“bertolt brecht: shadow of?” Author ulugeyik License 
Am 14. August jährt sich der Todestag Bertolt Brechts zum 55. Male. Als Dramatiker und Lyriker bekannt, ist er auch Philosoph und Politologe. Brecht war nie Mitglied einer Partei, hat aber viel über die Rolle der kommunistischen Partei nachgedacht. Namentlich für eine Partei, die eine humanere gesellschaftliche Alternative zu den bestehenden Verhältnissen programmatisch verfolgt, bleibt Brechts Denken vom richtigen Denken höchst aufschlussreich.
Brecht war Lehrstoff im staatssozialistischen Deutschunterricht und auch Bestandteil des Lehrplans im Philosophiestudium, mindestens in Leipzig. Seine spezifische ästhetisch-politische Betrachtungsweise bewahrte ihn vor Verflachungen, wie sie der staatsoffizielle Marxismus-Leninismus vollzog. Er wendete den historischen und den dialektischen Materialismus als Methode für eingreifende Theaterkunst an. In seinen Schriften zur Politik und Gesellschaft entwickelt er Betrachtungen zur Dialektik des die Wirklichkeit erfassenden Denkens – “eingreifendes Denken” nennt er es. Der Mensch ist nicht zum Denken da, sondern Denken soll ihm die Existenz erleichtern, Denken muss also praktisch folgenreich sein. Ein solches Denken muss vermittelt werden.
Weltanschauungen sind für Brecht Arbeitshypothesen, weil die Klarheit der Erkenntnis gerade bei solch umfassenden Problemen wie die der gesellschaftlichen Entwicklung am Beginn eines Vorhabens lange nicht so sicher ist, wie die Begründungen eines erfolgreichen Handelns im Nachhinein glauben machen wollen. Richtiges Denken stellt für Brecht immer kommunikatives Handeln (mit dem eigenen Denken andere mit ihrem Denken zur Kenntnis nehmen und verarbeiten) dar. Er unterscheidet drei Dimensionen richtigen, also eingriffsfähigen Denkens, die zusammengehören: Das auf den Aufbau der Person gerichtete Denken, das technische bzw. Sach- und Fachdenken und das politische Denken. Diese stehen nicht nebeneinander, sondern es sind sich durchdringende Herangehensweisen, Denkstile. Für Brecht ist politisches Denken Bestandteil des alltäglichen Denkens der Menschen. Jeder einzelne also muss, will er in gesellschaftliche Strukturen eingreifend denken, bewusst denkend den Raum des Politischen erschließen bzw. den des Privaten, des bloß Selbstbezogenen verlassen. Dabei ist “das Politische” mehr als eine bloße fachpolitische Kompetenz. Die Emanzipationsbewegung innerhalb der Achtundsechziger hat dies später in dem Slogan „Das Private ist politisch“ erkannt. Hier sei nur angemerkt, dass ein Politiker sehr, sehr weit weg sein kann vom so bestimmten politischen Denken, auch ein „linker“ Politiker!
Ein solches Denken führt zu anderen Strukturen und Arbeitsmethoden. Brecht selbst wäre sicher einer der ersten gewesen, der auf die gravierenden verzerrenden Veränderungen hinsichtlich des „historischen Subjekts“ im Staatssozialismus aufmerksam gemacht hätte. Denn er fixierte algorithmisch ‘Voraussetzungen für die erfolgreiche Führung einer auf soziale Umgestaltung gerichteten Bewegung’, die gerade die langfristige Machtkonzentration in den Händen einer Partei, einer sozialen Schicht oder weniger Persönlichkeiten zu verhindern geeignet sind: Führungsgedanken aufgeben, Einzelinitiative immer ermöglichen, klassische bürgerliche Ethik ernst nehmen, Verzicht auf ideologisierende Propaganda, statt dessen Beweisführung – und Ehrlichkeit. Und für die politische Praxis gibt er noch einen weiteren, höchst aktuellen Hinweis: Kompromisse sind, wenn Wein und Wasser aus zwei getrennten Gläsern getrunken wird!
Ein Brecht wäre auch heute ein Gewinn für Die Linke. Wer seiner gedenken will, sollte ihn studieren!
Ralf Becker
