Kulturelle Liberalität

Posted by on April 6, 2011 at 9:04 am.

Diese Zeitung sprach mit dem Leipziger Kulturbürgermeister Michael Faber. Im November 2010 wurden Faber durch Oberbürgermeister Burkhard Jung die Zuständigkeiten für die Oper Leipzig, Gewandhaus, Theater der Jungen Welt, Centraltheater und Musikschule Leipzig „Johann Sebastian Bach“ entzogen. Der Versuch, Michael Faber abwählen zu lassen, scheiterte.

Wie sind Sie Bürgermeister der LINKEN geworden?
Ich habe mich immer, wenn auch nicht organisiert, als einen politischen Menschen empfunden und mich viel eingemischt in gesellschaftliche Belange. Das ist für einen Verleger auch eine Selbstverständlichkeit, weil er mit verschiedenen Autoren umgeht, die – ob als Belletristen, ob als Künstler – sich immer an der gesellschaftlichen Sphäre reiben. Du bist ihr Türaufmacher, auch Multiplikator, und daher habe ich an einer bestimmten Stelle meines Lebens die Frage gestellt, ob dieser Beruf so ausfüllend ist, dass ich ihn ein Leben lang machen kann, oder ob es nicht eine andere Lebensform gibt, wo ich möglicherweise stärker an den Schnittstellen von Entscheidungen sitze und entsprechend auch mal kurzfristig etwas mitentscheiden kann. Die Problematik für den Intellektuellen ist ja immer, dass er einen geistigen Vorlauf hat, häufig aber die Ergebnisse nicht mehr erleben kann, weil sie im Regelfall mit 50-jähriger Verspätung kommen. Wobei sich die Abstände der Revolutionen ja verkürzen und man keine 100 Jahre mehr warten muss.

Warum gerade für die LINKE? Gibt es korrespondierende kulturpolitische oder weltanschauliche Positionen?
Das ist ein Gemengelage, es ist eine Form, wie ich sozialisiert worden bin, wie ich insbesondere Prozesse nach 1990 wahrgenommen und versucht habe, mich selber zu positionieren. Bei den LINKEN habe ich am stärksten Gesellschaftsansätze wahrgenommen, die auch meine eigenen sind, z.B. Arbeitskraft fördern und nicht den Abbau von Arbeitskräften.
In der Kulturpolitik vertrete ich allerdings einen anderen Ansatz. Die Kultur sollte nicht politisch administriert sein. Kultur ist ein gesellschaftliches Gut, das allen Generationen und allen Sozialitäten zur Verfügung steht, und wenn wir nun einmal in einer Gesellschaft leben, die sich stark über Sozial- und politische Verbände definiert, dann sollte die Kultur möglichst fraktionslos sein. In dem Abwahlverfahren habe ich allerdings auch die Stärke einer Fraktion erlebt, was mich zumindest zu der Frage brachte, ob mein Grundverständnis so richtig ist – aber ich lasse es als Frage noch offen.

Gibt es das: Kulturpolitik nicht als LINKE Kultur, sondern als eine eigene Politik ohne politische Anbindung?
Nein, es gibt natürlich in allen unterschiedlichen Schattierungen wie auch in unterschiedlichen Generationen Handlungsansätze, von denen mir manche näher sind als andere. Beispielsweise barrierefreier Zugang zur Kultur, Partizipation etc., da war die LINKE immer stark in den zurückliegenden Jahrzehnten. Deshalb würde ich diese Teile linker Kulturpolitik immer zu meinen eigenen erklären; aber ich würde dort, wo linke Kulturpolitik möglicherweise unterbelichtet ist, diese Stellen trotzdem besetzen, und wenn ich sie ergänzen kann, beispielsweise mit sozialdemokratischen Ansätzen oder mit einem Ansatz, der gar nicht politisch dominiert ist – den würde ich immer mit in mein Gesamtsystem hineinverweben, ohne mir Gedanken zu machen, aus welchen Quellen er ist. Die Kultur sollte schon so was wie eine freundliche Beobachterrolle in der Gesellschaft einnehmen, immer ein bisschen klüger als die Sozialitäten, immer ein bisschen geschickter und vermutlich immer auch ein wenig missverstandener. Das muss man in Kauf nehmen, und darum polarisiert die Kultur so stark, deshalb gibt es bei allen besseren Kulturleistungen Polarisierungen: in die Bejaher und die Verneiner, und deshalb sollten wir auch immer wieder unaufgeregt sein, wenn Aufregung in der Kulturdiskussion entsteht. Dies ist ein signifikantes Merkmal guter Kultur. Eine Kultur, die alle vereint, ist zu flach und bringt keine Seele, keine Tiefe, bringt vielleicht einen guten Unterhaltungsmoment, den wir allerdings nicht zu unterschätzen haben.

Das Leipziger Centraltheater ist in einer großen Diskussion, da wird auch polarisiert, mit dem Stil und dem Repertoire, das sie verändert haben. Ist das mutig, ist das was Epochales?
Da komme ich mit meinem Begriff der Liberalität. Wenn eine Stadt nur ein Theater hat, das so genannte Stadttheater, dann muss es versuchen, die unterschiedlichen Sozialitäten, die unterschiedlichen geistigen Veranlagungen und Generationen zu bedienen. Das meine ich mit liberal. Ich kann es trotzdem mit einer Linie und mit einer Handschrift versehen, aber ich darf nicht ausgrenzen. Schon allein zu sagen, wir wollen für die jungen Leute mehr Theater machen und in Kauf nehmen, die ältere Generation zu verprellen, ist nicht gut für ein Theater. Der zweite Aspekt ist, dass man als Kulturbürgermeister auch eine Aufsichtspflicht hat, was die Wirtschaftlichkeit der Eigenbetriebe betrifft. Und wenn ich dort etwas bemerke, was für die Entwicklung des Hauses eher negativ ist, muss ich handeln, anders kann ich meinen Beruf nicht verstehen. Dies hat dazu geführt, dass ich mich einer enormen Kritik ausgesetzt habe, nicht nur beim Intendanten, sondern offensichtlich auch beim Oberbürgermeister.

Was wären Visionen für Leipziger Kultur?
Bei Amtsantritt habe ich ganz deutlich zwei Baustellen gesehen, die zwingend für die nächsten Jahre als solche zu beenden sind. Das sind das Naturkundemuseum und die Musikalische Komödie, beide mit großen Potenzen. Beim Naturkundemuseum muss man wissen, dass vergleichbare Sammlungen im deutschsprachigen Raum im Durchschnitt zwischen 160.000 und 180.000 Besucher locken, und zwar durch alle Generationen und Sozialitäten hindurch. Dass wir einen Bildungsauftrag haben bei den Generationen, die möglicherweise nur eine eingeschränkte Wahrnehmung von Natur haben, steht sowieso auf dem Blatt; aber diese Museen haben auch eine hohe Beliebtheitsquote. Wenn ich nur unter diesem Aspekt das jüngste Ergebnis von 37.000 Besuchern 2010 in Leipzig betrachte, sind wir in einem völlig desolaten Zustand. Die 20.000 Unterschriften, die innerhalb von wenigen Wochen gegen eine Schließung gesammelt wurden, sind natürlich ein ganz starkes Votum; aber wenn viele der 37.000 Besucher Kinder und Jugendliche, zum Teil Mehrfachbesucher sind, heißt das, es haben mehr Menschen für das Museum votiert als eigentlich reingehen. Dieses Dilemma müssen wir auflösen.
Bei der Musikalischen Komödie haben wir rund 80 Prozent Auslastung – die Oper z.B. hat ca. 60 Prozent – da merkt man, dass dies ein Genre ist, das gut ankommt. Ich weiß, dass die annähernd 15 Millionen Euro Sanierungskosten in der augenblicklichen Haushaltssituation schwer zu vermitteln sind. Dazu kamen natürlich ein paar andere Dinge, in die ich erst einmal reinwachsen musste. Zum Beispiel, dass wir nach wie vor für die Mendelssohn-Stiftung keine Landesmittel bekommen, obwohl sie im Vergleich zum Bach-Archiv eine ähnlich bedeutsame Arbeit leistet. Des weiteren in der Behandlung der freien Träger und Vereine, weil ich dort zum Beispiel den Proporz als unangemessen empfinde. Wir haben – was aufgrund der hohen Bindung sicher zu einer bestimmten Zeit sehr gut war, um Kontinuitäten zu sichern – augenblicklich etwa 77 Prozent aller Kulturmittel in der institutionellen Förderung gebunden, d.h. unser Handlungsspielraum bei der Unterstützung von innovativen Ansätzen sowohl in der Politik als auch in der Verwaltung ist extrem klein.

Ich habe einen Kernsatz: Was zeichnet diese Stadt aus? Wir haben einen hohen historischen Schatz in Leipzig, der hat natürlich etwas mit der enormen wirtschaftlichen Entwicklung der Stadt im 18./19. Jahrhundert und bis ins 20. Jahrhundert hinein zu tun. Und wir sind eine der jugendlichsten Städte Europas, das hängt mit der zentralen Lage der Universitäten zusammen, es gibt nämlich kaum eine Stadt in Europa, wo der Campus der Großuniversität und die Standorte der vielen kleineren Universitäten so zentrumsnah sind. Unsere Stadt sieht immer jung aus, und wenn es uns gelingt, den historischen Schatz mit der Jugend zu vereinen, dann muss uns für die Entwicklung der Stadt nicht bange sein. Das ist für mich ein Kernpunkt.

Gibt es im Abwahlstreit neue Entwicklungen?
Nein. Leider nicht. Es gibt eine Reihe von Dissensen, die ich für normal halte, die haben in der Regel nichts in der Öffentlichkeit zu suchen. Es ist auch etwas Natürliches, dass ein Oberbürgermeister am Ende auch mal anders entscheidet, als ihm der Fachdezernent rät. Im Grundsatz muss man einen Fachrat hören, um im Abwägungsfall dann zur endgültigen Entscheidung zu kommen. Deshalb ist der Dissens ein Teil der Arbeitsmethodik und kann nie zu einer Entzweiung führen, es sei denn, es geht um Eitelkeiten..


Sie sind Mitbesitzer des Verlages Faber und Faber, der auch dieses Jahr zur Buchmesse nichts mehr ausgestellt hat, weil ja das Verlagsprogramm ruht. Wie geht es da weiter?

Wir machen ein sogenanntes weißes Jahr, wir werden noch mal die Backlist durchgehen, es gibt dieses Jahr noch drei Neuerscheinungen, und wir verhandeln augenblicklich, um einen aktiven Mitgesellschafter zu gewinnen.
Die Buchmesse war ein großer Erfolg, mit so vielen Besuchern wie noch nie zuvor. Ich denke es war klug, Ende der 90er Jahre nicht in direkte Konkurrenz zur Frankfurter Lizenzhandelsmesse zu gehen, sondern auf den Leser zu setzen, eine Marketingmesse zu machen. In der Zwischenzeit kommen Verlage, die am Anfang der Messe nicht so gewogen waren, und sie ist damit nicht nur ein Publikumsmagnet, sondern sie wird zunehmend auch wirtschaftlich erfolgreich.
Ich war zwei Tage auf der Messe, bin zu Veranstaltungen gewesen, nachts auch mit Kollegen. Eins meiner schönsten Erlebnisse war die Veranstaltung „Neues aus den Niederlanden“ im Telegraph. Drei Autoren haben aus Neuerscheinungen gelesen. Eines der schönsten Bücher: „Amsterdam und zurück“ von Marente de Moor, ein Buch über die Situation russischer Auswanderer in der Diaspora von Amsterdam, mit tiefen Einblicken in die russische als auch holländischen Seele. Ich habe es schon selber angefangen zu lesen.

Die Fragen stellten Juliane Nagel und Rico Schubert.

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One Comment

  • Nesselsky sagt:

    ^Sie haben, Sie sind, Sind Sie, weil Sie.
    Ist ja furchtbar, ich denke der Mann ist links.
    Was ist er denn nun. Chaotisch, links oder konservativ?

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