Mit einem christlichen Menschenbild hatte Kochs Jugendgewalt-Debatte
nichts mehr gemein. Von Mark Spitz
### 1&2/2008
Ein ganz Ausgekochter ist erst einmal abgekocht worden. Die Wähler in Hessen ließen sich vom CDU-Ministerpräsidenten Roland Koch nicht mit dem zugegeben populistischen Thema Jugendkriminalität ködern. Sie haben dessen Getöse an seinen eigenen Taten gemessen und seine Linie vielleicht ein Stück weiter gesponnen. Dann nämlich würden bald Ladendiebe mit verdächtiger Hautfarbe sofort abgeschoben und widerspenstige Säuglinge in Erziehungslager gesteckt.
Das eigentlich Bestürzende an Koch ist das Menschenbild, das der Exponent einer angeblich christlichen Partei offenbart. Zwar finden sich in der Bibel im Alten Testament auch Textstellen, die dem Menschen von Anfang an Verderbtheit unterstellen. „So wenig könnt auch ihr Gutes tun, die ihr ans Böse gewöhnt seid“ heißt es etwa beim Propheten Jeremia. Dann bleibt gegenüber einem Straffälligen eben nur Draufhauen und Wegsperren. Die Botschaft Jesu im Neuen Testament aber besteht im Glauben an die Besserungsfähigkeit und den Neuen Menschen. Ein zentraler Konflikt, der sich analog zum Umgang mit Straftätern auch im Streit um die so genannte Kuschelpädagogik der bösen Achtundsechziger oder um rechtsextreme Jugendliche widerspiegelt.
»Dieses Draufhauen aber ist ein Zeichen von Hilflosigkeit und der Kapitulation vor gesellschaftlichen Ursachen.«
Man soll nicht unterschätzen, wie zahlreich die anonymen Anhänger von Prügel- oder Todesstrafe unter uns noch oder schon wieder sind. Auf sie hat Koch offensichtlich spekuliert wie andere Haudraufs in der ach so christlichen Union auch. In Sachsen meinen nach der jüngsten EMNID-Umfrage der Staatsregierung ebenfalls 80 Prozent der Befragten, es werde zu wenig gegen Jugendkriminalität getan. Dieses Draufhauen aber ist ein Zeichen von Hilflosigkeit und der Kapitulation vor gesellschaftlichen Ursachen. Denn Kriminalität hat zu allen Zeiten zwar auch endogene irrationale Ursachen gehabt, ist aber in weit mehr Fällen rationaler Ausdruck sozialer Prägungen und Verwerfungen. Um diesen korrigierbaren Anteil geht es. Bürger und Politik machen es sich zu einfach, wenn sie nur mit dem Finger auf jene „Verworfenen“ zeigen, die uns allen doch auf ihre freilich nicht zu billigende Weise den Spiegel vorhalten. „Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein“, verhindert der biblische Jesus die Steinigung Maria Magdalenas.
»…wenn das totalitäre Diktat des Ökonomismus alle Lebensbereiche beherrscht…«
Kultusminister Steffen Flath (CDU) gab Mitte Januar sogar treffend den Sonntagsprediger, als er in der Jugendgewalt eine Folge schleichenden Werteverlustes sah. An dieser Stelle aber endet stets das Lamento, denken die Scheinkonservativen nicht zu Ende. Denn welchen in Kapitalismuskritik nur ein bisschen geübten Analytiker können solche Erosionserscheinungen verwundern, wenn das totalitäre Diktat des Ökonomismus alle Lebensbereiche beherrscht? Wo sollen da Werte und Lebenssinn herkommen?
Ehe man also nach Boxcamps und ihren schöngeschminkten Varianten, im Grunde nach repressiven Anachronismen wie den DDR-Jugendwerkhöfen ruft, wäre auf der präventiven Seite unendlich viel zu tun. Dass Wegsperren nichts bringt, beweisen bundesweit Rückfallquoten jugendlicher Straftäter um die 80 Prozent. Soziale Perspektiven, Jugendgerichtshilfe, begleiteter Strafvollzug wären Aktionsfelder, die freilich Kosten verursachen statt den DAX nach oben zu treiben. Oder hängt wirtschaftlicher Erfolg langfristig nicht doch mit gesellschaftlicher Stabilität zusammen? Den kurzdenkenden Haudraufs, die auch gern gegen Fundamentalisten wettern und Gefahr überhaupt nur von außen heraufziehen sehen, ist mehr Bescheidenheit zu raten, wenn sie eben diesen Fundamentalisten der Scharia nicht immer ähnlicher werden wollen.
TITELBILD »DER FALSCHSPIELER«: AUS KARL VON AMIRA (1848-1930), RECHTSARCHÄOLOGISCHE SAMMLUNG; DIE TAFEL IST BESTANDTEIL DES UNEDITIERTEN NACHLASSES DES RECHTSHISTORIKERS UND BEGRÜNDERS DER RECHTSARCHÄOLOGIE KARL VON AMIRA UND BEFINDET SICH HEUTE IM BESITZ DES LEOPOLD-WENGER-INSTITUTS IN MÜNCHEN.