Wenn einer eine Reise tut …

Posted by on Juli 8, 2011 at 1:28 pm.

 

Von Peter Porsch

Unlängst war ich in Brüssel. Da gibt es viel zu sehen und man trifft die verschiedensten Leute. Also kann man was erzählen: Zum Beispiel über das „Atomium“, neben dem „Manneken Pis“ das bekannteste Wahrzeichen von Brüssel. Das Atomium gilt, 1958 zur Weltausstellung in Brüssel eröffnet, als Symbol für das „Atomzeitalter“ . Groß und mächtig steht es noch da, klein, ja winzig ist aber die Euphorie über die „Nutzung der Urkraft im All“, wie man einst hören konnte, geworden. „Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt“ möchte man mit Wilhelm Busch sarkastisch bemerken. Das Atomzeitalter begann mit den wohl größten je von Menschen ausgelösten Katastrophen, den Bombenabwürfen über Hiroshima und Nagasaki, sollte mit der friedlichen Nutzung der Kernkraft die Menschen in neue Dimensionen führen und muss jetzt mit Super-Gaus wie in Tschernobil und Fukushima für beendet erklärt werden. Und doch können die Menschen von der Atomkraft noch immer nicht lassen – aus den unterschiedlichsten Gründen, wie die aktuellen Debatten zeigen. Die Ängstlichen, oder sind es nicht doch die Vernünftigen, warnen vor ungeahnten und Jahrmillionen währenden Folgen, gerät die Sache außer Kontrolle. Die Lobby meint aber, Sicherheit sei möglich. Die Profiteure schließen sich an, weil sie ihre Gewinne dahinschwinden sehen, bevor sich Ersatzinvestitionen rechnen. Die Technokraten beschwören notwendige Brücken in ein atomfreies Zeitalter und finden damit wieder Gehör bei den Profiteuren aus anderen Energiequellen. Das ist die Grundlage für einen Streit, der sich fast nur mehr um den Zeitpunkt des endgültigen Ausstiegs aus der Kernkraft für die Energiegewinnung dreht. Die einen wollen gar nicht raus, die andern 2034 oder 2023 oder 2018 oder 2014 oder sofort … Ist „Eile mit Weile“ Basis solider Lösungen, fragt man, oder „was Du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen“. Alte Weisheiten bringen uns hier offensichtlich nicht weiter. Kein Wunder also, dass sich auch DIE LINKE auf die Suche nach der eigentlichen Wahrheit begibt. Immerhin hat sie in Sachsen erst vor kurzem einen Parteitag zur Energiepolitik abgehalten und „Energiepolitische Leitlinien verabschiedet.“ Da steht viel Kluges drin, ob es aber der Weisheit letzter Schluss ist, wissen wir auch noch nicht. Kein Wunder also, dass die Debatten weiter gehen, kein Wunder also, dass sich auch „links“ in dieser Doppelausgabe wieder mit Fragen der Energiepolitik beschäftigt.

Genau hingesehen, lehrt mich die Erfahrung, gibt es in einer politischen Debatte keine Wahrheiten, die schließlich als Ergebnis zutage treten, sondern es geht um Interessen, die sich am Ende durchsetzen oder unterdrückt werden. Es gibt aber Wahrheiten auf der sachlichen Ebene. Da geht es auch um die Gefahren von Alternativen: Stündlich verbrauchen die Menschen 1 Milliarde Tonnen Erdöl. Der größte Teil davon wird wohl verbrannt. Dazu kommen Kohle und Gas und deren Verbrennung als Energiequellen. Erderwärmung, Treibhauseffekt und möglicher Klimawandel sind die Folgen. Wasserkraft zerstört unter Umständen Lebensräume, Windräder verschandeln die Natur und belästigen in ungebührlicher Weise in der Umgebung Wohnende. Biosprit bringt Hungersnöte. Einzig die Sonne scheint uns mit ihrem Scheinen Energie ohne Nebenfolgen zu liefern. Die Ausbeute reicht aber bei weitem (noch) nicht, um die notwendige Versorgung auch nur annähernd zu sichern. Die Wüsten mit Solarzellen zuzupflastern mag auch nicht erstrebenswert sein und die dann notwendigen Fernleitungen sind gewiss keine ungefährliche Zierde. Die Geister, die wir riefen, werden wir nicht los. Oder doch?

Diese Ausgabe von „links“ enthält ein Interview mit Günter Dietzsch – einem fleißigen Tüftler aus einem kleinen Dorf, pardon, einer kleinen Stadt am Rande Sachsens. Der schlägt sich nicht mit den allmächtigen „Römern“. Er macht sich lieber Gedanken über die Welt und handelt in seinem überschaubaren Lebensraum. Der Aufbau einer „energieautarken Region“ in und rund um seine Heimatstadt Bad Düben ist sein Ziel. Wann dieses Ziel erreicht sein wird, weiß er nicht ganz genau, denn auch gut Ding braucht Weile. Sein Wunsch ist bis 2020. Wichtiger sind aber die Wegmarken. Nichts, was bereits heute möglich ist, soll auf morgen verschoben werden. Gemeinnutz vor Profitwirtschaft leitet die Sache prinzipiell und macht Akteure offensichtlich sehr viel freier, als dass es sie Zwängen unterwirft. Der „European-Energy-Award“ wurde schon 2005 und erneut 2009 zum Lohn. Wir lernen, dass der Abbau von Energieverschwendung momentan die ergiebigste Quelle für Energiegewinnung überhaupt sein könnte. Da wird so manches an Belastung vermeidbar.

Zurück nach Brüssel: Das Atomium erinnert an vergangene Irrwege, Manneken pis aber mahnt, dass auch der Mensch sich nicht auf Dauer gegen die Natur stellen kann.

QuelleFlickr Autor onkel_wart

6 Comments

  • Peter Porsch sagt:

    Hier steht “Männeken pis”. Ich weiß nicht wie der Fehler (ä) aus einem ersten Manuskript hier her kommt. In allen veröffentlichten Exemplaren ist der Fehler korrigiert: “manneken pis”.

  • Solaris Post sagt:

    Natürlich, du hast sprachliche Fertigkeiten, die den meisten anderen abgehen, lieber Peter; und dein subtiler hinweis auf meinen Kommentar bei dir im blog zeigt ja auch deinen Sinn für die Form.

    Hilft aber alles nix: es fehlt den sächsischen Parteiverantwortlichen an Biss und Kraft. An Offensiven Geist, an Gradlinigkeit.

    Es fehlt ein Bewusstsein für die WendeZeit 89/90, was diese mit den Menschen hier angerichtet hat, Lähmung, Apathie, Defensive bei den Alten, sektenähnliche Realitätsflucht bei der Jugend, Eure 20 Thesen zu 89 zeigten das,… schnell ist aufgezählt was eure Defizite sind, das wurde bereits zur genüge getan.

    Dafür ist die Personalpolitik der neunziger Jahre verantwortlich, vermutlich aus Mangel an Angebot wurde genommen was kam. Der Leutert
    war ja so gar mal im LaVo, und andere Gestalten sind immer noch dort.

    Die Rücktritte sind überfällig. Und warum dieser Vorsitzende…?

    • Peter Porsch sagt:

      Naja, solaris post, die einen sagen so und die anderen so. Und Lenin sagt, wir ,müssen den Sozialismus mit denen aufbauen, die da sind. Trotz alledem, immer schön kritisch bleiben.
      Auf ein immer wieder Neues
      Peter

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