„Braunkohle sollte kein Brennstoff, sondern Rohstoff sein“

Posted by on Juli 12, 2011 at 2:45 pm.

Die Energiewende beginnt im Kleinen – zum Beispiel in Bad Düben. Dort arbeitet Günter Dietzsch (80) seit Jahren unermüdlich für ökologische Energiegewinnung. „Links!“ hat sich mit dem „Öko-Pionier“ über vergangene Erfahrungen, künftige Energiepolitik und seine ganz persönliche Geschichte unterhalten.

Sie haben 1948 ihre Lehre als Heizungsmonteur abgeschlossen und sich danach zum Ingenieur für Wärmewirtschaft qualifiziert. Woher kommt Ihr besonderes Interesse an Ökologie?

Ich habe den Zweiten Weltkrieg und auch die Bombenangriffe auf meine Geburts- und Heimatstadt Plauen bewusst erlebt. In der zu 85% zerstörten Stadt war es für einen 15 Jahre alten Jugendlichen fast unmöglich, eine konkrete berufliche Entwicklung zu planen; so war ich froh, als mir ein Bekannter eine Lehrstelle als Heizungsmonteur anbot. Mein Berufswunsch war das zum damaligen Zeitpunkt nicht, allerdings fand ich an der handwerklichen und fachlichen Ausbildung bald Interesse. Zwischen 1954 bis 1959 absolvierte ich ein Fernstudium in der Fachrichtung Wärmewirtschaft und Rohrleitungsbau an der Ingenieurschule Karl-Marx-Stadt. Danach habe ich in verschiedenen Funktionen im Kraftwerksanlagenbau gearbeitet. Ich hatte die Möglichkeit, an Planung und Aufbau von Braunkohlekraftwerken teilzunehmen, die Errichtung des Pumpspeicherwerkes Markersbach und des Kernkraftwerkes Lubmin mitzuerleben.

Die DDR hat sich um Umweltschäden nicht oder wenig gekümmert. Die Region Bitterfeld-Wolfen – ganz in der Nähe von Bad Düben – gilt als Synonym für Umweltverschmutzung. Hält dieses Bild der Realität Stand?

Niemand wird behaupten können, dass die Wirtschafts- und besonders die Energiepolitik der DDR von Umwelt- und Naturschutz oder ökologischem Handeln geprägt war. Ich habe selbst viele Jahre in Bitterfeld gearbeitet und drei Jahre mit meiner Familie dort gewohnt. Allein der Versuch, die ökologischen Missstände zu beschönigen, wäre unehrlich. Eine von Reglementierung geprägte Planwirtschaft und eine unsinnige Preispolitik, die in keiner Weise das große vorhandene Einsparpotential im Energieverbrauch anregte, sondern zur Verschwendung von Energie führte, waren neben anderen Faktoren die Ursachen für das Nichtbeachten ökologischer Aspekte in der Energiewirtschaft der DDR. Allerdings darf nicht unerwähnt bleiben, wie sich die politische Situation – der Kalte Krieg – auf die Wirtschafts- und Energiepolitik auswirkte.

Gab es auch in der DDR Bestrebungen hin zu einer ökologischeren Energiegewinnung? Wäre diese – unter den damals gegebenen Umständen – überhaupt möglich gewesen?

Bereits Mitte der 1960er gab es von führenden Politikern und Energieexperten der DDR Erkenntnisse und Ansätze zu einer Veränderung der Energiepolitik von der Braunkohle zur Nutzung sowjetischen Erdöls und Erdgases. Anlässlich eines Wirtschaftsforums in Leipzig prägte Walter Ulbricht den Satz „Braunkohle ist kein Brennstoff, sondern Rohstoff“. Um die damals vorgesehene Energieträgerumstellung auf sowjetisches Erdöl und Erdgas zu erschweren, sprach die damalige Bundesregierung das sogenannte Röhrenembargo aus und unterband die Lieferung von entsprechenden Stahlrohren, welche für den Auf- und Ausbau eines Rohrleitungsnetzes gebraucht wurden. Insgesamt fehlte es uns für die Durchsetzung einer ökologischen Energiepolitik nicht an qualifiziertem ingenieurtechnischem Potential, sondern vor allem am politischen Willen und der dazu notwendigen Wirtschaftsorientierung.

In ihrer Heimatstadt gelten sie als Öko-Pionier und treibende Kraft hinter der „Ökologischen lokalen Agenda 21“, die Bad Düben zur ökologischen Kurstadt machen will. Anders als man vielleicht vermuten könnte, ging und geht die Initiative dabei jedoch nicht von den Grünen, sondern von den LINKEN aus.

Auf Basis meines Studiums und meines Berufs hatte ich eine gute Ausgangsposition, mich nach der Wende mit der nunmehr für jedermann zugänglichen ökologischen Technik wie Solarthermie, Wärmepumpentechnik und Fotovoltaik in Theorie und Praxis zu beschäftigen. Im August 1990 ging ich in den Vorruhestand und hatte so auch die notwendige Zeit. Da ich bald darauf in Bad Düben zum Ortsvorsitzenden der PDS gewählt wurde und einige an ökologischer Politik interessierte Genossinnen und Genossen fand, war die „führende“ Rolle des Ortsverbandes der PDS bei der Gestaltung einer ökologischen Kommunalpolitik ein logischer Schritt und wurde Schwerpunkt unseres Wahlprogramms. Die von unserem Ortsverband initiierte und von unserer Stadtratfraktion erfolgreich gestaltete ökologische Kommunalpolitik hat konkrete Erfolge zu verzeichnen. Der jüngste ist die Inbetriebnahme des ersten Bürgersolarkraftwerkes in Bad Düben auf dem Dach der Heidegrundschule. Im Rahmen der von uns praktizierten Kommunalpolitik sind wir für alle interessierten Bürgerinnen und Bürger offen und an einer breiten Zusammenarbeit interessiert.

Auch ihr eigenes Haus gilt als Musterbeispiel für eine ökologische Energiegewinnung.

Im Zeitraum von 1992/93 hatte ich die Möglichkeit, ein eigenes Einfamilienhaus auf der Basis meiner Vorstellungen zu gestalten. Dieses Haus hat keinen Schornstein, keinen Erdgasanschluss und keinen Heizöltank. Es wird mit einer Wärmepumpe beheizt, hat eine solarthermische Anlage zur Warmwasserbereitung und Heizungsunterstützung, eine Fotovoltaikanlage und eine Regenwassernutzungsanlage. Das anfallende Abwasser wird über eine Pflanzenkläranlage entsorgt. Ich nutze dieses Haus, um für ökologisches Bauen zu werben.

Sie haben im Sinne einer ökologischen Energiegewinnung große Erfolge erzielen können, indem sie konsequent auf regionale Energiekreisläufe setzen. Was empfehlen Sie den Bürgerinnen und Bürgern in anderen Teilen Sachsens?

Dass die Bundesregierung ihre Energiepolitik neu orientiert hat, ist eine logische Folge aus der Katastrophe von Fukushima. Eine konsequente und notwendige Dezentralisierung der Energieerzeugung und Energieverteilung ist aber nicht vorgesehen, darin besteht der größte Mangel. Eine hervorragende Möglichkeit, im Rahmen der Kommunalpolitik einen Beitrag zur Energiewende und zur Dezentralisierung der Energiewirtschaft zu leisten, sehe ich in der Schaffung energieautarker Regionen. Darin sehe ich auch eine gute Möglichkeit, in Sachsen durch entsprechende Bürgerinitiativen weitere Akzente zu setzen. Wir LINKE in Bad Düben unterstützen zudem aktiv den Aufbau einer energieautarken Region des Städtebundes Dübener Heide. Das Ziel ist, dass in diesem Gebiet rein rechnerisch übers Jahr genauso viel Energie erzeugt wird, wie die Region verbraucht.

Die Diskussionen um die Energieversorgung von morgen sind auch in Sachsen allgegenwärtig. Die Staatsregierung hat sich dafür ausgesprochen, nun den heimischen Rohstoff Braunkohle wieder intensiver zu nutzen. Ist das der richtige Weg?

Nein. Neue Braunkohlekraftwerke zu errichten bedeutet, den Braunkohleabbau fortzuführen oder gar zu erweitern, weiter in Natur und Landschaft einzugreifen, Menschen umzusiedeln, ihnen ihre Heimat zu nehmen.

Eine auf Braunkohle orientierte Energiewirtschaft ist falsch, denn Braunkohle sollte kein Brennstoff, sondern Rohstoff sein. Das Land Sachsen verfügt über beachtliche Braunkohlelagerstätten. Diese Ressource nicht sinnlos und umweltschädigend zur Energieerzeugung zu verbrennen, sondern langfristig als Rohstoff für die chemische Industrie zu nutzen, sollte das Ziel unserer Wirtschaftspolitik sein. Wir haben heute alle technischen, technologischen und vor allem die wirtschaftliche Voraussetzung, unsere Energieerzeugung auf Basis erneuerbarer Energien umzusetzen.

Die Fragen stellte Kevin Reißig.

 

Quelle Flickr Autor Ruta & Zinas CCLizenz

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