Bärbel Bohley war anders

Posted by on Oktober 20, 2010 at 6:05 pm.

Auszug aus Ihrer letzten Rede, veröffentlicht auf der Homepage der Bürgerrechtlerin

Christa Wolf und Bärbel Bohley am 04.11.1989 auf dem Berliner Alexanderplatz

Anlässlich des 20. Jahrestages des Jubiläums der Gründung des Neuen Forums verfasste Bärbel Bohley einen Text, der die Bügerrechtlerin, die untrennbar mit der Wende von 1989 verbunden bleibt, in einem anderen Licht erscheinen lässt – Bärbel Bohley war mehr eine Anti-SED, Anti-Gysi Streiterin. Anders als ihre Weggefährten ließ sie sich von keiner Partei vereinnahmen und blieb ihren Idealen treu – eine Linke war sie sicher nicht. Aber doch eine Frau, die Probleme in jeder Gesellschaft erkannte und anprangerte. Das machte sie in der DDR unbequem und das führte dazu, dass sie wenige Jahre nach der Wende ins selbst gewählte „Exil“ nach Bosnien-Herzegowina ging um humanitäre Projekte zu unterstützen. Hier ein Auszug aus dem Text der Bürgerrechtlerin aus Anlass ihres Todes. Sie starb am 11. September im Alter von 65 Jahren. Möge er dazu beitragen dass auch Linke in ihrer ehemaligen Gegnerin eine Frau sehen, die – wenn auch mit anderen Mitteln – die gleichen Missstände beseitigen wollte und die bis zu ihrem letzten Atemzug unbequem blieb. Respekt auch vor dem politischen Gegner sollte uns leiten im Umgang mit Andersdenkenden. Hören wir nun noch einmal was Bärbel Bohley uns zu sagen hat:

Nachdem ich zwölf Jahre vor allem in Bosnien und Kroatien gelebt und gearbeitet hatte, kam ich im vergangenen Jahr nach Deutschland zurück. Mein erster Eindruck war: ein Tollhaus! Was aus der Ferne halbwegs geordnet aussah, erschien aus der Nähe nur noch absurd und chaotisch. Die öffentliche Debatte ist noch flacher als Mitte der 90er Jahre. Alle Nachrichten, obwohl sie sich gegenseitig an Neuigkeitswert übertreffen, scheinen von der Realität längst überholt zu sein. Tiefgründige Analysen haben Seltenheitswert. Die Mediensprache ist hektisch, übereilt und fahrig geworden. Wichtiger als das, was gesagt wird, scheint zu sein, wie es gesagt wird. Als hätte, wer am schnellsten spricht, sich am genauesten mit dem Thema auseinandergesetzt.

1989 war kein Jahr null für die Menschheitsgeschichte, auch wenn das einige Zeit so empfunden wurde. Jeder Einzelne und jede Gesellschaft haben ihre Vergangenheit mit in die Zukunft genommen und beurteilen die Gegenwart mit den Maßstäben von gestern. Auf diese Weise blockieren wir eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Hier und Heute. Während alle Beteiligten ihre Vorurteile pflegen, zieht die Gegenwart mit ihren Problemen an uns vorbei. Öffentliche Vergleiche von Missständen in der DDR und Fehlentwicklungen im Gesamtdeutschland werden selbst zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung als unerhörte Provokation aufgefasst. Sie werden deshalb meist von vornherein unterlassen, obwohl sich eine Bezugnahme oft aufdrängt. Die vom Neuen Forum in der DDR eingeklagte Kommunikation zwischen Staat und Gesellschaft ist auch heute gestört. Stattdessen führen wir fruchtlose Dauerdebatten über Themen, die mehr der Ablenkung als der Erkenntnis dienen. Die mannigfaltigsten, angeblich gleich bedeutungsvollen Themen wälzen sich, alles platt machend, durch die Medienlandschaft. Gestern war es die Pflegeversicherung, heute sind es die Lebensmittelimitationen. Ist es so schwer, ein Gesetz zu verabschieden, das verbietet, Lebensmittel irreführend zu beschriften? Wo Käse draufsteht, muss auch Käse drin sein. Eine Kampagne folgt der nächsten. Steuerhinterziehung, Kinderpornografie, Waffenbesitz, Finanzkrise, Wirtschaftskrise, Schweinegrippe, Atommüllentsorgung, Klimaschutz, Walfangquoten, Wahlen – alles Kampagnen, die die Probleme eher verwischen, als greifbar machen.

Wir kennen das ja bereits, denn wir haben vierzig Jahre von Kampagne zu Kampagne gelebt. Jetzt haben sie andere Inhalte und werden ganzjährig von Talksshows rund um die Uhr begleitet – bis auch der letzte Zuschauer eingeschlafen ist.

Im Halbdämmer nehmen wir noch wahr, dass wir jetzt am Hindukusch unsere Freiheit verteidigen sollen. Aus unseren Träumen wurden Albträume. Wie nah waren wir ihr, als in Dessau Arbeiter Gewehre auf Schienen legten und die Straßenbahn darüberfahren ließen! Jetzt sind deutsche Soldaten seit sieben Jahren in Afghanistan. Glauben wir, dass wir es besser machen als die Russen? Erfolg hätten wir bei der Zivilbevölkerung gehabt, wenn wir, nachdem die Waffen zum Schweigen gebracht wurden, großzügig Aufbauhilfe geleistet und nach absehbarer Zeit das Land verlassen hätten. „Hilfe zur Selbsthilfe“ ist der Schlüssel, um das Vertrauen jeder Zivilbevölkerung zu gewinnen. Arbeit, Brot und ein Dach über dem Kopf – das sind die Voraussetzungen, um die Gesellschaft zu zivilisieren. Diesen Prozess aber müssen die Völker letztendlich selbst gestalten. Sie wissen, woher sie kommen und wohin sie gehen wollen. An uns liegt es, zu sagen: So, jetzt nehmt euer Schicksal in eure Hände! Wir wollen euch helfen, aber wir wissen nicht alles besser, und wir können es nicht besser als ihr, es ist euer Land, eure Geschichte, eure Kultur.

»Tragt ein Kopftuch, wenn ihr wollt, aber geht in die Schule.«

Inzwischen sind wir für die Afghanen auch Teil einer Besatzerarmee geworden, die von Hilfe für die demokratischen Kräfte spricht, aber eigentlich schon in einem Krieg steht, der auch die Zivilbevölkerung trifft.

Wie schwierig es ist, in kriegsgebeutelten Regionen stabile Systeme aufzubauen, habe ich in Bosnien gesehen. Die Aufgaben sind komplex und schier unendlich. In vierzehn Jahren ist es der Internationalen Gemeinschaft nicht gelungen, in dieser gegenüber Afghanistan winzigen Region, die zumal politisch, wirtschaftlich und kulturell viel enger mit Westeuropa verbunden ist, die Probleme zu lösen. Das müssen die Bosnier ebenso wie die Afghanen selbst tun. Wenn wir als schwer bewaffnete Besserwisser mit einer dicken Brieftasche kommen, um „die Demokratie“ aufzubauen, erreichen wir einzig das Gegenteil. Wir sind keine Helfer mehr, sondern nur Dummköpfe, die nicht merken, dass sie denen in die Hände spielen, die in diesen Ländern ebenfalls auf Waffen und Geld setzen. Die Menschen auf der Straße aber beobachten die Verbrüderung der Macht mit der Macht und werden sich vor Einmischung hüten, um nicht zerrieben zu werden.

Die Demokratiebewegung des Herbstes 89 ist für mich wie ein Baum. Den Boden hatten schon andere vor uns beackert. Wir haben den Samen in die Erde gelegt. Er wuchs durch die rastlose Teilnahme von Hunderttausenden sehr schnell in den Himmel. Aber bevor er tiefe Wurzeln fassen konnte, wurde der gigantische Baum durch den Ansturm der Notwendigkeiten gefällt. Nicht alles Holz ist verrottet, aber es sind nur wenige Balken aus dem Baum geschnitten und in dem Haus „wiedervereinigtes Deutschland“ verbaut worden. Angeblich war das westliche Gebäude, in das letzten Endes der Osten eingezogen ist, sehr stabil, bestens ausstaffiert, es war bezugsfertig. Erst nach zwanzig Jahren sieht man seine dunklen Kammern, brüchigen Keller und zu viele verbaute Zimmer, in denen sich manches angesammelt hat, das auf den Müllhaufen der Geschichte gehört. Auch hier sind gewaltige Umbaumaßnahmen nötig, um es für die nächsten Generationen lebenswert zu halten.

Die Revolution von 1989 wird heute gern zum Anlass genommen, die verschiedensten Festreden zu halten. Aber das Verhältnis der politischen Klasse zu den Menschen auf der Straße ist im Wesentlichen unberührt geblieben von den weltbewegenden Ereignissen. Das Volk und die Vertreter des politischen Systems begegnen sich nicht auf Augenhöhe. Immer noch denkt man – oder schon wieder –, dass die auf der Straße nur Schafe sind, die sich mehr für grüne Wiesen und saftige Butterblumen interessieren als für die Probleme der Globalisierung und die Hintergründe von Gewalt, Herrschaft und Macht.

Wir haben alles getan, was wir damals tun konnten. Wir haben es mit Hingabe getan. Mit Empathie für die Menschen – für Freund und Feind. Wir haben nicht nach Vergeltung geschrieen, nicht die Stimmung angeheizt, und alles ist friedlich geblieben. Aus der Situation haben die wenigsten von uns persönliche Vorteile gezogen. Wir sind auf die Weltbühne der Geschichte katapultiert worden und haben sie verändert. Sicher hätte man alles besser machen können. Ich denke aber, wir müssen uns für unser Handeln nicht schämen. Wir haben dem Glauben, dass man die Welt gewaltfrei ändern kann, Zuversicht und Gewissheit gegeben. Dass nach siebzehn Jahren der Kampf gegen das Bombodrom in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern zugunsten der Bürgerinitiative „Freie Heide“ entschieden wurde, scheint mir ein hoffnungsvolles Augenzwinkern der Geschichte zu sein.

Bildquelle: Bundesarchiv

Leave a Reply