Das Feindbild in seinem Kopf – Hubertus Knabe und DIE LINKE


von Michael Leutert, Sprecher der Landesgruppe Sachsen der LINKEN im Bundestag

Jahrestage politischer Ereignisse sind Hoch-Zeiten staatlicher wie medialer  Erinnerung. Erinnerung, die immer auch der Selbstbeschreibung einer Gesellschaft und der Definition von gut und böse in der politischen Gegenwart dient. In der Bundesrepublik nach 1989 gilt dies ganz besonders für den Umgang mit der DDR-Geschichte. Für die Zwischentöne bleibt bis heute zu selten Platz. Wenn dann – wie jetzt – der 20. Jahrestag des Mauerfalls einhergeht mit einer Bundestagswahl, kann das Ganze schon mal groteske Züge annehmen.

An einer Schnittstelle zwischen offizieller, also staatlicher Erinnerung und der Debatte im öffentlichen Raum sitzt Hubertus Knabe, Leiter der Stasi-Gedenkstätte in Berlin Hohenschönhausen und Publizist. Knabe kennt seinen Feind. Seit Jahren verfolgt er unversöhnlich und mit dem Eifer sowie der Gnadenlosigkeit der heiligen Inquisition alles, was seiner Meinung nach aus der DDR weiter wirkt oder – schlimmer noch – heute weiter Einfluss auf Politik und Gesellschaft nimmt: DIE LINKE.
Knabes neues Buch „Honeckers Erben: Die Wahrheit über die Linke“ erscheint deshalb als Enthüllungs- und Warnungsbuch im Superwahljahr. Knabe ist es abzunehmen, dass es sich nicht primär um einen Marketing-Trick handelt, der die Auflage steigern soll. Nein, Knabe meint es ernst. Schließlich, so resümiert er schon im Vorwort, drohten „der Bundesrepublik nicht nur außenpolitische Irrwege, sondern auch Freiheitsbeschränkungen im Innern, womöglich eine neue Diktatur“, wenn man der LINKEN (sprich mit Knabe: der SED) nicht entgegen wirke.

In den folgenden Kapiteln, die in die großen Abschnitte „Herkunft“, „Politik“ und „Personal“ gegliedert sind, wird eine Kontinuität konstruiert, die von der Gründung der KPD 1919 über die DDR bis zur heutigen LINKEN ohne Brüche fortläuft. Knabe weiß, zu welchem Ergebnis er kommen will, und so schreibt er denn auch.

Die Kapitel heißen „Alte Kader“, „Stasi im Bundestag“ oder „Partei der Spitzel“. Da wird die alte Lüge von den angeblich verschwundenen SED-Millionen wieder ausgegraben oder ein Vergleich von PDS-Parteiversammlungen in den Neunzigern mit „Zusammenkünften der Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit, in der sich nach dem Zweiten Weltkrieg in Westdeutschland tausende ehemalige Angehörige der Waffen-SS zusammengefunden hatten“, angestellt.

Diese wenigen Beispiele reichen aus, um das Buch zu kennen. Es erfüllt keinen wissenschaftlichen Standard und auch das Genre Enthüllungsbuch wird mangels neuer Informationen verfehlt. „Honeckers Erben“ ermöglicht weniger Erkenntnisse über DIE LINKE, als darüber, wohin Dogmatismus führen kann. Angesichts dieses auf Papier gedruckten Ausmaßes an Intoleranz, Schematismus, des Hangs zu Verschwörungstheorien und der Unfähigkeit, die eigene Perspektive zu hinterfragen, muss Knabe aufpassen, dem Feinbild in seinem Kopf nicht immer ähnlicher zu werden.

Der Grund, warum wir dem neuen Band von Knabe dennoch Aufmerksamkeit schenken sollten, liegt nicht in dem Buch selbst. Er liegt in der Funktion, die Knabe innehat. Als Leiter der Gedenkstätte Höhenschönhausen ist er Teil der offiziellen Erinnerung der Bundesrepublik. Zugleich nimmt er für sich in Anspruch, diesen „Standortvorteil“, so Knabe, für seinen persönlichen Kreuzzug in den Medien zu nutzen. Die „Süddeutsche Zeitung“ fragte kürzlich: „Warum darf Knabe ein aus Steuermitteln finanziertes Museum leiten?“ Die Antwort dürfte lauten: Weil er gar nicht so schlecht in die offizielle Erinnerungspolitik dieses Landes passt. Auch und gerade im Jahr einer Bundestagswahl.

„Honeckers Erben. Die Wahrheit über Die Linke“, Hubertus Knabe, Propyläen, Berlin 2009, 448 Seiten, 22,90 €