»Nie wieder Krieg! Das ist die wichtigste Botschaft«

Posted by on Mai 2, 2011 at 3:29 pm.

Nora Lang

Der 8. Mai ist jedes Jahr Anlass, an Krieg zu erinnern und der Toten zu gedenken. Regelmäßig finden Diskussionen über den Sinn des Gedenkens statt – und darüber, ob man es mit politischen Diskussionen verbinden sollte. LINKS! sprach mit Nora Lang (80), die den Bombenangriff auf Dresden erlebte und sich seit Jahren für ein aktives und verantwortungsvolles Gedenken einsetzt.

Erinnern Sie sich noch an den 8. Mai 1945?
Bis ins Detail natürlich nicht, aber so ein Tag bleibt schon im Gedächtnis. Das war ja eine große Aufregung: Der Krieg ist zu Ende, die Russen kommen – was geschieht jetzt? Meine Familie war zwar mit dem Leben davongekommen, aber wir waren ausgebombt. Uns wurde Wohnraum in einem kleinen Haus zugewiesen, dessen Besitzer vor den sowjetischen Truppen geflüchtet waren. Wir hängten ein weißes Betttuch aus dem Fenster, das haben die Nachbarn als “würdelos“ bezeichnet. Daran sieht man, wie unterschiedlich die Leute damals dachten. Das waren schon Sachen, die in Erinnerung geblieben sind.

 

Trauer war sicherlich das bestimmende Gefühl.
Ich glaube nicht, dass die Leute damals getrauert haben. Sie hatten ja keine Zeit, sie mussten schließlich überleben, irgendwie. Trauern kann man erst mit einigem Abstand, erst später eine Bilanz ziehen. Und die lautete erstmal: Du hast überlebt! Wir haben in Johannstadt gewohnt, auf der Holbeinstraße, und da ist nichts stehen geblieben. Wir sind wirklich durch die Hölle gegangen. Diese Gefühle kann man als Außenstehender nur schwer nachvollziehen. Danach war alles auf das Überleben ausgerichtet. Es ging um die einfachsten Dinge, zum Beispiel darum, ein Bett zu haben. Hunger und Kälte waren furchtbar, es gab nichts zum Heizen – da hatte man keine Zeit zum Trauern. Dennoch hatte meine Familie großes Glück, denn wir sind alle am Leben geblieben. Angesichts dieses Gemetzels, bei dem Millionen umgekommen sind, könnte man fast einen Freudentanz beginnen. Daher trifft für mich auch das Trauern in dem Sinne, wie es einem manchmal eingeredet wird, nicht zu. Ich kenne viele, die ihre Eltern, ihre Familie verloren haben. Meine Freundin ist nach sechzehn Stunden als einzige im Keller aufgewacht. Das ist sehr viel schlimmer, da habe ich ganz großes Mitleid, natürlich.

Dresden ist nur eine von vielen Städten, die zu großen Teilen zerstört wurden. Können Sie sich erklären, warum gerade Dresden eine besondere Trauerkultur entwickelt hat, die für Außenstehende oft nicht ganz nachvollziehbar ist?
Das kann man nicht in wenigen Worten erklären. Zunächst muss man sagen, dass der Luftangriff auf Dresden perfekt war. Hamburg, Berlin und Köln zum Beispiel sind auch ganz stark bombardiert worden, aber hier ist alles perfekt gewesen, sind innerhalb ganz kurzer Zeit 25.000 Menschen ums Leben gekommen. Außerdem war Dresden eine sehr schöne Stadt, mit vielen berühmten Bauten – und die Reichen und Schönen stehen eben immer im Mittelpunkt. Andere Städte wurden auch dem Erdboden gleich gemacht und sind dennoch kaum bekannt – wie Wielun, mit dessen Bombardierung der Zweite Weltkrieg begann, oder Guernica. Die Nazis haben das Schicksal Dresdens hochgeputscht und es als einen Anschlag auf die Kultur gewertet, damit hat es angefangen. Auch in der DDR stand Dresden im Mittelpunkt des Gedenkens. Der 13. Februar ist auf diese Weise zum Mythos geworden.

Der offensichtliche Missbrauch dieses Datums erfolgt durch die Neonazis. Einige politische Akteure, insbesondere die Dresdner CDU, argumentieren jedoch, dass auch Antifaschisten diesen Tag in ihrem Sinne benutzen.
Seit einigen Jahren bestimmen die Nazis, was in Dresden gemacht wird. Da muss man sich fragen, woran das liegt. Was unterscheidet die Stadtpolitik, das Gedenken der städtischen Politiker, vom Gedenken der Nazis? Beide haben doch das Recht dazu. Man muss klarstellen, worin sich beides unterscheidet.

Sicherlich in der politischen Dimension. Die Nazis sehen die Bombardierung als alleinstehendes Ereignis und verleugnen ihre Ursachen.
Man müsste jeden Beteiligten fragen: Reicht stilles Gedenken aus? Eine Demo gegen Nazis allein reicht jedenfalls auch nicht. Daran sieht man, dass etwas falsch gelaufen ist, dass man sich nicht genügend Gedanken gemacht hat. Der 13. Februar ist eine kleine Episode in einem großen Völkermord. Da kann man sich doch nicht in den Mittelpunkt stellen und sagen, dass Dresden das größte Leid erfahren hätte. 1945 hat jeder gesagt: Nie wieder Krieg! Das ist die wichtigste Botschaft. Mein eigentliches Trauma sind die Kriege, die danach geschehen sind. Denken Sie an Hiroshima, an Vietnam oder Korea – die Liste ist unendlich lang. Dresden wäre wie kaum eine andere Stadt prädestiniert, Friedensinitiativen zu starten, und das nicht nur zum 13. Februar. Dass das nicht geschieht, ist das eigentlich Schlimme an den alljährlichen Auseinandersetzungen um das Gedenken. Unsere Losung als Zeitzeugen war und ist: die Gedenkmärsche der Nazis nicht in unserem Namen. Aber wenn die Auseinandersetzungen mit den Nazis nur am 13. Februar und nur auf der Straße stattfinden, ist das doch irgendwie sinnlos. Ich würde es gut finden, wenn alle Seiten bereit wären, über das Geschehene zu debattieren. Das ist immer das beste Mittel.

Der Kampf gegen rechtes Gedankengut, gegen die Leugnung der Verbrechen kann nur stattfinden, indem man sich mit den Nazis argumentativ auseinandersetzt?
Ja, ich denke, dass das gar nicht anders geht. Man sollte vor allem auch mit Jugendlichen arbeiten. Dass junge Menschen kaum etwas von den Hintergründen wissen, kann man ihnen nicht übelnehmen. Es wird ja nichts dafür getan.

Das heißt, Sie kritisieren auch die Gedenkarbeit des Freistaates und das Bildungssystem?
Ja, das Bildungssystem wird nicht dem Anspruch gerecht, die jungen Menschen zum Frieden zu erziehen. Es wird aber auch immer schwieriger, die Jugendlichen für das Thema zu interessieren. Die Arbeit mit Zeitzeugen kann zum Beispiel dabei helfen. Wir haben schon mehrmals die Überlebenden von Wielun hierher eingeladen, ich war auch schon zweimal dort. Das ist wichtig – denn keiner kennt Wielun, aber jeder kennt Dresden. Wir als Dresdner haben eine Verantwortung, solche Geschichten bekannt zu machen. Das trifft auch auf das Schicksal von Guernica oder Lidice zu.

Sie hatten 2005 die Idee, die Weiße Rose als Symbol des Gedenkens zu etablieren. Wie kam es dazu?
1999 sollte ich das erste Mal nach Guernica kommen. Da habe ich überlegt, was ich aus Dresden dorthin mitnehme. Da habe ich mich an den Porzellanteller erinnert, den mein Vater und mein Bruder kurz nach dem Angriff in einem zerstörten Keller gefunden haben. Darauf sind zwei Rosen zu sehen, eine ist durch das Feuer schwarz gefärbt worden. Ich habe den Teller nach Guernica mitgenommen und ihn den dortigen Überlebenden überreicht. Beim 60. Jahrestag der Zerstörung Dresdens haben wir nach einem Symbol gesucht, und da habe ich vorgeschlagen: Nehmen wir eine Rose für alle Opfer von Krieg, Terror und Gewalt. Auf einem Treffen der demokratischen Kräfte wurde dann die Weiße Rose daraus. Die weiße Farbe gibt der Rose eine neue Dimension – sie setzt ein sehr deutliches Zeichen gegen die Neonazis.

Was wünschen Sie sich für den 13. Februar 2012?
Keine Straßenschlachten mehr! Es müsste grundlegend darüber diskutiert werden, was der 13. Februar bedeutet. Und vor allem darüber, was man daraus lernen kann. Für mich ist es der unbedingte Wille zum Frieden, und ich hoffe, dass ich noch ein bisschen dafür arbeiten kann.

Die Fragen stellten Rico Schubert und Kevin Reißig.

<a href=”http://www.flickr.com/photos/dielinke-sachsen/5679427739/” title=”Nora Lang von dielinke_sachsen bei Flickr”><img src=”http://farm6.static.flickr.com/5064/5679427739_79e0b7e758.jpg” width=”500″ height=”333″ alt=”Nora Lang”></a>

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