Geburtenzahlen und Familienpolitik

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Zu dem Artikel von Falk Neubert nehme ich wie folgt Stellung:

Zu

Geburtenzahlen und Familienpolitik (Sachsens Linke 5/09)

Zu diesem Thema habe ich schon eine etwas andere Auffassung. Natürlich sind hohe Geburtenraten „kein Wert an sich“, aber Geburtenraten je Frau unter 2,0 und in der Bundesrepublik Deutschland seit etwa 30 Jahren bei 1,4 und darunter mit fallender Tendenz sind eine nationale Katastrophe. Jeder durchschnittlich begabte 5.-Klässler rechnet sich in weniger als 10 Minuten aus, dass sich die Bevölkerung ohne Zufluss von außen bei einer Geburtenrate von 1,37 innerhalb von 3 Generationen (man nimmt im allgemeinen eine Generation mit 30 Jahren an) auf unter 40 % des gegenwärtigen Standes reduziert. Merkwürdigerweise ruft diese jedem vernünftigen Menschen klare Tatsache nicht einen einzigen Politiker auf den Plan – auch nicht einen linken! Da ist nichts mit „emotionsgeladen“! Ich habe Einblick in die Situation vieler Familien ganz verschiedener sozialer Schichten, und die Gründe, die zu diesen Zahlen führen stellen sich mir ganz anders dar, als sie Herr Neubert beschreibt. Es gibt auch kein Wort darüber, wie sich die jetzt zur Welt kommenden Kinder auf die sozialen Schichten verteilen und welche Konsequenzen das für die gesellschaftlichen Strukturen der Zukunft haben wird.

Das beginnt mit der Gleichberechtigung der Frauen. Ich kenne kein Recht, das Männer haben und Frauen nicht. Etwas ganz anderes ist es schon damit, wie diese Rechte umgesetzt, oder anders herum unterlaufen werden. Überhaupt nicht diskutiert wird, dass Mütter Rechte haben müssen, die über die der Männer hinausgehen. Ein Neugeborenes will seine Milch nämlich nicht aus der Brust seines Vaters, sondern aus der seiner Mutter trinken. Schon deshalb kann man im Zusammenhang mit Familienpolitik von „Geschlechtergerechtigkeit“ überhaupt nicht reden. Ebenso unbestritten ist, dass kleine Kinder oft in den „Schoß der Familie“ gehören, was meistens bedeutet: in den der Mutter. Die Unternehmen wissen das ganz genau und überreichen deshalb nicht selten den Müttern nach dem gesetzlich geregelten Baby-Jahr den bekannten „blauen Brief“. Deshalb gehört nach meinem Verständnis für jede Mutter ab Feststellung der Schwangerschaft mindestens bis zum vollendeten dritten Lebensjahr ihres Kindes ein absoluter Kündigungsschutz auf die Tagesordnung, möglicherweise sogar noch länger, um der Mutter den beruflichen Wiedereinstieg zu gewährleisten.

Kinder sind von Natur aus genügsam. Sie brauchen weder goldene Klinken am Kinderzimmer noch Carrera-Marmor im Bad. Aber sie brauchen eine stabile Elternbeziehung, sie brauchen Mutter und Vater. Sie brauchen nicht eine Situation der Beliebigkeit, in der jeder der beiden bei dem geringsten Problem seinen Koffer nehmen und sich aus dem Staube machen kann. Diese Stabilität gewährleistet auch heute noch am meisten die Ehe. Deshalb sollte man die eheliche Gemeinschaft auch durch gesetzgeberische Rahmenbedingungen fördern und unterstützen und die Hürden für ihre Beendigung hoch hängen. Paare, die sich nicht das Versprechen geben können oder wollen, dauerhaft beieinander bleiben zu wollen, sollten sich auch nicht für Kinder entscheiden. Für den Weg eines Kindes in das Leben tragen stets beide Eltern die Verantwortung, leider bleibt sie aber oft genug an nur einem der beiden hängen. Dass die deutschen Medien den Partnerwechsel zum Ideal erheben und nicht im Stande sind, die Partnerschaft positiv zu thematisieren, ist kennzeichnend und eher tragisch als heroisch. In diesem Zusammenhang ist auch das Wirken von Zeitarbeitsfirmen und Unternehmen kritisch zu betrachten, die ihre Arbeitskräfte und deren Familien ohne Notwendigkeit mit langen Arbeitswegen belasten. Viele Frauen, die (noch) in stabilen Partnerschaften leben, tragen trotzdem die ganze Verantwortung für die Erziehung ihrer Kinder allein.

Den Vorstoß von Ursula von der Leyen für mehr Kindertagesplätze kann ich nur unterstützen. Vor allem vor dem Hintergrund der vielen Einkind-Familien sind sie ein wichtiger Ort, wo Kinder soziale Kompetenzen unter gleichrangigen und gleichaltrigen erwerben können. Offen bleibt für mich jedoch die Frage nach dem dafür qualifizierten Betreuungspersonal. Sozialpädagogen, die von der Krippe bis zum Altenheim alles betreuen können, sind es offensichtlich nicht. Dafür spricht auch die Tatsache, dass eine Absolventin erst mal in ein zweijähriges Curriculum eintreten muss, um sich die nötigen Kenntnisse für ihre Arbeit mit Vorschul- und Hortkindern zu erwerben. Selbst dann hat sie immer noch nicht das methodische und pädagogische Handwerkszeug für ihre Aufgabe. Die pädagogischen Schulen für Kindergärtnerinnen, in denen die pädagogischen, psychologischen, didaktischen und methodischen Grundlagen dafür praxisnah vermittelt wurden, sind mit dem Ende der DDR aufgelöst und der Fundus ihres Fachwissens ist unwiederbringlich „entsorgt“ worden. Es geht nicht um den Hochschulabschluss der Erzieherinnen, sondern um eine solide Vorbereitung auf ihre gerade heute immer schwieriger werdende Aufgabe.

Ein letzter Punkt sind die finanziellen Belastungen, die Eltern für ihre Kinder zu tragen haben. Eine Geburtenrate von 1,37 pro Frau ist nicht nur ein Hinweis auf die Verantwortung für die Zukunft der Kinder und auf zerstörte Partnerbeziehungen, sondern auch darauf, dass es offenbar sehr lohnend ist, keine Kinder zu haben. Auf jeden Fall ist sie aber ein Hinweis darauf, dass Kinder zu haben kein privates Vergnügen ist, sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem. Der im Alter möglicherweise pflegebedürftige kinderlose „Single“ möchte nicht von einem Roboter, sondern von einem Menschen versorgt werden, den eine andere Mutter für ihn geboren und aufgezogen hat. Deshalb ist es höchste Zeit, die finanzielle Absicherung der Kinder auf die Tagesordnung zu setzen. Lebensunterhalt und Ausbildung, gleich welcher Linie, müssen in vollem (notwendigen) Umfang abgesichert werden. Das kann aus meiner Sicht nur durch eine wesentliche Erhöhung des Kindergeldes, das Verbot seiner Anrechnung auf Hartz IV, die rentenrechtliche Besserstellung von Müttern und die kostenlose Bereitstellung jedes staatlich verantworteten Bildungsweges geschehen. Die Gegenfinanzierung kann durch eine Erhöhung der Steuern und Abschaffung der Steuerklassen erfolgen, wodurch eine gerechte Beteiligung aller Bürger an der finanziellen Sicherstellung von Kindern erreicht werden kann. Selbst dann bleiben den Eltern oft noch die Sorgen, die sie neben der Freude mit ihren Kindern haben.

Mit freundlichem Gruß

Wolfgang Schubert

Geschwister-Scholl-Str. 1

01917 Kamenz