Warum zum G8-Gipfel?

BILD### befragte Aktivisten nach ihrer Motivation, an den Gipfelprotesten teilzunehmen. 2: Christine Müller*

### 6/2007
Bereits 1999 beim Gipfel in Köln habe ich mich mit vielen anderen für einen Schuldenerlass der Länder des Südens eingesetzt. Damals bildeten wir eine Kette, an der sich 35 000 Menschen beteiligten. Den Bus mit TeilnehmerInnen aus Sachsen hatte ich organisiert. In den Jahren bis heute musste ich begreifen, dass Teile der sozialen Bewegungen und der kirchlichen Organisationen mit Schuldenerlass- oder ähnlichen Versprechungen vereinnahmt werden. Gleichzeitig erleben wir aber auch ein Erstarken der Basisbewegungen, der Selbstorganisierung und des Protests gegen die Logik der neoliberalen Globalisierung. Am 2.Juni fahren allein aus Leipzig 5 Busse nach Rostock, all die Zug-, Rad und andere FahrerInnen nicht mitgezählt.

Gemeinsam mit ChristInnen aus ganz verschiedenen Ländern der Erde, aber vor allem aus dem sogenannten ‚Süden’, wo sich diese tödliche Logik am deutlichsten zeigt, fordere ich die Solidarität mit der wachsenden Zahl von Menschen, die bei uns und bei ihnen, die Arbeit, ihr Zuhause, ihre Gesundheit oder ihr Leben verlieren, weil sie für die Profitmaximierung überflüssig sind oder ihr im Wege stehen.

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PROTESTE BEGANNEN SCHON IM VORFELD VON G8 (ZUM VERGRÖSSERN ANKLICKEN)

Wir beziehen uns dabei auf die biblischen Grundlagen. Der Kern der jüdischen und christlichen Traditionen ist die Würde jedes Menschen. Trotz der Herrschaftsgeschichte des Christentums hat auch dieses immer wieder widerständige und aufständische Menschen und Gruppen hervorgebracht. In diesen folgen ChristInnen einem Menschen nach, der die Tische der Geldwechsler und Opfertierhändler im Tempel umgestoßen hat, der der römischen Herrschaft Widerstand entgegengesetzt und der eine radikale Alternative gelebt hat. Der Ort dieser Gläubigen ist der Protest, die Blockade, die Demonstration und die Verkündigung: Dieses System, das über Leichen geht, muss und wird ein Ende haben! Und dies nicht nur in Heiligendamm, sondern auch im Alltag, in der täglichen Arbeit an Hoffnung und Widerstand. Wer sich auf diese Tradition bezieht, muss sich an den Protesten gegen die neoliberale Globalisierung beteiligen.
Aus diesem Grund habe ich als kirchliche Arbeitsstelle das Anti-G8 – Bündnis in Leipzig mit gegründet.

Besonders freue ich mich darüber, dass eine der bekanntesten Befreiungstheologinnen Lateinamerikas, Nancy Cardoso, eine der Hauptrednerinnen in der Veranstaltung vor der Demonstration in Rostock (Am Platz der Freundschaft / Hauptbahnhof) sein wird. Sie hat bei der Weltkirchenkonferenz 2006 in Porto Alegre in einem bemerkenswerten Referat den neoliberalen Kapitalismus hart kritisiert und den Großkirchen des Westens Komplizenschaft mit diesem System vorgeworfen.

Vom G8 – Gipfel selbst erwarte ich gar nichts. Aber ich erwarte, dass wir als globalisierungs- und kapitalismuskritische Bewegung eines deutlich machen: wir haben es satt. Oder „Sollen sie doch alle verschwinden!“ – „¡Que se vayan todos!“, wie die argentinischen Compañeras sagen.

*Christine Müller ist Beauftragte für den Kirchlichen Entwicklungsdienst Arbeitsstelle Eine Welt in der Ev. Lutherischen Landeskirche Sachsens www.arbeitsstelle-eine-welt.de

TITELFOTO: ATTAC (BLOCKADE DER ZUFAHRTEN NACH HEILIGENDAMM VOM 6.6.2007)
FOTO ZAUN: ARCHIV

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