Polen wartet auf seinen Dubcek

Das Jahr 1968 war nach Eric Hobsbawm der einzige Moment, der „einen Anklang an jene simultane Weltrevolution hatte, von der die Revolutionäre von 1917 träumten“. Doch war es zugleich die Zeit, in der im östlichen Europa Hoffnungen auf einen tiefgreifenden Wandel zerschlagen wurden. Eine besondere Tragik kennzeichnet die Ereignisse des polnischen Jahres 1968. Von Sascha Wagener

 

Stare Powazki

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Am Anfang der studentischen Proteste stand die Absetzung des Theaterstücks „Dziady“ (Totenfeier) von Adam Mickiewicz aus dem Jahre 1824 am Warschauer Nationaltheater. Dieses Stück aus der Anfangszeit der Romantik handelt von der polnischen Geschichte von Teilung und Unterdrückung durch ausländische Besatzungsmächte und ruft zu Mut und Patriotismus im Kampf für ein freies und unabhängiges Polen auf. Das Bild von den „Moskauer Banditen“ des russischen Zaren erhielt im Polen der sechziger Jahre plötzlich eine ganz andere, aktuelle und brisante Bedeutung und löste stehende Ovationen beim Publikum aus. Die Regierung ordnete erst eine Einschränkung der Aufführungen, beispielsweise durch eine Begrenzung der Rabatte beim Kauf von Eintrittskarten durch Jugendliche und schließlich die Absetzung des Stückes an. So geriet die elfte und letzte Aufführung am 30. Januar 1968 zu einer politischen Manifestation. Karol Modzelewski dachte sich den Spruch „Kultur ohne Zensur“ aus, ständiger Szenenbeifall führte zu Unterbrechungen des Stücks und nach Vorstellungsende zogen mehrere hundert Zuschauer und Studenten zum Mickiewicz-Denkmal. Die Miliz löste die Kundgebung unter Einsatz von Schlagstöcken auf, 35 Demonstranten wurden verhaftet und zwei Studenten der Universität verwiesen, darunter Adam Michnik.

In den folgenden Wochen organisierten sich die Studenten und es kam am 8. März 1968 zu einer Demonstration auf dem Gelände der Warschauer Universität. Eine Petition mit dem Ziel der Aufhebung der Disziplinarmaßnahmen gegen Michnik und andere wurde verabschiedet. Der Verband Polnischer Schriftsteller schloss sich den Forderungen an und der Kommunist Jacek Kurón veröffentlichte eine marxistische Kritik an der Zensur im Kulturleben und der Absetzung der Totenfeier. In den folgenden Tagen kam es in den meisten Universitätsstädten zu Auseinandersetzungen und Straßenschlachten zwischen Demonstranten und der Miliz.

Doch der polnische Oktober ’56 hatte seine Spuren hinterlassen. Es gab keine Solidarisierung durch die Arbeiter oder die Landbevölkerung mit den demonstrierenden Studenten. „Du hast Angst, du hast ganz einfach Angst“, wirft der Sohn eines alten Werftarbeiters seinem Vater in Andrzej Wajdas Film „Der Mann aus Eisen“ vor. Der stalinistische Terror, die Panzer in Poznan, das brutale Vorgehen der Milizen gegen demonstrierende Arbeiter waren grade mal zwölf Jahre her. Gleichzeitig waren große Teile der Bevölkerung durchaus zufrieden mit der kommunistischen Regierung und besonders mit dem Parteichef Wladislaw Gomulka, der durch den Stopp der Kollektivierung der Landwirtschaft das Vertrauen der bäuerlichen Landbevölkerung gewann, durch sein asketisches Leben eine hohe Glaubwürdigkeit genoss und dem in der polnischen Gesellschaft tief verwurzelten Ideal von sozialer Gleichheit entsprach. Die Parteistrukturen der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei PVAP waren funktionsfähig und in der Arbeiterschaft verwurzelt. Alleine an der Danziger Werft kam es während der Märzunruhen zu 80 Versammlungen der Grundorganisationen der Partei.

Zusätzlich versuchte die Parteiführung durch das Schüren und die Instrumentalisierung antisemitischer Ressentiments die Bevölkerung an sich zu binden. Gomulka sprach von der Existenz einer „fünften zionistischen Kolonne“ in Polen und betonte die jüdische Herkunft vieler aufrührerischer Studenten. Obwohl er versicherte, sein Kampf gegen Zionismus habe nichts mit Antisemitismus zu tun, sollten in der Folge 8.000 Parteimitglieder ausgeschlossen und 13.000 Menschen jüdischer Herkunft zur Emigration gedrängt werden. Die antisemitische Welle von März 1968 ist eines der dunklen Kapitel in der polnischen Geschichte. Zum Leitspruch der von der Partei organisierten Versammlungen in den Betrieben wurde „Studenten in die Hörsäle, Autoren in die Schreibstuben, Zionisten nach Zion“. Der tief in der polnischen Gesellschaft verwurzelte Antisemitismus und parteiinterne Abrechnungen trafen hier aufeinander. Besonders tat sich Innenminister Mieczyslaw Moczar hervor, dem es um das Eliminieren von Funktionären ging, die bereits Mitglied der 1938 aus der Kommunistischen Internationale ausgeschlossenen KP waren. Der Vorsitzende der Volksversammlung, Edward Ochab, empfand die antisemitischen Verfolgungen als nicht mit seiner internationalistischen Überzeugung als Kommunist vereinbar und trat zurück.

Der schon im Januar 1968 aus der Partei ausgetretene Zygmunt Bauman verlor, neben vielen anderen Professoren, die mit den Studierenden sympathisierten oder jüdischer Abstammung waren, seinen Lehrstuhl. Der Versuch der Studentenbewegung, für den 28. März eine Versammlung für Meinungsfreiheit zu organisieren, wurde von der Regierung mit der Schließung der Philosophischen Fakultät und der Relegierung 45 weiterer Studenten beantwortet. Die Strategie der Repression ging auf und die Studierenden blieben isoliert. Unter den im März verhafteten 2725 Menschen waren zwar 937 Arbeiter, aber es handelte sich fast ausschließlich um Jugendliche. Die Proteste waren eine Bewegung der jungen Generation und der Intellektuellen, nicht der gesamten Bevölkerung.

In der Folge und sicher unter dem Einfluss der Märzunruhen wurde Gomulka zum härtesten und entschiedensten Gegner des im tschechoslowakischen Nachbarland stattfindenden „Prager Frühlings“. Als sich am 26. März 1968 in Dresden die Parteichefs der Warschauer-Pakt-Staaten trafen, wählte Gomulka als erster für das Reformprogramm der tschechoslowakischen Kommunisten die Bezeichnung „Konterrevolution“. Nur zu gut erinnerte er sich an die Wandmalereien und Sprüche an polnischen Häuserwänden wenige Wochen vorher: „Der polnische Oktober kommt vor dem polnischen Frühling und „Polska ceka na Dubceka“ – Polen wartet auf seinen Dubcek.

Sascha Wagener