Es hat ja alles so weh getan

VVN-Aktivistin Antonie (Toni) Satzger aus Zwickau berichtete aus ihrem Leben – Text von Peter Giersich

Toni wurde am 3. September 1911 als Antonie Schuler in Beuren am Bodensee als Kind sehr armer katholischer Eltern geboren. 1926 bezog der junge Magnus Satzger im gleichen Haus wie Schulers eine Wohnung. Im Winter 1926/27 erkrankte Toni ernsthaft; Magnus Satzger holte sie aus dem Krankenhaus ab. Ein Bauer sah sie auf dem Heimweg, als sich Toni an dem Mann festhielt. Er meldete dies als unkeusche Berührung dem Pfarrer, der darauf hin eine Untersuchung beim Arzt auf Bestand der Jungfräulichkeit anordnete. Diese Demütigung traf das 16-jährige Mädchen hart. Magnus Satzger setzte sich für sie ein und stellte Pfarrer und Arzt zur Rede. Mit Erlaubnis der Eltern heirateten Magnus und Toni im August 1928 und traten einen Monat später aus der katholischen Kirche aus.

Magnus Satzger war Betriebsrat in den Dornier-Flugzeugwerken. Wegen der Organisierung eines Streiks wurde er 1931 entlassen. Ende 1932 ging er als Spezialist in die Sowjetunion. Toni Satzger trat 1930 der KPD bei. Einen Tag nach dem Reichtagsbrand führte die Polizei bei ihr eine Haussuchung durch. Gesucht wurden Waffen, gefunden Flugblätter. Um einer Verhaftung zu entgehen, floh sie mit ihrem kleinen Sohn über den Bodensee in die Schweiz und kam schließlich im März 1933 in Moskau an.

Toni erwarb die Hochschulreife und besuchte danach ein Lehrerseminar in Rostow am Don. Von 1935 bis 1937 wirkte sie als Deutschlehrerin. Dann brach das Unheil über die kleine Familie – sie war inzwischen um eine Tochter gewachsen – herein. Magnus Satzger wurde im März 1938 unter dem Vorwurf der Spionage und Sabotage verhaftet. Als Frau eines „Volksfeindes“ musste Toni ihre Zwei-Zimmer-Wohnung räumen und mit den drei Kindern in eine Ein-Raum-Wohnung ziehen. Jetzt bekam sie die Liebe und Solidarität der einfachen Sowjetmenschen zu spüren. Als sie erkrankte und ins Krankenhaus musste, betreuten die Nachbarn ihre Kinder, versorgten sie und kümmerten sich um die Wohnung. Im Dezember 1939 wurde Magnus als unschuldig entlassen und konnte wieder arbeiten.

Am 22. Juni 1941 überfiel das faschistische Deutschland die Sowjetunion. Magnus arbeitete in einem Betrieb, der nach Kasan in die Tatarische Autonome Sowjetrepublik verlegt wurde. Dort verhaftete man ihn erneut. Toni wurde mit ihren Töchtern in den Rayon Sabin umgesiedelt. Sie „wohnte“ gemeinsam mit vielen Frauen in kärglich ausgestatteten Baracken. Eine unbedachte Äußerung sollte sie für Jahre von ihren geliebten Kleinen trennen: Als jemand den Frauen einen Eimer mit Kartoffelschalen übergab und dazu sagte, daraus könnten sie Kartoffelsuppe kochen, sagte Toni: „So etwas sollen wir essen? Das haben wir früher in Deutschland den Schweinen gefüttert!“. Eine Anzeige genügte, und eine „Troika“ des NKWD verurteilte sie wegen antisowjetischer Hetze zu 8 Jahren Lagerhaft.

Sie kam nach Burjat in Sibirien an der mongolischen Grenze, musste in Erz- und Kohlengruben und als Holzfällerin arbeiten. Eine ihrer Mithäftlinge hatte für ihre sieben Kinder drei Kilo Mehl gestohlen: Das Urteil lautete auf zehn Jahre Haft. Hunger war ihr täglicher Begleiter. Die Brotration war abhängig von der Normerfüllung. Maximal gab es 700 Gramm Schwarzbrot am Tag.

Im Januar 1952 kam Toni Satzger wieder in Freiheit, jedoch nur, um auf immer in den Rayon Tschernogorsk verbannt zu werden. Wöchentlich musste sie sich in der Milizstation melden. Sie suchte nach ihren Kindern, die sie auch endlich wieder fand. Nach Stalins Tod wurde die Aufhebung des zwangsweisen Aufenthaltes für entlassene Gulag-Häftlinge verfügt, Toni Satzger kehrte im November 1958 nach Moskau zurück. Bei der Botschaft der BRD bemühte sie sich um eine Möglichkeit, zurück in ihre Heimat am Bodensee zu gelangen. Das wurde ihr verweigert, weil ihr Mann als überzeugter Kommunist in die Sowjetunion gegangen war; er war im Juni 1942 im Gefängnis gestorben.

Im März 1959 kam Toni endlich in Zwickau an. Sie fand sofort Arbeit, die jüngste Tochter besuchte ein Gymnasium. 1958 erfolgte ihre Rehabilitierung durch das Oberste Gericht der Tatarischen ASSR. 1959 wurde ihre Parteimitgliedschaft seit 1930 wieder hergestellt. Sie blieb, was sie immer war, eine ehrliche, arbeitsame, aber auch streitbare Person.

Toni leistete große Dienste bei der Verständigung zwischen deutschen und russischen Menschen. Was ihr angetan wurde, war nach ihrer Überzeugung nicht das Werk der einfachen Sowjetmenschen. Die hatte sie als hilfsbereit, mitfühlend, ja aufopferungsvoll kennen gelernt. Schuld waren Menschen, die die großen Ideale von Menschlichkeit, Frieden und Gerechtigkeit missbraucht hatten und den Sozialismus in Verruf brachten. Toni war sehr oft als Dolmetscherin für sowjetische Delegationen eingesetzt. Sie wollte zwischen Deutschen und Russen vermitteln. „Hitler und seine Hintermänner wollten den Krieg, aber nicht die 80 Millionen Deutschen. Das sowjetische Volk hat große Opfer gebracht und unermessliches Leid erlitten, aber auch der einfache deutsche Mensch musste Schlimmes durch den Krieg erleiden“.

Gefragt, warum sie in der Vergangenheit nie über ihre Erlebnisse, all das Schreckliche gesprochen habe, antwortete sie: „Ich war froh, dass ich darüber nicht erzählen musste. Es hat ja alles noch so weh getan. … Und was hätte solche Erzählung denn bewirkt? An die falsche Adresse gelangt, hätte sie den von mir vertretenen Idealen eher geschadet und die Menschen verwirrt.“

So lebt die nun 97-jährige Antonie Satzger bescheiden am Stadtrand von Zwickau. Sie half bis 1990 zwei Kindern in einem Kinderheim mit Patenschaften und trägt auch heute noch ihr Mögliches zur Völkerverständigung und zur Friedensliebe ihrer Mitmenschen bei.