Interview mit Sigmund Jähn: Gemeinsam in so einer Kiste

Vor 30 Jahren flog Sigmund Jähn als erster Deutscher ins Weltall. Diese Zeitung sprach mit ihm aus Anlass des Jubiläums

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Sigmund Jähn und Arno Bock, Geschäftsführer der Flugplatz Kamenz GmbH, bereiten sich zu einem Rundflug in einem Utraleichtflugzeug vor. Beide drückten 1955 gemeinsam die Schulbank als Offiziersschüler in Kamenz. Anlass dieses Fluges war der Besuch von Siegmund Jähn am 22.02.2008 in Kamenz. Foto: © Wolfgang Wittchen [VERGRÖSSERN]

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AUDIO: Mitschnitt des ### Interviews mit Sigmund Jähn. Die Fragen stellte unser Redakteur Rico Schubert. Schnitt und Bearbeitung TS für ### Online

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In der DDR war Raumfahrt vor allem ein Symbol für den Sieg des Sozialismus. Haben Sie sich bei Ihrem Flug eher als eine solche Symbolfigur gefühlt, oder mehr als eine Art Pfadfinder, der einen Schritt in unerforschte Regionen tut? Oder vielleicht auch beides gleichermaßen?

SIGMUND JÄHN: Ich sehe das nicht so, dass das ein Symbol für den Sieg des Sozialismus war. Es gab bereits seit 1967 ein Interkosmosprogramm, bei dem natürlich alle sozialistischen Länder teilnahmen. Die DDR war sehr wichtig in diesem Programm. Ich weiß, dass z.B. gesagt wurde: Wir schätzen den Einsatz der DDR bei Geräteentwicklungen für den Kosmos und würden deshalb die DDR unter den ersten sehen wollen beim bemannten Programm. Mit Sozialismus hatte das nicht unbedingt etwas zu tun.

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Mit Sojus 31 startete Sigmund Jähn am 26.08.1978 zusammen mit Waleri F. Bykowski (links im Bild) zur sowjetischen Raumstation Saljut 6. Sie umkreisten 125 Mal die Erde und führten u.a. Experimente mit der in der DDR entwickelten Multispektralkamera MKF 6 durch.

»Wenn man gemeinsam in so einer Kiste sitzt, dann muss man gemeinsam arbeiten.«

Welche Kriterien wurden im Vorfeld der Auswahl denn angelegt?

SIGMUND JÄHN: Die Leute in der Sowjetunion haben gesagt: Die Ausbildungszeit wird relativ kurz sein und es wäre wünschenswert, Jagdflieger zu haben, die russisch können, die einen wissenschaftlichen Hintergrund haben, die (wie man heute sagt) „teamfähig“ sind, die also in einem Kollektiv arbeiten können. Man wollte Leute, die in der Lage sind, operative Entscheidungen mitzutragen und die über den erforderlichen Gesundheitszustand verfügen. Nach diesen Kriterien wurde die Auswahl dann auch durchgeführt: Wir waren fast alle Militärwissenschaftler, die eine Akademie in der Sowjetunion besucht hatten und wir konnten dadurch auch die sprachlichen Forderungen erfüllen.

Trotzdem ist Ihr Flug als DDR-Bürger ein Einzelfall geblieben; kennen Sie Pläne für eine Art bemannte DDR-Raumfahrt?

SIGMUND JÄHN: Ja, natürlich. Ich war später als Mitglied des wissenschaftlichen Beirats für Kosmosforschung der Akademie der Wissenschaften der DDR mit einer Delegation der Akademie, die das Interkosmosprogramm geleitet hat, in Moskau, um einen zweiten Flug zu organisieren. Aber inzwischen hatte sich die ökonomische Situation wesentlich verschlechtert, bei uns und auch in der Sowjetunion. Die sowjetische Raumfahrt hatte inzwischen einen hohen Wert für andere Länder; es lief gut – im Gegensatz zu den Amerikanern, wo das Shuttle ständig Probleme hatte und erst verspätet zum Einsatz kam. Die Russen waren relativ billig, und so haben z.B. Syrien, aber auch Frankreich und Indien Interesse an einem Flug mit den Russen gezeigt. Da war Geld zu machen. Deshalb haben die Russen uns gesagt: Geld auf den Tisch, wenn ihr einen zweiten Flug wollt. Kurz und gut: Die Bedingungen des Interkosmos-Programms waren nicht mehr die gleichen..

Seit dem ersten Spaceshuttle-Flug zur Raumstation MIR haben sich die russische und amerikanische Raumfahrt einander angenähert. Kann man sagen, dass es heute weniger Probleme bei der Zusammenarbeit zwischen NASA und Roskosmos gibt als noch in den 90er Jahren? Und was denken Sie, was unterscheidet die beiden größten Raumfahrtunternehmen?

»…prinzipiell wissenschaftsfeindlich zu sein, das dürfen sich die Linken nicht auf die Fahne schreiben…

Um etwas zur Gentechnologie zu sagen, bin ich nicht Fachmann genug. Aber die Wissenschaft war immer der treibende Keil für die Entwicklung der Produktivkräfte. Prinzipielle Wissenschaftsfeindlichkeit dürfen sich die Linken nicht auf die Fahne schreiben. Wenn die Wissenschaft humanistisch ist, dann glaube ich auch, dass ein kluger Linker sie unterstützt.

Eine andere Frage ist, dass das heutige Wirtschaftssystem darauf aus ist, nur recht viel herzustellen und zu verkaufen, ohne viel Rücksicht darauf, ob dabei die Ressourcen der Erde verschleudert werden.

Vor 30 Jahren wurde – mein Eindruck – bemannte Raumfahrt vielleicht noch mehr als ein riesiges Zukunftsprojekt gesehen. Was denken Sie, wie geht das in Zukunft weiter mit der bemannten Raumfahrt? Denn es werden ja immer Kostengründe angebracht, es sei zu teuer, und es wird gefragt, was das bringt. Was denken Sie, wie die Entwicklung sein wird?

SIGMUND JÄHN: Erstens würde ich sagen, die Leute, die unmittelbar zusammenarbeiten, haben keine Probleme mit der Verständigung. Nicht die Amerikaner, nicht die Russen, nicht die Europäer. Wenn man gemeinsam in so einer Kiste sitzt, dann muß man gemeinsam arbeiten, sonst besteht die Gefahr, dass etwas schief geht.

Die zweite Frage ist: Wohin geht die Entwicklung der Raumfahrt. Das ist eigentlich schon hinreichend konzipiert. Der amerikanische Präsident verkündete vor drei Jahren das Programm: „Wir werden wieder auf dem Mond landen, wir werden die ersten sein auf dem Mars.“ Die Raumschiffe dafür werden nicht nur konzipiert, die sind bereits im Bau.

Da ist übrigens noch etwas, das verhandelt werden musste und nun beschlossen ist: Das amerikanische Space Shuttle geht 2010 aus dem Rennen, dann muss der Betrieb der Internationalen Raumstation von den russischen Sojus-Raumschiffen gewährleistet werden. Damit endlich die Besatzung aus sechs Leuten zusammengesetzt werden kann, wie das schon geplant war – damals waren übrigens sieben geplant – müssen zwei Raumschiffe permanent als Rettungsraumschiffe an dieser Orbitalstation im Einsatz sein. Das ist natürlich eine Frage der Organisation und der Beteiligung anderer Länder. Das ist nun also verhandelt. Ich würde sagen, die Internationale Raumstation läuft, wie lange, wird noch zu entscheiden sein. 15 Jahre waren geplant, die Russen schlagen vor, das zu verlängern.

Ich hatte vorher schon paar Mal versucht, Sie zu erreichen – mein Eindruck ist, Sie selbst sind heute auch noch sehr eingebunden?

SIGMUND JÄHN: Das kommt besonders durch diesen 30. Jahrestag. Aber ich bin jeden Tag mit dem Thema beschäftigt, weil mir tausend Leute E-Mails senden, mich anrufen, oder ich bekomme Briefe. Also: Ich habe jeden Tag damit zu tun – was ja auch nicht schlecht ist. Und bis Ende vorigen Jahres war ich immerhin noch für die ESA tätig.

Und permanent in Kontakt mit Roskosmos?

SIGMUND JÄHN: Nun, nicht mit Roskosmos unmittelbar, sondern mit dem Ausbildungszentrum im Sternenstädtchen; das ist sozusagen unmittelbar meine russische Heimat dort drüben.

Gut – ich bin sehr glücklich über das Interview, bin auch richtig stolz drauf – das ist wirklich ein Riesending!

SIGMUND JÄHN: Nu‘ machen Sie mal halblang!

Herr Jähn, vielen, vielen Dank.

Das ### Interview führte Rico Schubert.

BILD

13.02.1937 in Morgenröthe-Rautenkranz geboren
1943 – 1951 Volksschule in Morgenröthe-Rautenkranz
1951 – 1954 Lehrausbildung als Buchdrucker in Klingenthal/Vogtl.
ab 1955 Militärdienst bei den Luftstreitkräften der ehemaligen DDR
1955 – 1958 Offiziersschüler an der Fliegerschule
1958 – 1966 Offizier an einer Jagdfliegerstaffel
1966 – 1970 Studium an der Militärakademie Monino der Luftstreitkräfte der damaligen UdSSR
1970 – 1976 Inspekteur für Jagdfliegerausbildung bzw. für Flugsicherheit im Stab der Luftstreitkräfte
1976 – 1978 Kosmonautenausbildung im sowjetischen „Sternenstädtchen“ bei Moskau

26.8. – 3.9.1978Teilnahme am Raumflug UdSSR/DDR, Sojus 31/Salut 6/Sojus 291983Promotion zum Dr.rer.nat. am Zentralinstitut für Physik der Erde, Potsdam auf dem Gebiet der Fernerkundung der Erdeseit 1990/ 1993im russischen Kosmonautenausbildungszentrum als freier Berater für das Astronautenzentrum des DLR und seit 1993 auch für die ESA (European Space Agency) tätig (bis 2008)

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