Deutung und Rückblick – Das Ende des Staatssozialismus und seine Folgen: Vor 90 Jahren begann mit der Oktoberrevolution in Russland ein neues historisches Kapitel. Von Karl-Heinz Gräfe*

### 11/2007
Die Oktoberrevolution im November 1917 in Russland ist Teil des Erbes der DDR, der PDS und auch der neuen Linkspartei. Die großen Hoffnungen von Millionen Menschen zu Beginn des 20. Jahrhunderts, dass mit diesem Revolutionsakt die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft durch eine sozial gerechte, freiheitliche, demokratische und friedliche Welt in Russland und allerorts abgelöst werde, ging so nicht in Erfüllung. Nach über sieben Jahrzehnten, im Dezember 1991 wurde nicht nur das wichtigste Resultat des “Roten Oktober”, das Mutterland des Staatssozialismus sowjetischen Typs, die UdSSR, von dem ex-kommunistischen Führer und freigewählten Präsidenten Russlands, Jelzin, aufgelöst.
»Letztlich führte also die Revolution von 1917 mit einem Umweg über den Staatssozialismus zum Kapitalismus.«
Der agilste Teil der kommunistischen Nomenklatura, der bis dahin die Verfügungsmacht über das Staatseigentum besaß, teilte das von Millionen Arbeitern, Bauern, Intellektuellen und Angestellten in mehreren Generationen erwirtschaftete Volksvermögen unter sich, privatisierte es und riss neue soziale Klüfte auf, die die Mehrheit der Bürger dieses Sechstels der Erde bisher nicht kannten. Letztlich führte also die Revolution von 1917 mit einem Umweg über den Staatssozialismus zum Kapitalismus. Bereits Errungenes auf sozialem, bildungspolitischem, wissenschaftlichem, kulturellem und technischem Gebiet wurde durch den neuen wildwuchernden oligarchischen Kapitalismus abgebaut und zerstört.

Ähnliches vollzog sich auch in Osteuropa und schon seit Ende der 70er Jahre in China, im volkreichsten Land des Staatssozialismus maoistischer Prägung, Der Herbst 1917 war also welthistorisch kein Formationswechsel wie ihn die französische bürgerlichen Revolution 1789 eingeleitet hatte; es blieb bei einem Alternativversuch, der aber das halbfeudale, halbkoloniale Russland in ein industriell, technisch und kulturell entwickelten Vielvölkerstaat, zu einer Welt- und Supermacht umwandelte.
»Ohne die selbstzerstörerische Politik der Führung unter Stalin wäre aber der antikommunistische Kreuzzug für Nazideutschland in der Anfangsperiode gewiss nicht so erfolgreich … gewesen.«
Der Ausbruch eines Drittels der Weltbevölkerung aus der bürgerlich – kapitalistisch dominierten Welt von damals zwang deren Politiker und großen Kapitaleigner, ihr Gesellschaftssystem sozialer und demokratischer zu gestalten, beschleunigte den Zerfall des unmenschlichen Kolonialsystems der europäischen Großmächte und engte die Möglichkeiten kriegerischer Expansionen ein. Diese Veränderungen waren natürlich auch Resultat des Kampfes der organisierten Arbeiterbewegung, von Sozialisten, Sozialdemokraten, Gewerkschaften und der nationalen Befreiungsbewegungen in den Hochburgen wie in den peripheren Großregionen des Weltkapitals. Der reale Staatssozialismus war sieben Jahrzehnte lang eine Gegenmacht. Sie erzwang gegenüber den USA und den europäischen Großmächten eine zeitweilige Koexistenz. Es kam zwar zwei Jahrzehnte nach der Urkatastrophe 1914-1918 – ausgelöst von faschistischen Regimen in Deutschland, Italien und Japan und ihren Satelliten – nochmals zum (bisher gefährlichsten) Weltbrand. Das Zusammengehen der UdSSR mit den USA und Großbritannien, der weltweiten antifaschistischen Bewegung in der Anthitlerkoalition, wehrte diese tödliche Gefahr für die gesamte Menschheit ab. Mit 27 Mio. der 50 Mio. Kriegstoten 1939-1945 hatten die Völker der UdSSR den größten Anteil an der Befreiung der Völker Europas, Asiens und teilweise Afrikas von der faschistischen Unterdrückungs- und Vernichtungsherrschaft. Ohne die selbstzerstörerische Politik der Führung unter Stalin wäre aber der antikommunistische Kreuzzug für Nazideutschland in der Anfangsperiode gewiss nicht so erfolgreich und so opferreich für die Völker der UdSSR gewesen. Die Beziehungen der beiden gegensätzlichen Weltsysteme hatten den Charakter von ideologischer, wirtschaftlicher und politischer Konkurrenz, Partnerschaft und auch Feindschaft.
»Gewaltaktionen gingen nicht nur von den USA, Frankreich, der NATO aus…«
Zumindest in Europa wurde zwischen 1945 und 1990 infolge des atomaren Gleichgewichts verhindert, dass die harte Systemauseinandersetzung sich im Rahmen eines Kalten Krieges bewegte und nicht zum Heißen Krieg überging. Aggressionen und Militärinterventionen gab es aber in anderen Weltregionen, auch als Stellvertreterkrieg beider Machtgruppierungen. Solche Gewaltaktionen gingen nicht nur von den USA, Frankreich, der NATO aus (Aggressionen gegen Vietnam oder Algerien, Putsch gegen die Allenderegierung in Chile u.a.); auch die UdSSR führte bekanntlich einen Krieg in Afghanistan (1979-1989) oder intervenierte in ihrer Einflusszone politisch wie militärisch dort, wo versucht wurde, den stalinistischen Staatssozialismus in einen demokratischen Sozialismus umzubauen (1956 in Polen und Ungarn, 1968 in der Tschechoslowakei).
»Vergessen werden sollte aber auch nicht, dass das stalinistische System persönliche Freiheit und Demokratie unmöglich machte…«

Namenloses und unendliches Leid: GULAG. Der Verlust der Menschenwürde reichte
über den Tod hinaus. Schädelöffnung mit Handsäge bei verstorbenen Häftlingen
zur Entnahme des Gehirns
Vergessen werden sollte aber auch nicht, dass das stalinistische System persönliche Freiheit und Demokratie unmöglich machte, die Emanzipation der Bürger an Macht und Wohlstand wesentlich einschränkte. Erinnert sei an die zweite Lebenswelt des Staatssozialismus – der Archipel GULAG (1930-1953 20 Mio. Zwangsarbeiter und Häftlinge), an den großen Terror unter Stalin, der allein im Jahre 1939 über 700.000 Menschen das Leben kostete.
»Das Verschwinden des realen Staatssozialismus … ermöglichte es … der nun “übriggebliebenen” bürgerlich-kapitalistischen Welt erneut, zu den brutalen Formen kapitalistischer, neoliberaler Ausbeutung … überzugehen…«
Das Verschwinden des realen Staatssozialismus seit fast zwei Jahrzehnten ermöglichte es allerdings einem Teil der herrschenden wirtschaftlichen und politischen Eliten der nun “übriggebliebenen” bürgerlich-kapitalistischen Welt erneut zu den brutalen Formen kapitalistischer, neoliberaler Ausbeutung und Massenarbeitslosigkeit, zu rigorosem sozialen und bildungspolitischen Abbau überzugehen und selbst bisher als unantastbar geltende Freiheits- und Demokratierechte einzuschränken. Erneut maßen sich die übriggebliebene Großmacht USA und einige ihrer Natoverbündeten an, die Völker der Welt mit Kriegen zu überziehen und ihnen ihren Willen gewaltsam aufzudrängen (Jugoslawien 1999, im neuen 21. Jahrhundert Irak oder Afghanistan). Seitdem ist nun auch Deutschland wieder dabei. Die Schwerter werden nicht zu Pflugscharen umgeschmiedet und die Klimakatastrophe hängt in den letzten zwei Jahrzehnten wie ein Damoklesschwert über den blauen und grünen Planeten, unserer Heimstätte. Eine kritische Analyse des Epochereignisses vor 90 Jahren ermöglicht neue Zugänge zu alternativem Denken und Handeln. Das ist gerade heute dringlicher als je zuvor.
*Prof. Dr. habil. Karl-Heinz Gräfe aus Freital ist Historiker und Mitglied der historischen Kommission beim Bundesvorstand der Linken
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In diesen Tagen die Oktoberrevolution zu würdigen ist mehr als angebracht. Allein die Vertreibung der westlichen Entente, Japans und anderer europäischer Hilfskorps vom russischen Boden sowie die Zerschlagung der weißen Armeen Kornilows, Denikins, Koltschaks und Wrangels bis 1920 waren eine Bestätigung der Richtigkeit dieser Revolution, an derem Ende es nach diesen drei Jahren nur 611.978 Bolschewiki gab…
Deutschland bietet in nahezu einem Alleingang im Vergleich zu anderen westeuropäischen Staaten auch für dieses Ereignis seine spezielle Aufbereitung der Geschichte seit geraumer Zeit an. Kein Wunder. Es überschritt zweimal die Grenzen zu Rußland, zur UdSSR und die rote Fahne wehte schließlich auf ihrem Reichstag. Das muß man als Historiker in den Medien aller Art erst einmal
“verkraften” können. Und so wurden am Ende des selbstverschuldeten Untergangs der Supermacht die Gorbatschow, Jelzin, Schewardnaze…bejubelt, ausgezeichnet, bevor ihnen in Rußland oder Georgien der Boden unter ihren Füßen, sichtbar für die Welt, entzogen wurde. Aus war es mit dem gemeinsamen Boris-Helmut-Saunabesuch. Das setzt sich so fort. Immerhin war Rußland schon immer für so manchen Deutschen die Inkarnation von Sibirien, Schlafplatz auf dem Ofen und der ´Träne Gottes´, dem Wässerchen. Und so war die schließlich herabstürzende Weltraumstation “MIR” eine Rostlaube, aber für den Direktor der NASA eine ausgezeichnete Voraussetzung für das weitere Eindringen in den Weltraum! In der “SZ” wurde am 2.11. eine ganzseitiger Artikel veröffentlicht von der Mitarbeiterin Christina Wittich, ein Jahr nach Rußland gehend, dessen Schluß mit “Das Hochhaus stinkt” überschrieben wurde. Es gibt allerdings auch apart-lustiges, man kann auch sagen typisch Westdeutsches. Zeitungskommentare wurde kürzlich im DLF von einer Redakteurin verlesen:”Komso…Komos…Kosmosolskaja Prawda” und nach der Verlesung noch eimal… statt Komsomolskaja.
Zu bemerken wäre ohne Zweifel, dass für den Untergang des Sozialismus von der Elbe bis hin nach Wladiwostok 1. die Eigenart der Führung selbst verantwortlich war. Man übersah schlicht das menschliche Wesen. Es stieg einmal auf fünf Stufen vom Baume herab und wurde ´unter allen Tieren der größte Vernichter; er führt Krieg gegen alle anderen und gegen seine eigene´(M.Grimm). Und auf diesem Wege wurde aus der Geschichte der Irrtümer eine Menschheitsgeschichte. Selbst wenn er und sie zusammenleben wollen, dann gibt es eine Menge Bürokratisches: Von Ehevertrag über Splitting bis neuerdings zur Bedarfsgemeinschaft oder Gütertrennung. Auch Krach und Todschlag…So liegt die Scheidungsquote in Germany leicht sinkend um die 49,2 % im Jahre 2006 mit in Mitleidensschaft gezogenen fast 150.000 Kindern. Und das sind nur zwei Menschen…!
Und 2. müssen Sozialisten auch Führen können. So neu ist das nicht. Denn schon Cervates schrieb im Don Quijote:”…wenn der Blinde, den Blinden führt, so laufen beide Gefahr, in den Graben zu fallen.” Shakespeare ergänzte mit:” `s Fluch der Zeit, dass Tolle Blinde führen!” Es muß deshalb eine Menge Blinder nach 1917 und speziell nach 1945 gegeben haben, dass ihre Bürger auch andere Wünsche statt der Vorgegebenen hatten. Mitunter ganz einfache: Wählen, reisen, sich äußern, einkaufen zu können ohne Schlangen…
Nun ist nachdenken angesagt oder Alternatives. Weltweit, was Links betrifft, sieht es nicht gerade berauschend aus. Und die Programmatischen Eckpunkte der DIE LINKE sind auch nicht gerade das Gelbe vom Ei. Beispielsweise: Wie geht
man mit der Ökonomie um, dem Dreh- und Angelpunkt. Da sprach doch einer nach dem Vereinigungsparteipunkt flott auf die Frage von einer sozialistischen Marktwirtschaft. Cervantes könnte reagieren mit “Na dann Grüß Gott!”
Und so wird das Nachdenken weitergehen müssen, bis Bebels Traum sich erfüllt:” Im Mittelalter galt der Stammbaum, in der Gegenwart entscheidet sein Besitz, in der Zukunft gilt der Mensch als Mensch. Und die Zukunft gehört dem Sozialismus.” August erlebte nicht das, was nach 1920 sich in Rußland und 1945 sich ostwärts der Elbe entwickelte. Seit Jahren hängt er aber im Rahmen in den Geschäftsräumen der SPD-Oberen. Erneutes Nachdenken. Diesmal in Richtung Kabarett oder auch Nockherberg.
Es ist nun mal so, dass die Oktoberrevolution das Denken befördert.
Gruß!
Klaus Horn
Ich weiß nicht recht, was ich da würdigen soll, den Beginn einer 90jährigen Illusion?
Mit Millionen von Toten, menschlichen Tragödien und kulturellem Verfall auf der Grundlage einer “wissenschaftlichen” Weltanschauung, die ihren Praxistest gerade eben nicht bestanden hat. Und das soll ich noch würdigen?
Das Einzige was mir wirklich Achtung, Ehrfurcht aber zugleich auch Trauer abringt, sind all die Menschen die voller Enthusiasmus, voller Idealismus und im Herzen ehrlich dafür gerungen haben, deren Lebensziel zusammengebrochen ist oder die zum Teil sinnlos dafür sterben mußten.
Nicht alles was gut gemeint ist, ist auch gut.
Also, wahrscheinlich ist es besser, man hält sich nicht allzu lange mit der Vergangenheit auf und beginnt die Suche nach neuen Herausforderungen.
Und wenn man dann auf das verbesserungswürdige Geldsystem gestoßen ist, dann ist zumindest ein Weg da, den man gehen kann, wenn man will.
Dieses jetzige kapitalistische System ist sicher nicht der Weisheit letzter Schluß.
Der Sozialismus nach Marx,Engels und Lenin aber auch nicht.
Freundlichst
F.W.
Das Einzige, Frank Weise, was mir wirklich Achtung, Ehrfurcht und zugleich Trauer…
Da ist viel dran!
Klaus Horn
Stalin brachte nach und nach alle intellektuellen Parteimitglieder (Stalin war von den 16 Ministern 1917 der Einzige ohne intellektuelle Ausbildung oder Herkunft) um, die er habhaft wurde (Lenin starb früher).
Dasselbe Schicksal erlitten – nicht nur – die intellektuellen chinesischen (unter Mao) und die kambodschanischen (unter Pol Pot) Kommunisten. Also 50 bzw. 60 Jahre nach der Oktoberrevolution.
Ob Stalins Sowjetunion wirklich bis 1953 eine lebenswerte Gegenmacht gegen den Kapitalismus darstellte (man darf die Verherrlichung Stalins für Hitler in den 30er/bis 1941 nicht verharmlosen), lasse ich offen. Was nach Stalin kam, war nur noch Subventionen, Stümperei und weitere Unterdrückung von Individualismus und in Jahrplänen festgeschriebener Fortschritt.
Zu letzterem eine Anekdote: auf dem SED-71er-Parteitag wurde beschlossen, bis 1990 wäre die DDR wohnraumsorgenfrei. Dies setzte letztendlich das Volk um, sie stürzten 1989 die Regierung und lösten 1990 zugunsten der BRD die DDR auf. Damit gab es auch kein Wohnraumproblem der DDR mehr.
Zu Frank Weises Artikel vom 08.11.
Hut ab. Besser hätte ich es auch nicht schreiben können. Mit Deinen Argumenten stimme ich voll überein. Der sprichwörtliche “Nagel” wurde von Dir genau auf den Kopf getroffen.
Eine Anmerkung sei mir noch gestattet.
Die Theoretischen Lehren, ich betone hier das Wort Theoretisch, von Marx/Engels oder auch Lenin sind von Menschen übernommen aber letztendlich unterschiedlich ausgelegt worden. Worauf ich hinaus möchte ist der immer anwesende “Risikofaktor” Mensch. Sein Denken, sein Glauben, seine Ansichten und sein letztendliches danach Handeln sind nun mal nicht in einer strengen militärischen sondern freien Denkkultur zu sehen und zu begreifen (oder auch nicht…). Ich muß hierbei immer an den Satz denken, “alle unter einen Hut zu bringen”. Eine Phantasterei ohne gleichen.