Weder Fressen noch Moral!

Reis. (Image courtesy flickr.)

In den vergangenen Wochen ist in der Öffentlichkeit eine lebhafte Debatte über gestiegene Nahrungsmittelpreise entstanden. Die Gründe für die steigenden Preise sind so vielfältig, dass einige Gründe und Zusammenhänge dabei regelmäßig unter den Tisch fallen.

Ein Beitrag von Axel Troost

Schon seit mehreren Jahren steigen die Preise vieler Rohstoffe und Agrarprodukte, allen voran des Öls. Für die Ölpreisexplosion gibt es mehrere Gründe, z.B. das Kartell der Erdöl-produzierenden Länder (OPEC) und die Befürchtungen über ein Schwinden der Öl-Reserven. Am wichtigsten für den hohen Ölpreis ist aber die militärische Aggression der USA und der NATO im Irak und in Afghanistan und die Drohungen gegen den Iran, die den Mittleren Osten als wichtige Ölregion destabilisiert haben.

Gestiegene Ölpreise machen auch immer andere Produkte teuerer, weil diese unter Einsatz von Energie hergestellt und transportiert und mit Ölprodukten wie z.B. Plastik verpackt werden. Auf die Nahrungsmittelpreise hat der hohe Ölpreis aber vor allem dadurch gewirkt, dass es auf einmal wirtschaftlich wurde, aus Weizen, Mais, Raps und Zuckerrohr Automobiltreibstoffe statt Mehl und Zucker herzustellen. Früher war Sprit aus Pflanzen im Vergleich zum Öl schlicht zu teuer. Das änderte sich in den vergangenen Jahren. Wenn aber aus agrarischen Rohstoffen auf einmal Benzin und Diesel hergestellt wird, dann kann daraus kein Brot mehr gebacken werden, um Menschen satt zu machen. Gleichzeitig werden auch andere Nahrungsmittel verknappt bzw. verteuert, wenn als Folge die Anbauflächen für Agrarsprit-Pflanzen zulasten von Nahrungsmitteln ausgedehnt werden.

Man sollte sich aber davor hüten, den Anstieg der Nahrungsmittelpreise ausschließlich auf die Agro-Treibstoffe zurückzuführen. Mindestens genauso relevant ist die schon seit mehreren Jahren kontinuierlich steigende Nachfrage nach Nahrungs- und Futtermittel aus China und Indien. Mit steigenden Einkommen haben sich die langsam wachsenden Mittelschichten in diesen Ländern westliche Ernährungsgewohnheiten zugelegt. Wenn dort aber statt Reis und Gemüse vermehrt Weißbrot und Steaks verzehrt werden, dann darf man das nicht den Menschen in China oder Indien zur Last legen. Es ist vielmehr unser westlicher Lebensstil, der als falsches Vorbild vorangeht. Um eine Kalorie aus Rindfleisch zu erzeugen, müssen Rinder vorher sieben Kalorien pflanzliches Futter fressen. Die Welt geht nicht nur zugrunde, wenn die Chinesen so viel Auto fahren wollen, wie die Deutschen. Auch wenn die Chinesen soviel Fleisch essen wollen, wie wir, muss der Rest der Welt hungern.

Hier zeigt sich die wirklich zynische und menschenverachtende Seite des Marktes. Kein Fleisch-Esser oder Agrar-Sprit-Tanker in Deutschland möchte irgendjemand anderem das Essen wegnehmen. Über die Kräfte es Marktes tut er aber genau das, gleichermaßen lautlos wie anonym. Wohl gemerkt: nicht der Konsum von Fleisch und Agro-Sprit ist an sich zu verurteilen. Das Verbrechen liegt vielmehr darin, die globale Verteilung der Nahrungsmittel dem Weltmarkt zu überlassen. Die Kräfte dieses Weltmarkts wurden durch die Liberalisierungspolitik der Industrieländer (und insbesondere der EU) gegenüber den Entwicklungsländern noch gestärkt.
Auf die Spitze getrieben wird dieser Zynismus der Gütermärkte nun noch von den Finanzmärkten. Auf Waren-Terminmärkten werden Wetten auf die zukünftigen Preise von Weizen, Reis und Mais abgeschlossen. Diese Spekulation treibt die Preise zusätzlich an, ist aber eben nicht der Grund, sondern die Folge der gestiegenen Preise.

Aus der Nahrungsmittelkrise müssen vielerlei Schlüsse gezogen werden. Der wichtigste ist wohl der, dass es nicht dem Markt überlassen werden darf, dass alle Menschen satt werden. Natürlich muss auch die Spekulation mit Lebensmitteln und die Konkurrenz von Nahrungsmitteln und Agro-Treibstoffen in der heutigen Form überwunden werden. Das ist aber nur zu schaffen, wenn wir bereit sind, unseren Lebensstil zu überdenken und nachhaltiger zu machen. Dabei muss aber gelten: Fleisch und Sprit auch hierzulande nicht nur für die Reichen in Massen, sondern für alle und in Maßen.

Red. Hinweis: Auf die Hintergründe der Nahrungsmittelkrise geht ausführlich ein Artikel von Christine Wicht ein, den wir sehr empfehlen möchten, nachzulesen auf den NachDenkSeiten.