich zieht, dann wird es jemand genau so machen.“
Insofern war die jüngst im Karl-Liebknecht-Amt ausgelöste Kuba-Krise eine schlichte Gesetzmäßigkeit. Ob dabei ein Zigaretten-, Kondom- oder Unterschriftenautomat im Spiel war, ob die Glückwünsche an Fidel Castro von einer kompetenten oder dementen Person formuliert wurden, ist völlig gleich: Es musste schief gehen. Ebenso egal ist es auch, ob man Fidel überhaupt zum Geburtstag gratulieren sollte. In Dresden zum Beispiel bekommt jeder Bürger und jede Bürgerin ab einem bestimmten, hohen Alter zum Geburtstag persönliche Glückwünsche der Oberbürgermeisterin frei Haus. Gleichwohl kennt diese die Beglückwünschten keineswegs persönlich. Ob man also seine Jugend auf oder unter dem Wachturm eines Konzentrationslagers zugebracht hat, ob man seine Frau schlägt, ein notorischer Säufer, eine Axtmörderin oder ein Gliedvorzeiger ist – die ebenso warmen wie ungebetenen Worte des Stadtoberhauptes sind dem Jubilar gewiss und ereilen ihn pünktlich.
Mich selbst hat einmal über mehrere Jahre hinweg eine gewisse Frau Olivia, Geschäftsführerin eines Gartenbedarf-Versandes, per E-Mail behelligt. Nicht nur mit Werbung für allerlei Laubenpieper-Heckmeck, sondern auch jeden Mai mit „ganz herzlichen Wünschen für das neue Lebensjahr“. Natürlich hatte ich mir dies mehrmals erfolglos verbeten. Im dritten Jahr reichte es mir dann, und ich schrieb der Frau Olivia, statt der ollen Geburtstagsgrüße würde ich ihr – vorausgesetzt sie sei mindestens so attraktiv wie die von ihr feil gebotenen Gießkannen – gern einmal unter den Rock fassen. Und? Nichts geschah – die gleiche Werbung, die gleiche Freundlichkeit. Ruhe bekam ich erst, als ich die Adresse eines wissenschaftlichen Mitarbeiters der Hanns-Seidel-Stiftung als meinen neuen E-Mail Kontakt angegeben hatte. Die müssen ihre Rabatten ja schließlich auch pflegen.
Aber wir waren in Kuba. Bei Fidel Castro. Was also soll man dazu sagen? Dass es überhaupt einen Brief an Castro gab, hat ein CDU-Politfrettchen namens Philipp Mißfelder herausgefunden und sogleich ein eifriges Geschrei über Moral und Menschenrechte vom Zaune gebrochen. Jener Mißfelder, der über 85jährigen keine künstlichen Hüftgelenke mehr spendieren wollte und Hartz IV beziehende Eltern pauschal als Raucher und Säufer verunglimpft hatte.
Nun habe ich ja nach 26 Jahren Zone und 21 Jahren Qualitätsrepublik ein ganz besonderes Verhältnis zur Moral, nämlich, dass Moral, welche – gleich von wem – kübelweise durch die Politik geschleppt wird, grundsätzlich eine stinkende Brühe ist.
Ein Anzeichen wirklicher Moral hingegen scheint mir zu sein, wenn man der eigenen Fehler wegen des Abends nicht in den Schlaf findet. Und es mag durchaus sein, dass die beiden Vorsitzenden der LINKEN momentan nur schwer einschlafen können. Aber mit dem Brief an Fidel Castro sollte das nichts zu tun haben.
