Im Schatten der Bestseller. Zur Lage der Literatur in Sachsen

Die Buchmesse ist der Buchstadt Leipzig geblieben. Jahr um
Jahr klingen die Zahlen optimistischer. Ob das MM indes
Money Money heißt, wissen die Eigner der Messe zu sagen.
Beim Anblick der hundertfach aufgereihten Vampirbände kann
es auch Masse Masse heißen. Worte, die mit Kleinverlagen
kaum in Verbindung zu bringen sind. Im Messeprogramm ziert
diese das Adjektiv „unabhängig“. Aber was bitte ist das bei
einem Verlag? Die Abhängigkeit beginnt nicht erst beim
Programm. Gut beraten ist eine Buchmesseleitung, die den
Kleinverlagen entgegenkommt. Vielfalt ist ein Marketingwort,
das seinen Preis hat. Europas großes (größtes?) Literaturfest
„Leipzig liest“ wäre ohne das pluralistische Prinzip längst
in die Verwechselbarkeit der Markenware abgesunken. Wohl
kein anderes als das Leipziger Publikum und das Publikum in
Leipzig nimmt in dem Maße die Lesungsangebote wahr. In sol-
cher Atmosphäre nimmt es kaum wunder, dass die Anzahl klei-
nerer Verlage eher zunimmt als ab. Der renommierteste unter
den Neugründungen in Leipzig allerdings, Faber & Faber, hat
seine Messestandpräsenz auf Stand by geschaltet.
Der Wunsch, das erste eigene Buch, das niemand sonst druk-
ken mag, gedruckt zu sehen, führt nicht selten zur Gründung
eines Verlages. Die Leipziger Volkszeitung hat im Vorfeld
der Leipziger Buchmesse eine ganze Reihe von mitteldeut-
scher Kleinverlagen vorgestellt, die, das war die Bedingung,
mit neuen Titeln aufwarten konnten. Untern den porträtierten
Verlagen war auch der Leipziger Literaturverlag des Viktor
Kalinke (was ein Pseudonym ist, im „wahren Leben“ ernährt
den Mann eine halbe Stelle als Hochschulprofessor). Als er
keinen Verlag fand, gründete er selbst einen und veröffent-
licht seither im Eigenverlag Buch um Buch als Books on
Demand. Gern hätte er seinen Verlag „Volk und Welt“ ge-
nannt, denn sein Ehrgeiz hat ihn von Anfang an über den eige-
nen Manuskriptseitenrand hinaus schauen lassen, vor allem
gen Osten. Mittlerweile hat sein Kleinverlag eine Vielzahl
von Werken osteuropäischer Autorinnen und Autoren in
deutschsprachigen Erstausgaben herausgebracht.
Um einen guten Kontext geht es auch dem Chemnitzer ClauS
Verlag, der seinen Sitz im Stadtteil Kaßberg hat. Das Büro
teilt sich Gründerin Claudia Stein u.a. auch mit dem Pali-
sander-Verlag und schätzt das ChemNetzWerk, das, ob seiner
Überschaubarkeit, offenbar aus festen Verbindungen besteht,
die nicht vom Neid zerfressen werden. Das Motto verheißt
(etwas spröde) Bücher mit Tragweite im Verlag mit Spannbrei-
te“. Solange genügend Kunden vor Kassen mit Geldscheinen
wedeln, wird dem kleinen grünen Drachen, dem Signet des
ClauS Verlages, die Luft nicht ausgehen.
Luft ist auch etwas, was den zurecht mit Ehrungen bedach-
ten Leipziger Poetenladen-Verlag in der Schwebe hält, Prosa
wie „Luftpost“ und „Im Eisluftballon“. Dünn ist die Luft
auf dem Buchmarkt für Lyrik, deren Angebot sich in Buch-
handlungen, wenn überhaupt, oft im toten Winkel befindet.
Im Poetenladen sind unlängst mit „Es gibt eine andere Welt“
Gedichtproben von Lyrikerinnen und Lyrikern erschienen,
deren Biographie eng mit den einstigen Bezirken Karl-Marx-
Stadt/Dresden/Leipzig bzw. dem Freistaat Sachsen verbunden
ist. Das Buch ist ein Breitband und lässt eindrucksvoll die
poetische Kraft dieses Landstrichs erkennen. Hiesige Biblio-
theken sollten die Sammlung zu ihren Novitäten stellen und
auch sonst in den Programmen all der anderen sächsischen
Verlage stöbern: wie Connewitzer, Evangelische, fhl, Hoer-
werk, Mironde, Plöttner, Sax oder des neuen Lychatz Ver-
lages, der gerade mit der ersten Röhm-Biographie aufwartet.

Ralph Grüneberger
März 2011

Quelle     Flickr  Autor Kasaa CCLizenz