Von der Macht des Wortes

Ist das ein Widerspruch: Macht und Demokratie? Die Frage danach ist genau so alt wie aktuell. Jochen Mattern zur „ewigen“ Kritik an der Demokratie

 

Die Kritik an der Demokratie als einer schwatzhaften Angelegenheit ist älter noch als die Demokratie selbst. Im zweiten Gesang der Ilias des Homer (etwa 730 v.u.Z.) ist eine solche Kritik am demokratischen Verhalten noch vor der Institutionalisierung der Demokratie überliefert.

„Einspruch zu erheben … wirkt allemal abstoßend. Wo die Mächtigen Entscheidungen treffen, da hat der Demos zu schweigen.“

Ein einfacher Grieche mit Namen Thersites wagt es in besagter Szene Odysseus, einem der mächtigsten Anführer der Griechen vor Troja, zu widersprechen. Der Streit geht darum, ob der Krieg gegen die Troer fortgesetzt werden soll oder nicht. Dass er laut Homer „immer verkehrt, nicht der Ordnung gemäß“ räsoniere, trägt dem Widerspenstigen außer einer Tracht Prügel durch Odysseus auch den Hohn und Spott seiner Kameraden ein. Was für ein Narr ist das doch, der mit seiner Widerrede den Zorn der Herrschenden herausfordert. Zur Kritik am ungebührlichen Verhalten fügt Homer noch die an der äußeren Gestalt des Thersites hinzu. „Schielend war er und lahm am anderen Fuß, und die Schultern höckerig, gegen die Brust ihm eingeengt; und oben erhob sich spitz sein Haupt, auf dem Scheitel mit dünnlicher Wolle besäet“.

Der Kontrast zum Idealbild des griechischen Heroen ist groß, und er ist beabsichtigt. Thersites erfährt eine doppelte Abqualifizierung durch Homer: Nicht nur, dass er sich ungebührlich aufführt, er widerspricht auch noch ganz und gar dem griechischen Schönheitsideal. Hier verbindet sich ein antidemokratischer Affekt mit einem ästhetischen Vorbehalt. Einspruch zu erheben bzw. Widerspruch einzulegen wirkt allemal abstoßend. Wo die Mächtigen Entscheidungen treffen, da hat der Demos zu schweigen. Wer die Herrschenden dennoch zur Rede stellt, dem ergeht es wie dem Thersites, der zur (Staats)Räson gebracht wird. Homer gibt in dieser Urszene demokratischen Verhaltens aus der Ilias das Muster vor, das in den geistigen Grundbestand der Feinde der Demokratie einfließt.

 

Der Staatsrechtler Carl Schmitt, prominenter Konservativer in der Weimarer Republik und dann Kronjurist der Nazis, befürchtet denn auch die „machtauflösenden Konsequenzen“, die das Prinzip der Diskussion zur Folge habe. Seiner Ansicht münde der Streit der Meinungen nicht in die politische Entscheidung, weil dieser zu einem „Entweder-Oder“ unfähig sei, mithin auch nicht zu wirklicher Opposition imstande. Allenfalls ein liberaler Konsens – ein fauler Kompromiss würde man heute sagen – springe bei dem endlosen Palaver heraus. Für die Politik, die kollektiv verbindliche Entscheidungen zu treffen hat, tauge die Diskussion demzufolge nicht. Sie könne die Macht, die solche Entscheidungen trifft, nicht ersetzen. Wohl nicht umsonst verlangt es viele heute nach einem „Machtwort“. Die Macht, die Carl Schmitt im Auge hat, ist stets monologisch. Sie tut kund, hält Ansprachen an die Bevölkerung, die schweigt und zustimmt.

Die Geringschätzung der „Thersites-Kultur“ ist von unverminderter Aktualität. Die Formulierung stammt vom Schriftsteller Botho Strauß. Dieser moniert die „verschwätzten Zeiten“, die „Zeiten der sprachlichen Machtlosigkeit“ sind. „Keinen Funken Aussicht“ enthalte das ewige Gerede, „keine Kraft zur Erneuerung und Veränderung“. Gegen das ausufernde Alltagsgeschwätz empfiehlt er die Kunst als „Zentrum der Gegenkommunikation“. Dem Kunstwerk sei eine magische Kraft eigen, die das Gerede nie besessen habe: die Kraft zu verzaubern. Der seherischen Kraft des Kunstwerks werde der Betrachter aber nur in ehrfürchtiger Andacht und stillem Versenken teilhaftig. Dazu müsse er alles Geschwätzige von sich abtun. Hinter einem solchen Geistesaristokratismus verbirgt sich ein kaum verhohlener Herrschaftsanspruch. Kunst gerät zu einem Herrschaftsmittel. Sie soll es dem Odysseus gleich tun und die Geschwätzigen, die zur Widerrede nicht berechtigt sind, zur Räson bringen.

Einer anderen Lesart zufolge gilt der Grieche Thersites ob seines Mutes, selbst vor den Mächtigen kein Blatt vor den Mund zu nehmen, als Verkörperung der demokratischen Streitkultur. Die Griechen nannten sie Eristik. Aus dem Grunde kann Hannah Arendt den Ursprung des öffentlichen Raums und des Politischen auf die Zeit Homers (8. Jh. v.u.Z.) datieren. Es sind die Kriegsschauplätze des Trojanischen Krieges, die, wenngleich von temporärer Art, dennoch politisch geprägt sind. Die Polis, der griechische Stadtstaat, stellt lediglich den ummauerten Raum dieser öffentlichen Plätze dar. Sie setzt an die Stelle des kriegerischen Umgangs den gewaltlosen Streit. Durch die „Ausscheidung der Gewalt aus dem Bereich des Politischen“ verstetigt die Polis das Politische. Fortan ist der argumentative Streit, die öffentliche Rede und Widerrede, dasjenige politische Mittel, das die Demokratie von anderen Herrschaftsformen unterscheidet. Im Athen des 5. Jahrhunderts v.u.Z. gelangt die Demokratie zum ersten Mal in der Geschichte zur Blüte. Die Griechen gelten daher gemeinhin als die Erfinder des Politischen, auch wenn es sich nur um eine vergleichsweise kleine Zahl freier und gleicher Bürger handelt, die an den öffentlichen Angelegenheiten teilnehmen.